fructus dulces http://fructusdulces.blogsport.de Sprachliches, Literarisches, Musikalisches und mehr Sat, 10 Feb 2018 17:37:20 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Jemand zu Hause? http://fructusdulces.blogsport.de/2017/11/08/jemand-zu-hause/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/11/08/jemand-zu-hause/#comments Wed, 08 Nov 2017 11:01:30 +0000 Fiammetta de Bornelh Dies und jenes http://fructusdulces.blogsport.de/2017/11/08/jemand-zu-hause/ window.document.getElementById('post-255').parentNode.className += ' adhesive_post';

In den letzten Monaten habe ich auf diesem Blog immer weniger Posts bzw. immer seltener etwas veröffentlicht. Dies liegt kurz gesagt zum einen daran, dass mir die Themen ausgehen, und zum anderen daran, dass ich weniger Zeit habe. Als ich angefangen habe, hier zu schreiben, habe ich mir gar kein Ziel gesetzt, wie viel es werden oder wie lange es gehen sollte, insofern finde ich das selbst gar nicht so tragisch.
Gelegentlich wird in Zukunft sicherlich noch etwas kommen. Kommentare werden auch weiterhin freigeschaltet und E-Mails beantwortet, ich habe meine virtuellen Zelte hier nicht abgebrochen, nur halte ich mich meistens anderswo auf.

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Kurzes mit viel Reiz http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/10/kurzes-mit-viel-reiz/ http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/10/kurzes-mit-viel-reiz/#comments Sat, 10 Feb 2018 17:19:44 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturItalienischNatalia GinzburgRezension/Kritik http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/10/kurzes-mit-viel-reiz/ Mit dem letzten Schwung von Büchern aus der Bibliothek ist auch Un‘assenza von Natalia Ginzburg bei mir gelandet, erschienen 2016 bei Einaudi in Turin, eine Sammlung von einerseits Kurzgeschichten und andererseits Essays und autobiographischen Skizzen, herausgegeben von Domenico Scarpa. Von der Autorin habe ich vor vielen Jahren mal das Lessico famigliare gelesen, eine Geschichte ihrer Familie, die sich an Aussprüchen der Familienmitglieder entlangrankt. Fand ich damals eine originelle Herangehensweise, kann mich an das Buch aber nicht mehr gut erinnern. Gefesselt hat mich vor einigen Jahren È stato così, das ich seitdem mehrmals gelesen habe (immer mal wieder aus der Bibliothek ausgeliehen). Ich meine, dass ich auch noch ein anderes längeres Buch von Natalia Ginzburg gelesen habe, meine Erinnerungen sind aber extrem schwach und vermischen sich mit irgendwelchen Geschichten von Giorgio Bassani. Gut, nun hatte ich also zweimal kurze Formen in einem Band.
Die fiktiven Geschichten fand ich allesamt sehr spannend. Schauplatz ist meistens die Familie, oft erleben wir Ereignisse aus der Sicht von Kindern oder Jugendlichen, die unter Streit und ungerechter Behandlung leiden, aber noch hoffen, dass es besser wird. Die Erzählung Mio marito hat mich sehr an den schon erwähnten kurzen Roman È stato così erinnert, der später entstanden ist: In beiden Fällen geht eine weibliche Ich-Erzählerin eine Beziehung mit einem Mann ein, ohne ihn zu lieben, eher aus Langeweile, Mangel an Alternativen und dem Wunsch nach einem höheren Lebensstandard, wird aber eifersüchtig, als sich herausstellt, dass der Mann eine andere Frau liebt. Am Ende fällt dann ein Schuss … Die autobiographischen Texte habe ich auch gern gelesen, mit den Essays konnte ich zum Teil nicht so viel anfangen, weil mir das Hintergrundwissen fehlte.
Die Texte über die Verbannung nach Süditalien und das Leben dort auf dem Dorf haben mich an Cristo si è fermato a Eboli von Carlo Levi denken lassen – berühmtes Buch, aber es ist noch nicht so lange her, dass ich es gelesen habe, ein Jahr vielleicht. Natalia Ginzburg und ihrer Familie wurde während des Faschismus das gleiche Schicksal zuteil wie dem ebenfalls aus Turin stammenden Maler und Autor, Verbannung im eigenen Land und Gebundensein an ein kleines Dorf in einer fremden Region. Das bedeutete Kulturschock und inspirierende Erweiterung des Horizonts zugleich. Ich erinnere mich, dass ich mich beim Lesen von Levis Buch gewundert habe, dass Menschen im 20. Jahrhundert in Europa noch so gelebt haben, arm, ungebildet und von Krankheiten geplagt. Von dem Leben bessergestellter Familien im Norden muss es extrem weit weggewesen sein.
Von Natalia Ginzburg gibt es noch einiges zu lesen und ich denke, dass Dranbleiben sich lohnt.

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Wiederentdeckt http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/01/wiederentdeckt/ http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/01/wiederentdeckt/#comments Thu, 01 Feb 2018 16:15:41 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturItalienischSandro PennaZitate http://fructusdulces.blogsport.de/2018/02/01/wiederentdeckt/ Wenn ich mich nicht irre, habe ich mir Sandro Pennas Poesie (Milano 2000) gekauft, als ich Ostern 2004 mit einer Freundin in Florenz war. Den Dichter hatte mir eine italienische Freundin ans Herz gelegt. Nun habe ich das hellblaue Buch nach einiger Zeit wieder in die Hand genommen und ein wenig darin herumgeblättert und viele Texte sind wirklich schön, weswegen ich wenigstens einen zitieren möchte.
Wer war Sandro Penna überhaupt? Geboren wurde er 1906 in Perugia, gestorben ist er 1977 in Rom. Er hat kurze Prosatexte verfasst, die ich nicht kenne, und dann eben Gedichte, ziemlich viele und größtenteils ziemlich kurz, oft sind es nur vier Verse, manchmal auch nur zwei. Ich würde sie als Momentaufnahmen bezeichnen, wir werden Beobachter einer kurzen Szene, in der Natur, auf der Straße oder auch im Zug. Um die deutsche Wikipedia zu zitieren: “ Es mag an Pennas Vorliebe für Knaben als Sujet seiner Gedichte liegen, dass die öffentliche Rezeption seines Werks bisher nur zurückhaltend erfolgt, obwohl Penna als einer der bedeutenden italienischen Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt.“ Auf Deutsch kann man ein bisschen was von ihm lesen, aber nur ausgewählte Texte. Ob der folgende dabei ist, weiß ich nicht – und entschuldige mich für das Fehlen einer Übersetzung, ich fühle mich zum Anfertigen einer solchen wenig berufen.

La mia poesia non sarà
un giuoco leggero
fatto con parole delicate
e malate
(sole chiaro di marzo
su foglie rabbrividenti
di platani di un verde troppo chiaro).
La mia poesia lancerà la sua forza
a perdersi nell‘infinito
(giuochi di un atleta bello
nel vespero lungo d‘estate).

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Szczęśliwego Nowego Roku! http://fructusdulces.blogsport.de/2018/01/15/szczesliwego-nowego-roku/ http://fructusdulces.blogsport.de/2018/01/15/szczesliwego-nowego-roku/#comments Mon, 15 Jan 2018 12:17:47 +0000 Fiammetta de Bornelh SpracheEtymologiePolnisch http://fructusdulces.blogsport.de/2018/01/15/szczesliwego-nowego-roku/ Der erste Monat des neuen Jahres ist bereits halb vorbei und es könnte für mich nach Abschluss eines größeren altfranzösischen Brockens wieder ein eher polnisches Jahr werden. Als ich neulich eigentlich auf CD-Jagd war, kam ich an einem Stand mit so Sprachlern-Abreißkalendern vorbei und bemerkte zu meiner großen Freude, dass auch welche für Polnisch dabei waren. Ich hätte gedacht, dass es so etwas für diese Sprache gar nicht gibt, weil es nicht so sehr viele Lernende gibt – vor Jahren hatte ich mal gesucht und nichts gefunden.
Nun bekomme ich also jeden Tag eine kleine Portion polskiego und gleich zu Beginn des Jahres habe ich wieder eine neue, lustige Lehnprägung kennengelernt: „Feuerwerk“ heißt auf Polnisch fajerwerki.
Schon vor einiger Zeit habe ich mir auch wieder polnische Liedtexte genauer angeschaut und da auch jeweils etwas Interessantes entdeckt.
Renata Przemyk beruft sich in Jakby nie miało być auf Heraklit: Mówią, że nie warto wchodzić / Do tej samej rzeki drugi raz (Sie sagen, es lohnt sich nicht / ein zweites Mal in den gleichen Fluss zu steigen).
Marek Grechuta besingt in Ocalić od zapomnienia „oczu twoich chmurność“, also wörtlich „die Wolkigkeit deiner Augen“. Chmurność bedeutet etwa „Melancholie“, chmura ist aber die Wolke. Aber nun gut, gibt es nicht auch eine „umwölkte Stirn“?

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Kleiner Nachtrag zum letzten Post http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/19/kleiner-nachtrag-zum-letzten-post/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/19/kleiner-nachtrag-zum-letzten-post/#comments Tue, 19 Dec 2017 12:44:46 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturAltfranzösischChrétien de TroyesFranzösischMittelalter http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/19/kleiner-nachtrag-zum-letzten-post/ … Ich hätte meinen letzten Text vielleicht nicht veröffentlichen sollen, ohne den Cligès bis zum Ende gelesen zu haben. Zwei kleine Dinge habe ich noch gefunden, die zum Thema Herzenstausch bzw. zum Thema „Städte nicht gegen das eigene Glück eintauschen wollen“ passen.
Gegen Ende des Romans nimmt Fenice ein Mittel, das sie scheintot macht, um ihrer Ehe mit Cligès‘ Onkel zu entkommen. Cligès holt sie wie vereinbart aus dem Grab, hält sie jedoch zunächst für tatsächlich tot und trauert um sie. In seiner Klage heißt es:

„Amie, donc sui je la mort
Qui vos ai morte, n‘est ce tort ?
Que ma vie vos ai tolue,
Et s‘ai la vostre retenue.
Donc n‘estoit moie, dolce amie,
Vostre santez et vostre vie,
Et dum n‘estoit vostre la moie ?
Car nule rien fors vos n‘amoie,
Une chose estions andui.
Or ai je fait ce que je dui !
Que vostre ame gart en mon cors,
Et la moie est del vostre fors,
Et l‘une a l‘autre, ou qu‘ele fust,
Compainnie faire deüst,
Ne riens nes deüst departir.“

(Vers 6171 ff. – Meine Freundin, bin ich also der Tod,
Der euch getötet hat, ist dies nicht unrecht?
Mein Leben habe ich euch genommen
Und das eure behalten.
Liebste Freundin, waren eure Gesundheit und euer Leben
Etwa nicht mein
Und war das meine nicht euer?
Denn ich habe niemanden als euch geliebt,
Wir beide waren eins.
Nun habe ich getan, was ich nicht hätte tun sollen!
Eure Seele behalte ich in meinem Körper
Und meine hat euren verlassen,
Dabei hätte doch eine der anderen, wo immer sie sei,
Gesellschaft leisten sollen
Und nichts hätte sie trennen sollen.

Übersetzung wie immer nach bestem Wissen und Gewissen von mir.)

Die Seelen und die Leben haben die beiden Liebenden also getauscht und Cligès glaubt, sein Leben und seine Seele seien mit Fenice gestorben. Sie lebt jedoch noch und erholt sich bald wieder. Ihr Geliebter freut sich in Vers 6250 ff. sehr darüber:

„S‘or fust Cligès duc d‘Aumarie
O de Maroc o de Tudele,
Nel prisast il une cenele
Envers la joie que il a.“

(Wenn Cligès nun Herzog von Almería
Oder von Marokko oder von Tudela wäre,
Wäre es ihm im Vergleich zu der Freude, die er hat,
Nicht einmal eine Mehlbeere wert.)

Hier werden Städte und Länder ein wenig durcheinandergewürfelt. Sowohl Almería als auch Tudela liegen im Süden von Spanien und waren einst maurisch, passend zu Marokko. Warum der Autor gerade an dieser Stelle gerade diesen Kulturkreis erwähnt, ist mir wie immer unklar.

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Wie die Rinde ohne Stamm http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/13/wie-die-rinde-ohne-stamm/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/13/wie-die-rinde-ohne-stamm/#comments Wed, 13 Dec 2017 12:23:17 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturAltfranzösischChrétien de TroyesFranzösischMittelalter http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/13/wie-die-rinde-ohne-stamm/ In Bezug auf den Chevalier de la Charette von Chrétien de Troyes habe ich ja schon einmal von der Vorstellung gesprochen, dass sich das Herz eines Menschen vom Körper trennen und bei der geliebten Person aufhalten kann. Im Cligès des gleichen Autors, den ich ja gerade (na gut: immer noch) lese, zieht sich das Motiv durch weite Teile des Texts und erreicht an der Stelle, wo Cligès und Fenice einander endlich ihre Gefühle gestehen, sozusagen seinen Höhepunkt. Weil mich die Sache so interessiert, möchte ich meine Erkenntnisse hier festhalten.
Als Cligès und Fenice einander zum ersten Mal sehen, geschieht gleich etwas Auffälliges zwischen ihnen (nachzulesen in den Versen 2754-2808): Er schickt seine Augen und sein Herz zu ihr und sie tut dasselbe.

[…] Ses eulz et son cuer i a mis,
Et cil li ra li suen promis.
Promis ? Mais doné quitement !
Doné ? Non a, par foi, je ment,
Car nus son cuer doner ne puet,
Autrement dire le m‘estuet.

(2771 ff. – […] Ihre Augen und ihr Herz hat sie in ihn gelegt,
Und er hat ihr das seine versprochen.
Versprochen? Eher ganz und gar gegeben!
Gegeben? Das hat er sicher nicht, ich lüge,
Denn niemand kann sein Herz fortgeben,
Ich muss es anders sagen.)
(Hier und im Folgenden übersetzt von mir, so wie es mir gerade einfiel)

Es folgt eine theoretische Überlegung, wie denn zwei Herzen zusammenkommen können oder wie ein Herz an zwei Orten gleichzeitig sein kann, und die ist so verstiegen, dass ich ihr auch nicht ganz folgen kann.

In Vers 4288 ff. (Fenice ist nach Griechenland übergesiedelt und Cligès hat sich an den Artushof begeben) heißt es kurz:

[…] Mais ses cuers et ses esperiz
Est a Cligès, quel part qu‘il tort,
Ne ja ne quiert qu‘a lui retort
Ses cuers, se cil nel li raporte […]

([…] Aber ihr Herz und ihr Geist
Sind bei Cligès, wohin auch immer er geht,
Und sie wünscht sich nicht, dass ihr Herz
Zu ihr zurückkehrt, wenn er es ihr nicht bringt […])

In Vers 4398 ff. bezichtigt Fenice Cligès, ihr Herz gestohlen zu haben:

Morte sui quant celui ne voi,
Qui de mon cuer m‘a desrobee,
Tant m‘a losengiee et lobee.
Par sa lobe et par sa losenge,
Mes cuers de son hostel s‘estrange
Ne ne velt o moi remanoir,
Tant het mon estre et mon manoir.

(Ich bin tot, wenn ich denjenigen nicht sehe,
Der mir mein Herz gestohlen hat,
So sehr hat er mir geschmeichelt.
Durch seine Schmeicheleien
Entfernt sich mein Herz von seinem Wohnort
Und möchte nicht bei mir bleiben,
So sehr hasst es mich und meine Wohnung.)

Ab Vers 4428 entwirft Fenice ein Bild, in dem ihr Herz Diener und Cligès‘ Herz Herr ist. (Li suens est sire et li miens sers, 4440).

Ab Vers 5025 fragt sich Cligès, der sich auf dem Rückweg nach Griechenland befindet, ob wirklich ein Herzenstausch stattgefunden hat. Fenice hat seines, das steht fest, aber hat er auch ihres? N‘onques n‘i ot plait ni covent (5033), niemals hat es eine Übereinkunft oder ein Versprechen gegeben.

Alle Zweifel werden in der sehr poetischen Passage Vers 5114-5170 beseitigt. Cligès erklärt, er sei wohl in Britannien, sein Herz jedoch in Griechenland gewesen. Fenice wiederum war zwar in Griechenland, ihr Herz jedoch in Britannien, solange Cligès sich dort aufhielt. Daraus schließen nun die beiden jungen Leute, dass ihre beiden abgängigen Herzen sich jetzt mit ihnen im Raum befinden müssen, und gestehen einander endlich: Car li miens est vostre toz quites / – Ami, et vos ravez le mien (5168 f.: Denn das meine ist ganz und gar euer /- Freund, und ihr habt eurerseits das meine).
In dieser Passage sind mir noch zwei Dinge aufgefallen. Erst einmal wird das etwas merkwürdige Bild von Baumstamm und Rinde wiederaufgenommen, bei dessen erstem Auftauchen ich mich gewundert habe, was das heißen soll. An der Stelle, an der Cligès und Fenice einander zum ersten Mal sehen, wird die Schönheit des jungen Mannes beschrieben und es heißt: Cist ot le fust o tout l‘escorce (2742), er hatte den Stamm mit der ganzen Rinde. In Vers 5116 f. sagt Cligès nun: „Qu‘ausi come escorche sanz fust / Fu mes cors sanz cuer en Bretaigne“ (Denn so wie die Rinde ohne Stamm / War mein Körper ohne Herz in Britannien). Fenice antwortet in Vers 5140 f. „En moi n‘a rien fors que l‘escorce / Car sanz cuer vif et sanz cuer sui“ (In mir ist nichts als die Rinde / Denn ohne Herz lebe ich und ohne Herz bin ich“.
Und ich hatte doch schon einmal von der im Mittelalter offenbar beliebten Formulierung geschrieben, das eigene Liebesglück nicht gegen diese oder jene Stadt eintauschen zu wollen. Auch diese findet sich im Abschnitt des Geständnisses der gegenseitigen Liebe: Fenice sagt in Vers 5134 ff.

„[…] mes or me naist
Une joie et une plaisence
Por Pavie ne por Plaisence
Sachiez, ne la voldroie perdre“

([…] aber nun verspüre ich
Eine Freude und ein Vergnügen
Nicht gegen Pavia oder Piacenza
Möchte ich sie eintauschen, dessen seid gewiss“)

Wiederum frage ich mich: Warum gerade diese Städte? Pavia und Piacenza liegen nicht so weit voneinander entfernt, die eine gehört heute zur Lombardei, die andere zur Emilia-Romagna und der französische Name von Piacenza lädt natürlich zu Spielereien ein, aber sonst …?
Wahrscheinlich steckt in den zitierten und genannten Abschnitten noch viel mehr, das mir vielleicht in zehn Jahren beim dritten Lesen auffallen wird.

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Alt- und Mittelfranzösisch :) http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/07/alt-und-mittelfranzoesisch/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/07/alt-und-mittelfranzoesisch/#comments Thu, 07 Dec 2017 16:34:59 +0000 Fiammetta de Bornelh Dies und jenesAltfranzösischÜbersetzerdaseinChorChrétien de TroyesFranzösischMittelalterZitate http://fructusdulces.blogsport.de/2017/12/07/alt-und-mittelfranzoesisch/ Jaaa, sie lebt noch – und plant für demnächst auch wieder einen längeren Post über ihre weitere Lektüre des Cligès.
Heute nun erst einmal ein kleines Sammelsurium.
Eben im Cligès fand ich die folgenden Verse lustig: (4572 ff., die Rede ist gerade von einem großen Turnier)

Ne cuidiez pas que je vos die
Por fere demore en mon conte:
„Cil roi i vindrent et cil conte
Et cist et cil et cist i furent.“

(Glaubt nicht, dass ich euch sage,
Um in meiner Erzählung innezuhalten:
„Diese Könige kamen und diese Grafen
Und die und jene und die waren da.“)

Witzig ist das deswegen, weil der Erzähler sich ansonsten ganz gern derartigen Aufzählungen hingibt oder die Handlung für mehrere hundert Verse mit Monologen unterbricht. An dieser Stelle hatte er offenbar keine Lust.

In einer ähnlichen Situation war ich neulich (englisch).

Die diversen Ensembles unter dem Namen Gondwana finde ich ja schon länger toll, aber das hier ist wirklich mal wieder ein Meisterstück. Was man aus einem bekannten Chorstück nicht so alles machen kann …

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Zwei neue asexy Blogs http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/23/zwei-neue-asexy-blogs/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/23/zwei-neue-asexy-blogs/#comments Mon, 23 Oct 2017 16:31:41 +0000 Fiammetta de Bornelh QueeresAsexual Awareness WeekAsexualität http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/23/zwei-neue-asexy-blogs/ Es ist wieder Asexual Awareness Week!
Meine gute Tat anlässlich dieser Woche soll es gewesen sein, in der Rubrik „Über Asexualität“ meine Blogroll ein wenig zu aktualisieren – Neuzugänge sind Gedankengänge eines Asses und Lass uns reden….
Ich sehe, dass einige Menschen, die auf diesen Blog gelangen, hier Texte zu meiner Orientierung suchen (zumal wenn sie von meinem mittlerweile schon drei Jahre alten Brigitte-Artikel kommen, der vor einigen Monaten nochmal hochgepusht wurde – ja ja, Mademoiselle de Bornelh ist inzwischen schon 32 und nicht mehr 29) und so viel Interessantes habe ich da sicherlich gar nicht zu bieten. Klickt lieber auf die Links in diesem Post, da findet ihr jede Menge frischer Gedanken.

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Küsse wie Brandzeichen http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/18/kuesse-wie-brandzeichen/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/18/kuesse-wie-brandzeichen/#comments Wed, 18 Oct 2017 13:26:41 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturStefan ZweigZitate http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/18/kuesse-wie-brandzeichen/ In den letzten Tagen habe ich wieder einmal Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig gelesen, den einzigen Roman des Autors, der zu dessen Lebzeiten erschien. Es geht, kurz gesagt, um einen jungen Leutnant, der sich mit der reichen Familie eines gelähmten Mädchens anfreundet. Sie verliebt sich in ihn, er ist von ihren Gefühlen überfordert und kann sie auch deshalb nicht erwidern, weil er Edith aufgrund ihrer Behinderung nicht als vollwertige Frau wahrnimmt. Von ihrer Zuneigung erfährt er ganz plötzlich, als sie ihn mit einem Kuss überrumpelt. An dieser Stelle heißt es:
„Nie in meinem Leben hab ich mehr einen derart wilden, einen so verzweifelten, einen so durstigen Kuß empfangen wie von diesem verkrüppelten Kind.“ (S. 269 in der Ausgabe vom Fischer Taschenbuch Verlag von 2000).
Das hat mich an die Novelle Verwirrung der Gefühle erinnert. In diesem Text haben wir einen jungen Studenten, der seinen Professor verehrt, von dessen abwechselnd herzlichem und abweisendem Verhalten irritiert ist und am Ende erfährt, dass er von dem Älteren leidenschaftlich geliebt wird. Beim endgültigen Abschied bittet sich der Lehrer ebenfalls einen Kuss aus, den der junge Roland folgendermaßen empfindet:
„Es war ein Kuß, wie ich ihn nie von einer Frau empfing, ein Kuß, wild und verzweifelt wie ein Todesschrei. Der zitternde Krampf seines Leibes ging in mich über. Ich schauerte von einem fremd-furchtbaren Empfinden zwiefältig gefaßt – hingegeben mit meiner Seele und doch zutiefst erschreckt von einem widrigen Wehren des männlich berührten Körpers – unheimliche Verwirrung des Gefühls, die mir verpreßte Sekunde zu betäubender Dauer zerdehnend.“ (S. 321 in der Ausgabe der „Meisternovellen“ vom Fischer Taschenbuch Verlag von 2001).
In beiden Fällen haben wir eine einseitige Passion, die aus der Sicht des Objekts geschildert wird. Beide Texte sind so konzipiert, dass der Ich-Erzähler viele Jahre später in fortgeschrittenem Alter auf eine bestimmte Phase seines Lebens zurückblickt (was für Stefan Zweig ganz typisch ist). Geliebt worden zu sein, ohne diese Liebe erwidern zu können, hat auf beide letztendlich einen stärkeren Eindruck gemacht als alle erfüllten Liebesbeziehungen, die sie je erlebt haben.
Was die Wortwahl angeht, springen einem die Parallelen sofort ins Auge, wir haben in beiden Textausschnitten „nie“, „empfangen“, „wild“ und „verzweifelt“. Beide Texte kenne ich seit vielen Jahren, aber ihre Nähe in dieser Hinsicht ist mir früher nie aufgefallen. Zigmal das Gleiche lesen ist manchmal doch gar nicht so schlecht …

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Undercover in der Schlossbibliothek http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/07/undercover-in-der-schlossbibliothek/ http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/07/undercover-in-der-schlossbibliothek/#comments Sat, 07 Oct 2017 12:22:52 +0000 Fiammetta de Bornelh LiteraturRezension/KritikStefania Bertola http://fructusdulces.blogsport.de/2017/10/07/undercover-in-der-schlossbibliothek/ Ich war ja vor Kurzem wieder einmal in Torino und natürlich bin ich dort auch (wie immer in Italien und Frankreich) auf Bücherjagd gegangen. Zu meiner großen Überraschung fand ich in einem Laden Luna di Luxor von Stefania Bertola. Von der Existenz dieses Frühwerks (erschienen 1989) wusste ich immer, hielt es aber für nicht mehr erhältlich. Nun ist es neu aufgelegt worden, natürlich musste ich es haben, natürlich habe ich es längst gelesen und natürlich habe ich etwas dazu zu sagen.
Worum geht es? Wir haben eine junge Journalistin namens Miranda, die von einer Karriere bei einem berühmten Klatschmagazin träumt. Ihre große Stunde schlägt, als sie als Bibliothekarin bei einer Adelsfamilie eingeschleust wird, um exklusiv über die Liebesbeziehung der Tochter mit einem bekannten Rockstar zu berichten. Natürlich kommt alles ein wenig anders als geplant.
In den Romanen der Autorin gibt es ja immer Chaos und Verwirrung mit zahlreichen Protagonist_innen und das ist hier auch so. Das Buch ist vielleicht noch chaotischer als die späteren, ich hatte teilweise Probleme, der Handlung zu folgen, und habe den roten Faden vermisst. Typische Schwächen eines Erstlings?
Natürlich wirkt das Ganze auch wegen des großen zeitlichen Abstands etwas fremd, es ist noch von der Tschechoslowakei und von Charles und Diana die Rede und von Handys hat natürlich noch nie jemand etwas gehört, dafür wird von öffentlichen Apparaten aus telefoniert. Was mir auch aufgefallen ist, ist die größere sexuelle Freizügigkeit und Brutalität, da geht es in den späteren Werken von Stefania Bertola doch zahmer zu.
Und ich habe das Buch ja in der Heimatstadt der Autorin gekauft und die Stadt im Buch gar nicht wiedergefunden, dafür geht es munter zwischen der Toskana, der Côte d‘Azur und Schottland hin und her. Auch das ist in den anderen Büchern anders, da sind wir immer ganz klar in Sichtweite der Mole Antonelliana.
Wir bewegen uns unter Adligen und Rockstars, alle sind prominent, leben im Luxus und haben mehr oder weniger abgedrehte Namen: Das hat mich irgendwie an den Romanzo rosa erinnert, das Buch könnte glatt in dem dort beschriebenen Workshop entstanden sein – wobei es für einen klassischen Groschenroman nach Schema F andererseits viel zu chaotisch ist. Einen entzückenden Bezug zu einem späteren Roman der gleichen Autorin habe ich auch auf Seite 87 entdeckt: Miranda soll ja angeblich die Bibliothek der adligen Familie ordnen und stößt da u. a. auf einen Band mit dem Titel Biscotti e sospetti, einen Ratgeber zum Thema Untreue in der Ehe. Genau so heißt auch eins der Bücher von Stefania Bertola. Und Claudia, Mirandas beste Freundin (in Wahrheit eine falsche Schlange), ist Autorin und auf Seite 156 erfahren wir über sie, dass sie Zitate liebt und in ihrem ersten Roman sehr viele verwendet hat. Dies trifft nun auch auf Frau Bertola zu, wobei ich sicherlich in all den Jahren noch nicht alle Anspielungen entschlüsselt habe.
Fazit? Ein interessantes Puzzleteil, um das Gesamtwerk besser zu verstehen, und darf im Bücherregal eines echten Fans nicht fehlen. Die Autorin hat sich später allerdings noch gesteigert.

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