Archiv der Kategorie 'Literatur'

Wie die Rinde ohne Stamm

In Bezug auf den Chevalier de la Charette von Chrétien de Troyes habe ich ja schon einmal von der Vorstellung gesprochen, dass sich das Herz eines Menschen vom Körper trennen und bei der geliebten Person aufhalten kann. Im Cligès des gleichen Autors, den ich ja gerade (na gut: immer noch) lese, zieht sich das Motiv durch weite Teile des Texts und erreicht an der Stelle, wo Cligès und Fenice einander endlich ihre Gefühle gestehen, sozusagen seinen Höhepunkt. Weil mich die Sache so interessiert, möchte ich meine Erkenntnisse hier festhalten. (mehr…)

Küsse wie Brandzeichen

In den letzten Tagen habe ich wieder einmal Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig gelesen, den einzigen Roman des Autors, der zu dessen Lebzeiten erschien. Es geht, kurz gesagt, um einen jungen Leutnant, der sich mit der reichen Familie eines gelähmten Mädchens anfreundet. Sie verliebt sich in ihn, er ist von ihren Gefühlen überfordert und kann sie auch deshalb nicht erwidern, weil er Edith aufgrund ihrer Behinderung nicht als vollwertige Frau wahrnimmt. Von ihrer Zuneigung erfährt er ganz plötzlich, als sie ihn mit einem Kuss überrumpelt. An dieser Stelle heißt es: (mehr…)

Undercover in der Schlossbibliothek

Ich war ja vor Kurzem wieder einmal in Torino und natürlich bin ich dort auch (wie immer in Italien und Frankreich) auf Bücherjagd gegangen. Zu meiner großen Überraschung fand ich in einem Laden Luna di Luxor von Stefania Bertola. Von der Existenz dieses Frühwerks (erschienen 1989) wusste ich immer, hielt es aber für nicht mehr erhältlich. Nun ist es neu aufgelegt worden, natürlich musste ich es haben, natürlich habe ich es längst gelesen und natürlich habe ich etwas dazu zu sagen. (mehr…)

Klappe halten

Ich habe die CSD-Saison hinter mich gebracht und mein Lesepartner hat jetzt auch wieder mehr Zeit, also haben wir uns wieder den Cligès geschnappt. Der Titelheld verhindert die Entführung seiner Angebeteten Fenice und nimmt sich jeden der zwölf Sachsen, die sie eskortieren, einzeln vor. Nur einer der Feinde überlebt diese Aktion und das auch nur, weil Cligès möchte, dass der Herzog von Sachsen von ihm erfährt, was geschehen ist. In dem Abschnitt ist mir was Bestimmtes aufgefallen: (mehr…)

Heilung für die Pfeilwunde

Über Amatonormativität hatte ich mich ja irgendwann schon einmal geäußert. Noch einmal zur Erinnerung kurz die Definition des Begriffs: „Eine soziale Norm, die romantische Beziehungen als wichtiger und wertvoller betrachtet als Freund_innenschaften oder nicht-romantische-Beziehungen.“ (Quelle). Dies impliziert, dass einer Person, die sich in keiner romantischen Beziehung befindet oder die nicht zumindest verliebt ist, zwangsläufig etwas fehlt. Wie bei vielen anderen Phänomenen hört man auch hier häufiger die Behauptung, es sei typisch für die heutige Zeit, und wie in vielen anderen Fällen stimmt die Behauptung auch hier nicht. Ich habe da in der altfranzösischen Literatur Spuren gefunden … (mehr…)