Deine Finger schreiben an den Himmel

Ich kenne da ein jiddisches und ein sephardisches Lied, deren Texte sich in einem Punkt ähneln.
In Oj dortn, dortn heißt es:

Oy, dayne oygelech, vi di shwartse karschelech
Oy, dayne lipelech, vi rosene papir
Un dayne fingerlech, vi tint un vi feyder
Oy, schraybn solstu ofte briv tsu mir (Quelle)

Übersetzung:
O deine Augen, wie schwarze Kirschen
O deine Lippen, wie rosa Papier
Und deine Finger, wie Tinte und wie Feder
O schreiben sollst du mir oft einen Brief (Quelle)

In Esta montanya d‘enfrente hören wir:

Sekretos kero deskuvrir,
Sekretos de mi vida,
El sielo kero por papel
La mar kero por tinta.
Los arvoles por pendolas,
Para ’skrivir mis males […] (Quelle: Booklet zu Yasmin Levys Album Romance & Yasmin)

Eigene Übersetzung:
Geheimnisse möchte ich offenbaren,
Geheimnisse meines Lebens,
Der Himmel soll mein Papier sein
Und das Meer meine Tinte.
Die Bäume sollen meine Federn sein,
Um meine Leiden aufzuschreiben […]

Gemeinsam ist den beiden Texten die Vorstellung, Dinge als Schreibgeräte nutzen zu können, die eigentlich keine sind – in einem Falle sind das Körperteile, im anderen Teile der Natur. Dabei frage ich mich bei dem jiddischen Text, was die Kirschen mit dem Folgenden zu tun haben sollen, und stelle mir bei dem sephardischen unwillkürlich vor, dass das Leid sehr groß sein muss, wenn der ganze Himmel benötigt wird, um es zu schildern.
Irgendwo habe ich schon einmal etwas Ähnliches gehört und wenn ich mich nicht irre, war das ein arabischer Text. Handelt es sich hier um ein häufiger auftretendes Motiv? Wenn jemand noch mehr Beispiele hat: her damit! Tippen in das Kommentarfeld reicht auch völlig aus, niemand muss Bäume ausreißen.


3 Antworten auf „Deine Finger schreiben an den Himmel“


  1. 1 Harki 22. Januar 2019 um 17:39 Uhr

    Es gibt ja am Himmel durchaus einen Buchstaben, nämlich das große W der Kassiopeia.

    Na, Lippen aus rosa Papier möchte ich mir aber lieber nicht verstellen. :-D

    Natürlich, die menschliche Haut für Tätowierungen.

    Die Kalbshaut als Pergament im Mittelalter für Urkunden. Wenn diese Urkunden halbwegs anständig aufbewahrt und zwischendurch gereinigt wurden, sehen sie so aus als ob sie gestern geschrieben worden seien, obwohl sie tausend Jahre alt sind. Habe das mal im hiesigen Staatsarchiv gesehen: ein Urkunde Ottos III., um das Jahr 1000. Du hättest die umdrehen können und auf die Rückseite den Einkaufszettel für den Lidl-Markt schreiben. Pergament, beschrieben mit Eisen-Gallus-Tinte – etwas Dauerhafteres gibt es nicht.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 22. Januar 2019 um 18:01 Uhr

    „Du hättest die umdrehen können und auf die Rückseite den Einkaufszettel für den Lidl-Markt schreiben.“

    … Na, dann hätte mich der gute Otto aber bis an mein Lebensende jede Nacht im Traum heimgesucht. :)

  3. 3 Harki 22. Januar 2019 um 18:54 Uhr

    Ach, der schwärmerische Otto III. hätte es Dir schon nachgesehen. :-) Zumal mittelalterliche Urkunden ja meistens recht recht langweilige Rechtsetzungsakte sind: Kloster X bekommt das Dorf Y übertragen. Sie sind mehr Grundbuch, keine Poesie.

    Nur so ein tausend Jahre altes Ding in den Händen zu halten, ist echt faszinierend. Das liegt da ganz einfach auf dem Schreibtisch des Archivars. Keiner faßt das mit Plissee-Handschuhen an, wie man es so oft in TV-Dokus sieht.

    Nächst Marmor gibt es keinen dauerhafteren Beschreibstoff als Pergament. Auch Bucheinbände aus Pergament sehen nach Jahrhunderten noch aus wie am ersten Tag, während Leder oft „pudrig“ und spröde wird.

    Am anderen Ende der Haltbarkeitsskala lägen dann Worte, die in den Sand oder in den Schnee geschrieben werden. Oder in den Rauhreif auf Autofensterscheiben. Oder Wolken, die eine Buchstabenformation ergeben.

    Jaaa, ich fange schon wieder an zu labern, ich weiß. Aber da hast Du eben den Historiker in mir wachgerufen.

    Bei nächster Gelegenheit schicke ich Dir einen Walroßzahn oder einen Elefantenstoßzahn mit einer Inschrift.

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