Kurzes mit viel Reiz

Mit dem letzten Schwung von Büchern aus der Bibliothek ist auch Un‘assenza von Natalia Ginzburg bei mir gelandet, erschienen 2016 bei Einaudi in Turin, eine Sammlung von einerseits Kurzgeschichten und andererseits Essays und autobiographischen Skizzen, herausgegeben von Domenico Scarpa. Von der Autorin habe ich vor vielen Jahren mal das Lessico famigliare gelesen, eine Geschichte ihrer Familie, die sich an Aussprüchen der Familienmitglieder entlangrankt. Fand ich damals eine originelle Herangehensweise, kann mich an das Buch aber nicht mehr gut erinnern. Gefesselt hat mich vor einigen Jahren È stato così, das ich seitdem mehrmals gelesen habe (immer mal wieder aus der Bibliothek ausgeliehen). Ich meine, dass ich auch noch ein anderes längeres Buch von Natalia Ginzburg gelesen habe, meine Erinnerungen sind aber extrem schwach und vermischen sich mit irgendwelchen Geschichten von Giorgio Bassani. Gut, nun hatte ich also zweimal kurze Formen in einem Band.
Die fiktiven Geschichten fand ich allesamt sehr spannend. Schauplatz ist meistens die Familie, oft erleben wir Ereignisse aus der Sicht von Kindern oder Jugendlichen, die unter Streit und ungerechter Behandlung leiden, aber noch hoffen, dass es besser wird. Die Erzählung Mio marito hat mich sehr an den schon erwähnten kurzen Roman È stato così erinnert, der später entstanden ist: In beiden Fällen geht eine weibliche Ich-Erzählerin eine Beziehung mit einem Mann ein, ohne ihn zu lieben, eher aus Langeweile, Mangel an Alternativen und dem Wunsch nach einem höheren Lebensstandard, wird aber eifersüchtig, als sich herausstellt, dass der Mann eine andere Frau liebt. Am Ende fällt dann ein Schuss … Die autobiographischen Texte habe ich auch gern gelesen, mit den Essays konnte ich zum Teil nicht so viel anfangen, weil mir das Hintergrundwissen fehlte.
Die Texte über die Verbannung nach Süditalien und das Leben dort auf dem Dorf haben mich an Cristo si è fermato a Eboli von Carlo Levi denken lassen – berühmtes Buch, aber es ist noch nicht so lange her, dass ich es gelesen habe, ein Jahr vielleicht. Natalia Ginzburg und ihrer Familie wurde während des Faschismus das gleiche Schicksal zuteil wie dem ebenfalls aus Turin stammenden Maler und Autor, Verbannung im eigenen Land und Gebundensein an ein kleines Dorf in einer fremden Region. Das bedeutete Kulturschock und inspirierende Erweiterung des Horizonts zugleich. Ich erinnere mich, dass ich mich beim Lesen von Levis Buch gewundert habe, dass Menschen im 20. Jahrhundert in Europa noch so gelebt haben, arm, ungebildet und von Krankheiten geplagt. Von dem Leben bessergestellter Familien im Norden muss es extrem weit weggewesen sein.
Von Natalia Ginzburg gibt es noch einiges zu lesen und ich denke, dass Dranbleiben sich lohnt.


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