Kleiner Nachtrag zum letzten Post

… Ich hätte meinen letzten Text vielleicht nicht veröffentlichen sollen, ohne den Cligès bis zum Ende gelesen zu haben. Zwei kleine Dinge habe ich noch gefunden, die zum Thema Herzenstausch bzw. zum Thema „Städte nicht gegen das eigene Glück eintauschen wollen“ passen.
Gegen Ende des Romans nimmt Fenice ein Mittel, das sie scheintot macht, um ihrer Ehe mit Cligès‘ Onkel zu entkommen. Cligès holt sie wie vereinbart aus dem Grab, hält sie jedoch zunächst für tatsächlich tot und trauert um sie. In seiner Klage heißt es:

„Amie, donc sui je la mort
Qui vos ai morte, n‘est ce tort ?
Que ma vie vos ai tolue,
Et s‘ai la vostre retenue.
Donc n‘estoit moie, dolce amie,
Vostre santez et vostre vie,
Et dum n‘estoit vostre la moie ?
Car nule rien fors vos n‘amoie,
Une chose estions andui.
Or ai je fait ce que je dui !
Que vostre ame gart en mon cors,
Et la moie est del vostre fors,
Et l‘une a l‘autre, ou qu‘ele fust,
Compainnie faire deüst,
Ne riens nes deüst departir.“

(Vers 6171 ff. – Meine Freundin, bin ich also der Tod,
Der euch getötet hat, ist dies nicht unrecht?
Mein Leben habe ich euch genommen
Und das eure behalten.
Liebste Freundin, waren eure Gesundheit und euer Leben
Etwa nicht mein
Und war das meine nicht euer?
Denn ich habe niemanden als euch geliebt,
Wir beide waren eins.
Nun habe ich getan, was ich nicht hätte tun sollen!
Eure Seele behalte ich in meinem Körper
Und meine hat euren verlassen,
Dabei hätte doch eine der anderen, wo immer sie sei,
Gesellschaft leisten sollen
Und nichts hätte sie trennen sollen.

Übersetzung wie immer nach bestem Wissen und Gewissen von mir.)

Die Seelen und die Leben haben die beiden Liebenden also getauscht und Cligès glaubt, sein Leben und seine Seele seien mit Fenice gestorben. Sie lebt jedoch noch und erholt sich bald wieder. Ihr Geliebter freut sich in Vers 6250 ff. sehr darüber:

„S‘or fust Cligès duc d‘Aumarie
O de Maroc o de Tudele,
Nel prisast il une cenele
Envers la joie que il a.“

(Wenn Cligès nun Herzog von Almería
Oder von Marokko oder von Tudela wäre,
Wäre es ihm im Vergleich zu der Freude, die er hat,
Nicht einmal eine Mehlbeere wert.)

Hier werden Städte und Länder ein wenig durcheinandergewürfelt. Sowohl Almería als auch Tudela liegen im Süden von Spanien und waren einst maurisch, passend zu Marokko. Warum der Autor gerade an dieser Stelle gerade diesen Kulturkreis erwähnt, ist mir wie immer unklar.


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