Wie die Rinde ohne Stamm

In Bezug auf den Chevalier de la Charette von Chrétien de Troyes habe ich ja schon einmal von der Vorstellung gesprochen, dass sich das Herz eines Menschen vom Körper trennen und bei der geliebten Person aufhalten kann. Im Cligès des gleichen Autors, den ich ja gerade (na gut: immer noch) lese, zieht sich das Motiv durch weite Teile des Texts und erreicht an der Stelle, wo Cligès und Fenice einander endlich ihre Gefühle gestehen, sozusagen seinen Höhepunkt. Weil mich die Sache so interessiert, möchte ich meine Erkenntnisse hier festhalten.
Als Cligès und Fenice einander zum ersten Mal sehen, geschieht gleich etwas Auffälliges zwischen ihnen (nachzulesen in den Versen 2754-2808): Er schickt seine Augen und sein Herz zu ihr und sie tut dasselbe.

[…] Ses eulz et son cuer i a mis,
Et cil li ra li suen promis.
Promis ? Mais doné quitement !
Doné ? Non a, par foi, je ment,
Car nus son cuer doner ne puet,
Autrement dire le m‘estuet.

(2771 ff. – […] Ihre Augen und ihr Herz hat sie in ihn gelegt,
Und er hat ihr das seine versprochen.
Versprochen? Eher ganz und gar gegeben!
Gegeben? Das hat er sicher nicht, ich lüge,
Denn niemand kann sein Herz fortgeben,
Ich muss es anders sagen.)
(Hier und im Folgenden übersetzt von mir, so wie es mir gerade einfiel)

Es folgt eine theoretische Überlegung, wie denn zwei Herzen zusammenkommen können oder wie ein Herz an zwei Orten gleichzeitig sein kann, und die ist so verstiegen, dass ich ihr auch nicht ganz folgen kann.

In Vers 4288 ff. (Fenice ist nach Griechenland übergesiedelt und Cligès hat sich an den Artushof begeben) heißt es kurz:

[…] Mais ses cuers et ses esperiz
Est a Cligès, quel part qu‘il tort,
Ne ja ne quiert qu‘a lui retort
Ses cuers, se cil nel li raporte […]

([…] Aber ihr Herz und ihr Geist
Sind bei Cligès, wohin auch immer er geht,
Und sie wünscht sich nicht, dass ihr Herz
Zu ihr zurückkehrt, wenn er es ihr nicht bringt […])

In Vers 4398 ff. bezichtigt Fenice Cligès, ihr Herz gestohlen zu haben:

Morte sui quant celui ne voi,
Qui de mon cuer m‘a desrobee,
Tant m‘a losengiee et lobee.
Par sa lobe et par sa losenge,
Mes cuers de son hostel s‘estrange
Ne ne velt o moi remanoir,
Tant het mon estre et mon manoir.

(Ich bin tot, wenn ich denjenigen nicht sehe,
Der mir mein Herz gestohlen hat,
So sehr hat er mir geschmeichelt.
Durch seine Schmeicheleien
Entfernt sich mein Herz von seinem Wohnort
Und möchte nicht bei mir bleiben,
So sehr hasst es mich und meine Wohnung.)

Ab Vers 4428 entwirft Fenice ein Bild, in dem ihr Herz Diener und Cligès‘ Herz Herr ist. (Li suens est sire et li miens sers, 4440).

Ab Vers 5025 fragt sich Cligès, der sich auf dem Rückweg nach Griechenland befindet, ob wirklich ein Herzenstausch stattgefunden hat. Fenice hat seines, das steht fest, aber hat er auch ihres? N‘onques n‘i ot plait ni covent (5033), niemals hat es eine Übereinkunft oder ein Versprechen gegeben.

Alle Zweifel werden in der sehr poetischen Passage Vers 5114-5170 beseitigt. Cligès erklärt, er sei wohl in Britannien, sein Herz jedoch in Griechenland gewesen. Fenice wiederum war zwar in Griechenland, ihr Herz jedoch in Britannien, solange Cligès sich dort aufhielt. Daraus schließen nun die beiden jungen Leute, dass ihre beiden abgängigen Herzen sich jetzt mit ihnen im Raum befinden müssen, und gestehen einander endlich: Car li miens est vostre toz quites / – Ami, et vos ravez le mien (5168 f.: Denn das meine ist ganz und gar euer /- Freund, und ihr habt eurerseits das meine).
In dieser Passage sind mir noch zwei Dinge aufgefallen. Erst einmal wird das etwas merkwürdige Bild von Baumstamm und Rinde wiederaufgenommen, bei dessen erstem Auftauchen ich mich gewundert habe, was das heißen soll. An der Stelle, an der Cligès und Fenice einander zum ersten Mal sehen, wird die Schönheit des jungen Mannes beschrieben und es heißt: Cist ot le fust o tout l‘escorce (2742), er hatte den Stamm mit der ganzen Rinde. In Vers 5116 f. sagt Cligès nun: „Qu‘ausi come escorche sanz fust / Fu mes cors sanz cuer en Bretaigne“ (Denn so wie die Rinde ohne Stamm / War mein Körper ohne Herz in Britannien). Fenice antwortet in Vers 5140 f. „En moi n‘a rien fors que l‘escorce / Car sanz cuer vif et sanz cuer sui“ (In mir ist nichts als die Rinde / Denn ohne Herz lebe ich und ohne Herz bin ich“.
Und ich hatte doch schon einmal von der im Mittelalter offenbar beliebten Formulierung geschrieben, das eigene Liebesglück nicht gegen diese oder jene Stadt eintauschen zu wollen. Auch diese findet sich im Abschnitt des Geständnisses der gegenseitigen Liebe: Fenice sagt in Vers 5134 ff.

„[…] mes or me naist
Une joie et une plaisence
Por Pavie ne por Plaisence
Sachiez, ne la voldroie perdre“

([…] aber nun verspüre ich
Eine Freude und ein Vergnügen
Nicht gegen Pavia oder Piacenza
Möchte ich sie eintauschen, dessen seid gewiss“)

Wiederum frage ich mich: Warum gerade diese Städte? Pavia und Piacenza liegen nicht so weit voneinander entfernt, die eine gehört heute zur Lombardei, die andere zur Emilia-Romagna und der französische Name von Piacenza lädt natürlich zu Spielereien ein, aber sonst …?
Wahrscheinlich steckt in den zitierten und genannten Abschnitten noch viel mehr, das mir vielleicht in zehn Jahren beim dritten Lesen auffallen wird.


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