Küsse wie Brandzeichen

In den letzten Tagen habe ich wieder einmal Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig gelesen, den einzigen Roman des Autors, der zu dessen Lebzeiten erschien. Es geht, kurz gesagt, um einen jungen Leutnant, der sich mit der reichen Familie eines gelähmten Mädchens anfreundet. Sie verliebt sich in ihn, er ist von ihren Gefühlen überfordert und kann sie auch deshalb nicht erwidern, weil er Edith aufgrund ihrer Behinderung nicht als vollwertige Frau wahrnimmt. Von ihrer Zuneigung erfährt er ganz plötzlich, als sie ihn mit einem Kuss überrumpelt. An dieser Stelle heißt es:
„Nie in meinem Leben hab ich mehr einen derart wilden, einen so verzweifelten, einen so durstigen Kuß empfangen wie von diesem verkrüppelten Kind.“ (S. 269 in der Ausgabe vom Fischer Taschenbuch Verlag von 2000).
Das hat mich an die Novelle Verwirrung der Gefühle erinnert. In diesem Text haben wir einen jungen Studenten, der seinen Professor verehrt, von dessen abwechselnd herzlichem und abweisendem Verhalten irritiert ist und am Ende erfährt, dass er von dem Älteren leidenschaftlich geliebt wird. Beim endgültigen Abschied bittet sich der Lehrer ebenfalls einen Kuss aus, den der junge Roland folgendermaßen empfindet:
„Es war ein Kuß, wie ich ihn nie von einer Frau empfing, ein Kuß, wild und verzweifelt wie ein Todesschrei. Der zitternde Krampf seines Leibes ging in mich über. Ich schauerte von einem fremd-furchtbaren Empfinden zwiefältig gefaßt – hingegeben mit meiner Seele und doch zutiefst erschreckt von einem widrigen Wehren des männlich berührten Körpers – unheimliche Verwirrung des Gefühls, die mir verpreßte Sekunde zu betäubender Dauer zerdehnend.“ (S. 321 in der Ausgabe der „Meisternovellen“ vom Fischer Taschenbuch Verlag von 2001).
In beiden Fällen haben wir eine einseitige Passion, die aus der Sicht des Objekts geschildert wird. Beide Texte sind so konzipiert, dass der Ich-Erzähler viele Jahre später in fortgeschrittenem Alter auf eine bestimmte Phase seines Lebens zurückblickt (was für Stefan Zweig ganz typisch ist). Geliebt worden zu sein, ohne diese Liebe erwidern zu können, hat auf beide letztendlich einen stärkeren Eindruck gemacht als alle erfüllten Liebesbeziehungen, die sie je erlebt haben.
Was die Wortwahl angeht, springen einem die Parallelen sofort ins Auge, wir haben in beiden Textausschnitten „nie“, „empfangen“, „wild“ und „verzweifelt“. Beide Texte kenne ich seit vielen Jahren, aber ihre Nähe in dieser Hinsicht ist mir früher nie aufgefallen. Zigmal das Gleiche lesen ist manchmal doch gar nicht so schlecht …


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