Undercover in der Schlossbibliothek

Ich war ja vor Kurzem wieder einmal in Torino und natürlich bin ich dort auch (wie immer in Italien und Frankreich) auf Bücherjagd gegangen. Zu meiner großen Überraschung fand ich in einem Laden Luna di Luxor von Stefania Bertola. Von der Existenz dieses Frühwerks (erschienen 1989) wusste ich immer, hielt es aber für nicht mehr erhältlich. Nun ist es neu aufgelegt worden, natürlich musste ich es haben, natürlich habe ich es längst gelesen und natürlich habe ich etwas dazu zu sagen.
Worum geht es? Wir haben eine junge Journalistin namens Miranda, die von einer Karriere bei einem berühmten Klatschmagazin träumt. Ihre große Stunde schlägt, als sie als Bibliothekarin bei einer Adelsfamilie eingeschleust wird, um exklusiv über die Liebesbeziehung der Tochter mit einem bekannten Rockstar zu berichten. Natürlich kommt alles ein wenig anders als geplant.
In den Romanen der Autorin gibt es ja immer Chaos und Verwirrung mit zahlreichen Protagonist_innen und das ist hier auch so. Das Buch ist vielleicht noch chaotischer als die späteren, ich hatte teilweise Probleme, der Handlung zu folgen, und habe den roten Faden vermisst. Typische Schwächen eines Erstlings?
Natürlich wirkt das Ganze auch wegen des großen zeitlichen Abstands etwas fremd, es ist noch von der Tschechoslowakei und von Charles und Diana die Rede und von Handys hat natürlich noch nie jemand etwas gehört, dafür wird von öffentlichen Apparaten aus telefoniert. Was mir auch aufgefallen ist, ist die größere sexuelle Freizügigkeit und Brutalität, da geht es in den späteren Werken von Stefania Bertola doch zahmer zu.
Und ich habe das Buch ja in der Heimatstadt der Autorin gekauft und die Stadt im Buch gar nicht wiedergefunden, dafür geht es munter zwischen der Toskana, der Côte d‘Azur und Schottland hin und her. Auch das ist in den anderen Büchern anders, da sind wir immer ganz klar in Sichtweite der Mole Antonelliana.
Wir bewegen uns unter Adligen und Rockstars, alle sind prominent, leben im Luxus und haben mehr oder weniger abgedrehte Namen: Das hat mich irgendwie an den Romanzo rosa erinnert, das Buch könnte glatt in dem dort beschriebenen Workshop entstanden sein – wobei es für einen klassischen Groschenroman nach Schema F andererseits viel zu chaotisch ist. Einen entzückenden Bezug zu einem späteren Roman der gleichen Autorin habe ich auch auf Seite 87 entdeckt: Miranda soll ja angeblich die Bibliothek der adligen Familie ordnen und stößt da u. a. auf einen Band mit dem Titel Biscotti e sospetti, einen Ratgeber zum Thema Untreue in der Ehe. Genau so heißt auch eins der Bücher von Stefania Bertola. Und Claudia, Mirandas beste Freundin (in Wahrheit eine falsche Schlange), ist Autorin und auf Seite 156 erfahren wir über sie, dass sie Zitate liebt und in ihrem ersten Roman sehr viele verwendet hat. Dies trifft nun auch auf Frau Bertola zu, wobei ich sicherlich in all den Jahren noch nicht alle Anspielungen entschlüsselt habe.
Fazit? Ein interessantes Puzzleteil, um das Gesamtwerk besser zu verstehen, und darf im Bücherregal eines echten Fans nicht fehlen. Die Autorin hat sich später allerdings noch gesteigert.


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