Der König und seine Geliebte

In einem Kino in meiner Nähe sind gerade Hongkong-Filmtage angesagt und ich habe die Gelegenheit genutzt, um mir Lebewohl, meine Konkubine (Regisseur Chen Kaige, 1993) anzuschauen. Den Film hatte mir viele Jahre zuvor ein chinesischer Freund ans Herz gelegt, wobei ich erst kurz vor dem Gucken erfahren habe, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt, das Buch soll sehr lang und komplex sein.
Lang ist nun auch der Film, 170 Minuten gilt es durchzuhalten. Könnte der längste Film sein, den ich je gesehen habe – wie viele Minuten dauert Stalker von Tarkowski? Während der ersten Stunde geht es nur um die Kindheit der beiden männlichen Hauptpersonen, wie sie in dieser strengen Schule für künftige Opernsänger aufwachsen und von ihrem Meister misshandelt werden. Ich hätte ja gedacht, in der Oper gehe es hauptsächlich ums Singen und an einer Opernschule werde Gesang gelehrt, vielleicht noch Theorie und Instrumente, aber das Entscheidende scheint die körperliche Biegsamkeit zu sein, damit man später akrobatische Kunststücke vorführen kann. Die jungen Körper werden wie angedeutet unter Qualen gedehnt, nebenbei werden Texte aus traditionellen Stücken gelernt.
Kurz gesagt geht es im Film um eine Dreiecksgeschichte: Der eine Sänger, ein recht tuntiger Typ, ist in seinen langjährigen Freund und Kollegen verschossen, der aber nur Frauen mag, insbesondere eine, eine Prostituierte, die er heiratet und zu einer ehrbaren Frau macht. Die drei erleben den Aufstieg und Fall verschiedener Regimes und drehen ihr Fähnchen oft nach dem Wind, damit die Herren ihrer Tätigkeit weiter nachgehen können. Wenigstens die Oper soll immer gleich bleiben, aber im Kommunismus wird das dann sehr schwierig. Ich persönlich finde die Frau (die übrigens von Gong Li gespielt wird, die ich aus 2046 kenne, während Leslie Cheung, der den schwulen Cheng spielt, auch in Happy together von Wong Kar-Wai zu sehen ist) sympathischer als den Schwulen, er hat doch einen ziemlichen Schuss weg und verliert immer mehr den Bezug zur Realität. Mir tat es leid, dass das Heteropaar am Ende nicht mehr zusammen ist. Cheng hätte sich doch diesen reichen Opernliebhaber (Name vergessen) krallen können, der genau so tuntig und abgedreht wie er ist.
Was man im Film häufig sieht: Zum einen langsam fließende Tränen (oder auch langsam fließendes Blut) und zum anderen Gegenstände, die von einem Tisch gefegt werden. Kann man bei Letzterem einen Bezug zu den wechselnden Regimes sehen, die jeweils versuchen, alles Vorherige ungeschehen zu machen? Gerade im kommunistischen Staat, der zum Schluss gezeigt wird, ist man ja nicht gerade zimperlich. Und „Lebewohl“ bzw. „Auf Wiedersehen“ sagen die Leute häufiger (ich habe den Film auf Deutsch gesehen, kann kein Chinesisch und weiß nicht, was für Abschiedsformeln es in dieser Sprache gibt). Natürlich gibt es Parallelen zwischen der beliebten Oper, die dem Film ihren Titel gibt und so oft aufgeführt wird, und dem, was im Film außerhalb der Oper geschieht – auch der Sänger Duan trennt sich am Ende unter Druck von seiner „Konkubine“, der ehemaligen Prostituierten.
Ich kann nun sagen, dass Lieder aus der Pekingoper zu den wenigen Musikrichtungen gehören, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann. Ist das ein Gequietsche – da spricht mich die tänzerische Ebene noch eher an. Ist aber durchaus ein sehenswerter Film und ich kann nachvollziehen, warum er so berühmt ist.


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