Romanischer Gemüsesalat

Da ich momentan etwas mehr Zeit habe, nutze ich diese, um wieder einmal einen Wortsalat auf den Tisch zu bringen.
Zunächst sind mir einmal eine deutsch-italienische und einmal eine französisch-italienische Gemeinsamkeit aufgefallen: Schon als Kind habe ich häufiger gehört und gesagt „da lachen ja die Hühner“. Nun habe ich in einer Erzählung von Primo Levi die Formulierung „fa ridere i polli“ gelesen, d. h. „das bringt die Hühner zum Lachen.“ Bis dahin war mir nicht klar, dass es die gleiche Wendung in beiden Sprachen gibt.
Der italienische und der französische Sprachraum reichen sich in Bezug auf Gemüse die Hände: Aus meiner Schulzeit in Italien kenne ich die Aufforderung „fatti i cavoli tuoi“, also „kümmere dich um deinen eigenen Kohl“. In Bezug auf die Verwendung von „cavolo“ im Italienischen ist allerdings zu sagen, dass man dieses Wort ausspricht, um ein anderes, vulgäres nicht auszusprechen, das ebenfalls mit ca- anfängt und sich in der Mitte mit zwei z schreibt (ein ähnliches Phänomen wie unser „Scheibenkleister“). Seit Kurzem weiß ich nun, dass man auf Französisch sagen kann „occupe-toi de tes oignons“, also „kümmere dich um deine Zwiebeln“. Jetzt stelle ich mir die romanischsprachigen Völker in ihren Gärten vor, wie sie nur auf ihr eigenes Gemüse schauen und ganz sicher nicht auf das der Nachbarin.
Ebenfalls bei Primo Levi (ja ja, in meiner Lieblingsbibliothek gibt es sämtliche Erzählungen in einem Band und ich habe mir den Schinken gerade reingezogen, wobei ich einiges schon kannte) bin ich auf den piemontesischen Begriff gagnô gestoßen. Erklärt wird er folgendermaßen (ich übersetze mal gleich): „Das Wort ist voll von Spott. Schüler der zweiten Klasse bezeichnen die aus der ersten Klasse so“. Ins Italienische übersetzt wird er mit „bambino“, also „Kind“. Ich wurde sofort hellhörig (sofern man das beim Lesen werden kann), da ich mich aus meiner schon weiter oben erwähnten Schulzeit in Italien an das Wort „gagna“ erinnern kann – ich kenne es nur in der weiblichen Form, was aber nicht heißt, dass es damals nicht auch in der männlichen verwendet wurde. Die Bedeutung war in unserem Munde etwa „unreifes Ding“, d. h. 17 Jahre alte Personen konnten 14-Jährige so nennen. Ich dachte immer, das sei damals eben Jugendsprache gewesen; dass das Wort piemontesisch ist, war mir nicht klar.
Noch was Kurzes, das ich im Französischen kürzlich neu gelernt habe: cartonner in der Bedeutung „großen Erfolg haben“, man kann das z. B. über einen Film sagen. Laut Petit Robert kommt das von „carton“ im Sinne von „Pappscheibe, auf die man schießt“. Ein erfolgreicher Film ist also ein Volltreffer.
Pappscheiben weichen allerdings bei den derzeitigen Witterungsverhältnissen leicht durch. Ich hoffe, niemand der hier Mitlesenden hat sich selbst nasse Füße geholt oder steht mit dem eigenen Haus im Nassen.


2 Antworten auf „Romanischer Gemüsesalat“


  1. 1 Carmen Keßler 06. September 2017 um 16:42 Uhr

    Keine Sprache entwickelt sich nur aus indigenen Elementen. Keine Kultur ist eine Insel, nicht einmal die japanische ;) Diese gegenseitigen Durchdringungen und Ähnlichkeiten finde ich auch im archäologisch-historischen Bereich interessant.
    Danke für diese kleinen Häppchen.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 06. September 2017 um 17:03 Uhr

    Freut mich, wenn Kohl und Zwiebeln geschmeckt haben. :)
    Von Japan weiß ich: In Nagasaki essen sie einen bestimmten Kuchen (Castella), den vor Jahrhunderten die Portugiesen mitgebracht haben.

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