Heilung für die Pfeilwunde

Über Amatonormativität hatte ich mich ja irgendwann schon einmal geäußert. Noch einmal zur Erinnerung kurz die Definition des Begriffs: „Eine soziale Norm, die romantische Beziehungen als wichtiger und wertvoller betrachtet als Freund_innenschaften oder nicht-romantische-Beziehungen.“ (Quelle). Dies impliziert, dass einer Person, die sich in keiner romantischen Beziehung befindet oder die nicht zumindest verliebt ist, zwangsläufig etwas fehlt. Wie bei vielen anderen Phänomenen hört man auch hier häufiger die Behauptung, es sei typisch für die heutige Zeit, und wie in vielen anderen Fällen stimmt die Behauptung auch hier nicht. Ich habe da in der altfranzösischen Literatur Spuren gefunden …
Es ist nun so: Beim altfranzösischen Roman und beim Lai (stellt euch diese Textsorte ungefähr so wie eine Novelle vor) handelt es sich um höfische Literatur und die höfische Literatur ist nicht denkbar ohne höfische Liebe, sprich ein Herr verliebt sich in eine sozial höher stehende und verheiratete Dame, schmachtet sie an und dieses Schmachten und Sehnen treibt ihn an, sich generell möglichst vorbildlich zu verhalten, um ihrer würdig zu sein. Seine guten Taten kommen nicht nur der Angebeteten zugute, sondern der gesamten Gesellschaft. Wer nicht liebt, kann daher kein vollwertiges Mitglied der höfischen Gesellschaft sein und ist irgendwie suspekt.
Ich lese ja gerade den Cligès (d. h. momentan liegt das Ganze auf Eis, da mein Lesepartner anderweitig eingespannt ist) und die Geschichte beginnt ja damit, dass die (aus zwei verschiedenen Kulturkreisen stammenden) Eltern des Titelhelden einander kennenlernen, nach langem Schmachten zusammenfinden und einen Sohn bekommen. Cligès‘ Mutter heißt Soredamor und bevor sie dem feschen Alixandre begegnet, ist ihr kleines Herzchen eher kühl. In Vers 446 ff. lesen wir Folgendes:
[…] Qui desdeigneuse estoit d‘amors,
N‘onques n‘avoit oï parler
D‘ome qu‘ele deignast amer,
Tant eüst biauté ne proesce
Ne seignorie ne hautece.
Et neporquant la damoisele
Estoit tant avenanz et bele
Que bien deüst d‘amors aprendre
S‘il lui pleüst a ce entendre,
Mes onques n‘i volt mestre entente.
Or la fera Amors dolente
Et molt se cuide bien venchier […]

([…] Die die Liebe verachtete
Und nie von einem Mann gehört hatte,
Den sie sich herabgelassen hätte zu lieben,
Wie schön er auch sei, wie tapfer
Und von wie hoher Geburt.
Und dabei war das junge Fräulein
So schön und von so gewinnendem Wesen,
Dass sie von der Liebe hätte lernen sollen,
Hätte es ihr gefallen, sich damit zu befassen,
Aber nie zeigte sie Interesse daran.
Nun wird Amor sie leiden lassen
Und ist darauf bedacht, sich grausam zu rächen […])

Amor als Lehrer ist ein ganz häufiges Motiv, das in anderen Texten noch viel weiter ausgearbeitet und hier nur angedeutet wird. Also, Soredamor ist jung und schön und möchte von keinem Manne etwas wissen? Was für eine Verschwendung! Im Folgenden wird sie ja sehr leiden, bevor sie und Alixandre endlich erfahren, dass der_die jeweils Andere das Gleiche empfindet und ganz abgesehen davon, dass in solchen Texten immer viel geschmachtet wird, sind die starken Gefühle und die Ungewissheit auch die Strafe für die allzu Stolze.
Als ich diese Passage las, dachte ich gleich an den Titelhelden aus dem Lai Guigemar von Marie de France. Was ist das für einer? In Vers 57 ff. heißt es:
De tant i out mespris Nature
Ke unc de nule amur n‘ot cure.
Suz ciel n‘out dame ne pucele
Ki tant par fust noble ne belle,
Se il dë amer la requeïst,
Ke volentiers nel retenist.
Plusurs le requistrent suvent,
Mais il n‘aveit de ceo talent.
Nuls ne se pout aparceveir
Ke il volsist amur aveir :
Pur ceo le tienent a peri
E li estrange e si ami.

(Einen Fehler hatte die Natur sich erlaubt:
Nie kümmerte er sich um irgendeine Liebe.
Unter dem Himmel gab es keine Dame oder Jungfrau,
Wie edel und schön sie auch sei,
Die ihn nicht gern erhört hätte,
Hätte er ihr seine Liebe angetragen.
Viele näherten sich ihm oft,
Aber er verspürte keinen Wunsch danach.
Niemand bemerkte je,
Dass es ihn nach Liebe verlangt hätte.
Deswegen gaben sowohl Fremde
Als auch seine Freunde ihn verloren.)

Mit dem Typen stimmt doch was nicht! „Roboter“ konnten seine Freunde ihn noch nicht nennen, weil es damals noch keine gab. Bleibt er so und schafft es, die anderen zu überzeugen, dass er genau so, wie er ist, glücklich ist? No way! Schon in Vers 108 ff. verflucht ihn die Hirschkuh, die er angeschossen hat, wobei er ebenfalls verletzt wurde (der Pfeil prallt am Tierkörper ab und wusch rein in Guigemars Schenkel):
Tel seit la tue destinee :
Jamais n‘aies tu medecine,
Ne par herbe, ne par racine !
Ne par mire, ne par poisun
N‘avras tu jamés garisun
De la plaie k‘as en la quisse,
De si ke cele te guarisse
Ki suffera pur tue amur
Issi grant peine e tel dolur
K‘unkes femme taunt ne suffri,
E tu referas taunt pur li ;
Dunt tuit cil s‘esmerveillerunt
Ki aiment e amé avrunt
U ki pois amerunt après.

(Dies soll dein Schicksal sein:
Nie soll es eine Medizin für dich geben,
Weder aus Kräutern noch aus Wurzeln!
Nicht durch einen Arzt noch durch einen Trank
Sollst du jemals geheilt werden
Von der Wunde, die du im Schenkel hast,
Bis diejenige dich heilt,
Die aus Liebe zu dir
So großen Schmerz leiden wird,
Wie ihn nie eine Frau erlitten hat,
Und du wirst für sie ebenso empfinden,
Sodass alle erstaunt sein werden,
Die lieben, je geliebt haben
Oder später lieben werden.)

Um nicht zu viel Text zu zitieren (obwohl die Geschichte mit dem von selbst fahrenden Schiff, dem Knoten im Hemd etc. ganz unterhaltsam ist): So kommt es dann auch.
Wenn in der französischen (und wahrscheinlich nicht nur in der französischen) Literatur des Mittelalters eine Person von der Liebe nichts wissen will, kann man davon ausgehen, dass das nicht so bleibt. Es kann nicht so bleiben, weil es undenkbar ist. Und wenn das nicht Amatonormativität ist, weiß ich es auch nicht.


2 Antworten auf „Heilung für die Pfeilwunde“


  1. 1 Carmilla DeWinter 23. Juni 2017 um 11:29 Uhr

    Ach ja … *seufz* Vielen Dank für diese aufschlussreichen Zeilen.
    Amatonormativität ist offensichtlich nichts Neues. Allerdings hat sich unsere Gesellschaftsstruktur doch etwas gewandelt seitdem – vielleicht kommt es mir nur so vor, aber an romantische Bindungen werden mehr Erwartungen gestellt als früher?
    Das ist dann aber weniger ein Problem der Amatonormativität, denke ich.

    Ich meine übrigens, schon Augustinus hat behauptet, dass eins von der Liebe lernen kann (zumindest deutet „Liebe, dann tu, was du willst“ sehr in diese Richtung), und das zieht sich so durch die Jahrhunderte, als gäbe es nur eine Sorte Liebe. (Wir haben zu wenige Wörter für dieses Phänomen.)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 23. Juni 2017 um 17:20 Uhr

    Die höfische Liebe schöpft aus den Äußerungen diverser Philosophen, eventuell auch Augustinus, das weiß ich nicht mehr so genau.
    In dieser Art von Texten ist schon auch von tiefer Verbundenheit innerhalb der Familie und unter engen Freund_innen die Rede, aber die romantische Liebe zwischen Mann und Frau steht doch über allem. Wie jeweils was bezeichnet wird, ob die verwendeten Wörter je nach Situation andere sind, müsste man sich genauer anschauen, habe ich nie gemacht.

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