Erdnüsse? Erdnussschalen!

Ick bin ja schon so‘n bisschen entsetzt.
Bekanntermaßen arbeite als freie Übersetzerin; selten korrigiere/überarbeite ich Übersetzungen anderer Leute. Das Korrektorat oder Lektorat deutscher Texte übernehme ich so gut wie nie gegen Bezahlung, in der Regel mache ich sowas für Freund_innen, wenn die Bewerbungen oder Romane schreiben. ;) Daher wusste ich bis vorgestern wenig darüber, was man da so verdienen kann, wie die Aufträge vergeben werden etc. Was war vorgestern? Da landete erstmals etwas in meinem Postfach …
Im Folgenden die Original-Mails mit geänderten Namen.
27. 5. 2017, 17:03
Könntest Du auch 9 Seiten umschreiben bis morgen Abend?

Beste Grüße

Gianni

27. 5. 2017, 17:09, betreffende Arbeit als Datei angehängt
Liebe Fiammetta,

hast DU Interesse am Lektorat [Name des Auftraggebers] 41 NS f 41 EURO netto bis Montag, 9 UHR?

Beste Grüße

Gianni

29. 5. 2017, 11:10 – betreffende Arbeit als Datei angehängt

Liebe Fiammetta,

hättest Du Interesse an einem neuen Auftrag?

Lektorat: [Name des Auftraggebers]

Umfang: ca. 45 Normseiten (ohne Verzeichnisse, Literaturverzeichnis, Fußnoten, Anhang)
Bis spätestens: 30.05.2017, 9:15 UHR !
Honorar: 45 € netto

Bitte: Darauf achten, ob roter Faden eingehalten wird, bzw. sichtbar ist.
Dazu auch ruhig hilfreiche kritische Anmerkungen in den Kommentaren
geben. Wird logisch geschlussfolgert? Sind die Übergänge stimmig?
Was sollte noch verbessert werden… Ein zusammenfassendes Feedback
in der Mail, die Du uns mit dem fertigen Lektorat zusendest, ist wichtig.
Bitte für zukünftige Lektorate immer so machen.

Gib mir bitte gleich Feedback, ob Du den Auftrag annehmen möchtest.
Bitte erst nach meinem final GO mit der Umsetzung beginnen.

Lieben Gruß,

Gianni

Meine Antwort, 29. 5. 2017 11:27

Guten Tag,
Woher haben Sie denn meine Adresse und wie kommen Sie darauf, dass ich wissenschaftliche Arbeiten lektoriere? Sollte ich mich irgendwann einmal für solche Dinge beworben haben, muss das sehr lange her sein.
In jedem Falle habe ich kein Interesse.
MfG,
Fiammetta de Bornelh

Der hier als Gianni zitierte Herr arbeitet für ein offenbar größeres Unternehmen, das Korrektorat und Lektorat für wissenschaftliche Arbeiten anbietet. Außerdem im Portfolio sind Übersetzungen aus dem Deutschen in einige Fremdsprachen sowie Nachhilfeunterricht in Mathematik und Statistik. Ein Soapstar macht Werbung für den Laden. Bei einer kurzen Internetrecherche fand ich viele positive Kommentare von Kund_innen.
Meine Recherche auf der Website des Ladens selbst ergab, dass unter einer Normseite 1600 Zeichen inkl. Leerzeichen verstanden werden. (Von literarischen Übersetzungen kenne ich 30 Zeilen à 60 Anschläge als Normseite, was oft als 1800 Zeichen umgerechnet wird, was aber nicht korrekt ist – egal – ist jemandem „Normseite = 1600 Zeichen“ geläufig? Ich persönlich kannte das nicht). Da ich daran gewöhnt bin, pro Wort abzurechnen, wollte ich wissen, wie viele Wörter das denn sind. Ich habe in ein paar deutschen Dokumenten auf meinem Compi Wörter und Zeichen gezählt, in die Tasten meines kleinen Taschenrechners getippt und das Ergebnis war: 1600 Zeichen mit Leerzeichen entsprechen 200 bis 240 deutschen Wörtern. Wir erinnern uns: Für diese Menge gibt es einen Euro. Der Wortpreis liegt somit bei 0,004 bis 0,005 Euro. Yeah. Und wir reden hier nicht von einer bloßen Suche und Eliminierung von Rechtschreibfehlern, sondern vom Nachvollziehen und ggf. Neuknüpfen eines roten Fadens etc.
Die ersten beiden Mails kamen wie man sieht dicht hintereinander am Samstag. Da war ich den ganzen Tag unterwegs und am Sonntag den größten Teil des Tages, sodass ich sie gar nicht beantwortet habe, ich glaubte auch noch halb an Spam oder irgendeinen Scherz. Als heute Vormittag noch eine kam, habe ich dann doch mal zurückgeschrieben. Ich habe echt keine Ahnung, wie die auf mich kommen – sicher, meine beruflichen Daten inkl. Mailadresse sind öffentlich verfügbar, aber dann könnten sie doch sagen, wo genau sie mich gefunden haben …? Ich sehe gerade, dass ich auf einem großen Übersetzerportal bei den Dienstleistungen tatsächlich auch „Lektorieren“ angekreuzt habe, aber damit sind auf eben diesem Portal schon eher Übersetzungen gemeint. Vor allem früher habe ich an diverse Stellen Initiativbewerbungen geschickt, aber der Laden sagte mir nun wirklich gar nichts. Egal, jedenfalls finde ich es auch recht scharf, dass an zwei Mails Dateien angehängt waren, sprich dass sie die Arbeiten ihrer Kund_innen an irgendwelche Leute schicken, die sie überhaupt nicht kennen. Natürlich übersetze ich manchmal Texte, die vertraulich sind, aber in der Regel habe ich vorher einen Wisch unterschrieben, dass ich nichts in die Gegend posaunen werde etc.
Ist das normal, geht es in dieser Branche so zu? Über skrupellose Übersetzungsagenturen habe ich schon einiges gehört und auch selbst schon schlechte Erfahrungen gemacht, aber das schockt mich nun doch. Zumal 45 Normseiten in weniger als 24 Stunden (siehe dritte Mail), das sind nach meiner Rechnung 9000 bis 10800 Wörter, also nicht gerade wenig – und dann noch eine kurze Einschätzung dazu schreiben, ja ganz bestimmt.
Wäre ich nicht so höflich, hätte ich zurückgeschrieben: Sind Sie übergeschnappt?


2 Antworten auf „Erdnüsse? Erdnussschalen!“


  1. 1 trippmadam 30. Mai 2017 um 1:19 Uhr

    Ich kenne mich damit auch nicht aus, aber 45 Euro für 45 Seiten? In nicht einmal 24 Stunden? Wie sorgfältig soll man da arbeiten? (Oder habe ich es nicht kapiert?)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 30. Mai 2017 um 8:24 Uhr

    Jenau det isset.

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