Voraussicht, aber kein Durchblick

Ob professionell nur in die Muttersprache oder auch in die Fremdsprache(n) übersetzt werden sollte, ist eine Glaubensfrage, die in einschlägigen Kreisen immer wieder gern und manchmal hitzig diskutiert wird. Ich persönlich bin eine Anhängerin des Muttersprachenprinzips und damit in meinem Heimatland Deutschland in guter Gesellschaft. In Italien sieht man das anders und im Folgenden möchte ich an zwei Beispielen illustrieren, warum ich das problematisch finde.
In einer bestimmten in Norditalien ansässigen Agentur, für die ich gelegentlich arbeite, werden meine Übersetzungen stets von einer internen Kraft noch einmal überprüft, ich bekomme die Texte mit Anmerkungen zurück und muss Änderungen absegnen. Das mit der internen Überprüfung finde ich super (machen auch nicht alle Agenturen so), das mit dem Zurückschicken der Texte ist teilweise nervig, weil das bedeutet, dass ich mir noch einmal kurz Zeit für sie nehmen muss, und das Schlimme an der Sache ist, dass die Lektorin italienische Muttersprachlerin ist und zum Teil völligen Käse fragt oder anmerkt. Gerade neulich hatten wir ein Projekt, in dem es um Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz ging und an einer Stelle fiel im Originaltext das Wort assenteismo. Assente bedeutet „abwesend“ und das Substantiv habe ich mit „Fehlzeiten“ übersetzt. In der Datei mit den Änderungen, die ihrer Absegnung harrten, fand ich dann eine Änderung in „Blaumachen“. Das findet man in manchen zweisprachigen Wörterbüchern tatsächlich als Übersetzung für das italienische Wort, es passte an der Stelle aber absolut nicht, weil viel zu umgangssprachlich. Einer Deutschen (oder meinetwegen einer Österreicherin) wäre das klar gewesen, einer Italienerin offensichtlich nicht, zumindest nicht dieser.
Dabei kann ich noch froh sein, dass meine Übersetzungen ins Deutsche nicht von einer bestimmten anderen Italienerin überarbeitet werden. In dem berufsbezogenen Forum, das ich gern nutze, um Fragen zu stellen und anderen zu helfen, treibt sich eine gewisse Jemandin herum, die offensichtlich aus dem Englischen, Französischen und Deutschen in ihre Muttersprache Italienisch übersetzt – und umgekehrt. Wenn ich ihre Fragen für die Kombination it>de lese, schüttelt es mich. Neulich wollte sie „Questo pacchetto di 3 giorni in All Inclusive prevede pensione completa […]“ mit „Dieses 3-Tagen All-Inclusive-Paket voraussichtet komplette Pension […]“ übersetzen (ihre Frage bezog sich gar nicht einmal auf diesen Teil, sondern auf etwas, was noch danach im Satz kam). Das Verb „voraussichten“ kennen meine deutschsprachigen Leser_innen nicht? Ich auch nicht, soll offenbar so etwas wie „voraussehen“ sein. Mal ganz abgesehen davon, dass hier eine Trennung in „sieht […] voraus“ korrekt wäre, passt das Wort hier ohnehin nicht, weil prevedere hier mit „umfasst“ oder „beinhaltet“ wiedergegeben werden müsste. Im Italienischen ist das tatsächlich das gleiche Wort, im Deutschen aber nicht.
Manchmal wünsche ich mir ein Verbot der Sprachquälerei durch nicht muttersprachliche Personen.


2 Antworten auf „Voraussicht, aber kein Durchblick“


  1. 1 Gerd D. 02. Mai 2017 um 15:35 Uhr

    Erstaunt mich ein wenig, weil von „Fehltagen“ zu „Blaumachen“ es ja noch einmal ein gewaltiger Unterschied ist – „Fehltage“ beziehen ja begründete abwesenheit/arbeitsunfähigkeit mitein und „Blaumachen“ meint ja umgangssprachlich nur unbegründetes Fehlen. I.e. keine Lust zum Arbeiten.

    Da scheint es mir dann auch in den entsprechenden Übersetzungswerken an Sorgfalt vermissen zu lassen.

    „Vorraussichten“ mag ich – das würde ich nur zu gerne mal in einem Satz verwenden können, so etwa „Das kann ich gerade nicht vorraussichten.“ :D

    Was sprachquälerei angeht, da wünscht sich meine Muttersprache sicher auch oft abhilfe bei mir….

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 02. Mai 2017 um 16:34 Uhr

    Na ja, „assenteismo“ bedeutet schon beides, einfach nur „jemand fehlt an der Arbeit“ und „jemand schwänzt die Arbeit“. In dem Zusammenhang, den wir hatten, war es ziemlich eindeutig, dass im Deutschen der neutrale Ausdruck angebracht war. Möglicherweise hat die Italienerin „Blaumachen“ für neutral gehalten.
    Und bei dir wäre der armen Sprache schon geholfen, wenn du dir merken könntest, welche Wörter klein- und welche großgeschrieben werden. ;)

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