Mädels, wir müssen umziehen

Na was ist denn das – Stefania Bertola hat ein neues Buch veröffentlicht! Gut, eigentlich hat sie nach Ragazze mancine noch zwei geschrieben, die ich aber beide nicht gelesen habe, weil es sich um ein humoristisches Sachbuch über das Gärtnern und ein Jugendbuch handelt (wobei mich letzteres schon interessieren würde, ich möchte es mir aber nicht extra kaufen). Nun also Ragione e Sentimento, ein neuer Roman meiner Lieblingsturinerin, der sich an Erwachsene richtet.
Um eine richtige Originalkreation von Frau Bertola handelt es sich aber auch nicht, der Roman ist nämlich eine Hommage an Jane Austen und eine moderne / italienische Variante von dem Buch, das auf Deutsch Verstand und Gefühl heißt. Ich habe es ebenso wenig gelesen wie die anderen Bücher der Autorin, mit englischer Literatur habe ich wenig am Hut (vielleicht zu Unrecht) und Jane Austens Werk kenne ich eigentlich nur über Verfilmungen, wobei mir da als erstes Keira Knightley mit Perlen im Haar vor das innere Auge tritt. Ich habe mir ganz plump auf Wikipedia eine Inhaltsangabe des englischen Romans durchgelesen und kann daher ungefähr beurteilen, was Frau Bertola gemacht hat. Tja, wo man sich im 18. Jahrhundert den Knöchel verstauchte, wird man heutzutage von einem Motorrad angefahren und so weiter. Ich finde, man merkt, dass die Personenkonstellation und die grobe Handlung nicht Stefania Bertolas Phantasie entsprungen sind, manches entspricht ihr im Grunde nicht und wirkt etwas geschraubt. Wobei sie ja in ihren früheren Romanen auch immer gern mehrere Geschichten parallel erzählt hat und das kann sie hier auch, hauptsächlich geht es eben um die beiden Schwestern, deren Namen italianisiert wurden, Eleonora und Marianna heißen sie. Wie viel Raum die kleine Margret im Original bekommt, kann ich nicht sagen – in dem italienischen Roman mag ich die Figur (Margherita) sehr, wie sie und ihre beste Freundin immer das Tun und Treiben der Älteren kommentieren (wobei sie durchaus auch schon ihre eigenen Probleme haben).
Ich freue mich ja immer besonders, wenn in Romanen von Stefania Bertola Personen aus früheren Büchern wieder auftauchen und in diesem Werk gibt es ein Wiedersehen mit Clotilde aus Ragazze mancine, die unsympathisch wie eh und je ist. Adriana, die Mutter von Eleonoras Schwarm Giulio, ist aber auch nicht viel besser – vielleicht sind Mütter ja die besondere Stärke der Autorin, ich habe kürzlich nochmal A neve ferma gelesen und Emmas Mutter Rita ist doch auch wirklich eine Marke, wobei sie schon eher eine positive Figur ist, trotz ihres Reinlichkeitsfimmels.
Aber zurück zu Ragione e Sentimento. Da in mir ein queeres Herz schlägt und in zweien der älteren Bücher schwule Figuren vorkommen, habe ich schon lange auf Lesben gewartet und hier haben wir sie nun – Marida und Virginia, Inhaberin einer feinen Boutique (sie wird Mariannas Chefin) und Polizistin.
Und gerade fällt mir auf, dass eine gewisse thematische Nähe zu Ragazze mancine besteht, wir haben hier wieder das Motiv des plötzlichen Verarmens und des Verlusts des gewohnten Lebensstandards. Wer weiß, warum das die Autorin so beschäftigt – um Jane Austen ein Denkmal zu setzen, hätte sie sich ja auch einen anderen ihrer zahlreichen Romane aussuchen können. Ob es die schlechte wirtschaftliche Lage in Italien ist (und ist sie eigentlich noch so furchtbar schlecht wie vor einigen Jahren, als so viele junge Menschen aus Italien (und Spanien) nach Deutschland kamen)?
Das zentrale Thema ist ja Verstand versus Gefühl, verkörpert wie in der englischen Vorlage durch die beiden Schwestern, und mir persönlich ist Eleonora sympathischer, also der Verstand. Mit Mariannas überzogenen Idealvorstellungen kann ich weniger anfangen. Aber ich lese die Bücher der Autorin ja ohnehin weniger um der Liebesgeschichten willen als wegen der Situationskomik und der zahlreichen kuriosen Details.
Ja, kann man schon lesen das Ding, auch wenn es so ein merkwürdiger Hybrid ist. Die Beschreibung der Personen ist 100 % Bertola, unverwechselbar. Und glücklich sein kann man auch ohne Villa in Chieri, solange man seine Familie hat.


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