Viereinhalb Menschen und eine Schildkröte im Urlaub

Als ich das letzte Mal durch die Regalwälder meiner Stammbibliothek wanderte, fiel mein Blick auf einen Namen – Ronja von Rönne. Irgendetwas klingelte, ich meine mich zu erinnern, dass sich vor nicht allzu langer Zeit irgendwelche Leute über sie aufgeregt haben und dass es irgendetwas mit Feminismus zu tun hatte. Um was es ging, weiß ich nicht mehr. Das Buch, Wir kommen, wurde zusammen mit ein paar anderen in meine Tasche gestopft, weil die ersten paar Seiten ganz spannend klangen, und inzwischen habe ich es gelesen. Für eine gründliche Rezension fehlt mir momentan aus verschiedenen Gründen die Zeit und ich habe auch extra nichts weiter über die Autorin oder das Werk gelesen, um ganz unvoreingenommen meine Meinung absondern zu können.
Wir haben eine Ich-Erzählerin namens Nora etwa in meinem Alter, also Anfang dreißig, die mit einer weiteren Frau und zwei Männern in einer Viererbeziehung lebt, wobei sexuelle Kontakte nur hetero stattzufinden scheinen. Ein Kind ist auch dabei, fünf Jahre alt, wenn ich mich recht entsinne. Die Protagonist_innen leben in einer Großstadt (muss nicht Berlin sein, aber die Entfernung zum Meer kommt hin) und haben eher glamouröse Berufe, Fernsehmoderatorin, Autor und so etwas. Die Leute, die sie sonst noch so kennen, scheinen alle aus dem gleichen Milieu zu stammen und bei Partys wird ganz selbstverständlich gekokst (wenn das in solchen Büchern vorkommt, wundere ich mich immer, aber die Droge ist vielleicht verbreiteter, als ich glaube). Zusammen können die vier eine ganz hübsche Menge an psychischen Krankheitsbildern bieten – regelmäßige Panikattacken, Essstörung und all sowas – und die Beziehung scheint auch niemandem von ihnen gutzutun, der Ich-Erzählerin vielleicht am wenigsten. Die ist ein zutiefst unsicheres Geschöpf und wünscht sich jemanden, der alles für sie entscheidet. Menschlich finde ich die auftretenden Personen allesamt unmöglich. Wenn mir jemand von ihnen leidtut, dann das Kind – die Erwachsenen könnten wohl zumindest ein bisschen was tun, um ihre Lage zu verbessern, stattdessen werfen sie mit großen Worten um sich, die oft auf -ismus enden, schlafen miteinander, zanken und versöhnen sich und dröhnen sich mit irgendetwas zu.
Auf der handwerklichen Ebene weiß das Buch aber durchaus zu überzeugen. Man erfährt beim Lesen erst nach und nach mehr über die Vergangenheit von Nora und es stellt sich heraus, dass sie einen der beiden Herren schon seit ihrer Jugend kennt und ein dunkles Geheimnis die beiden verbindet. Es gibt da eine Person, die nun wahrscheinlich wirklich verstorben ist und die nie aufgehört hat, Macht auf Nora auszuüben. Sprachlich ist vor allem der Schluss interessant, die Erzählung bricht mitten im Satz ab (wahrscheinlich hat Nora das Bewusstsein verloren) und das letzte Wort im Text ist auch das erste, ein Name. Das Ende verweist also auf den Anfang.
Die Topoi „Land versus Stadt“ und „Haustier stirbt, weil Mensch nicht in der Lage ist, sich darum zu kümmern“ empfinde ich als etwas abgegriffen. Wobei die eigentliche Besitzerin des Tiers, einer Schildkröte, ja auch eine Nudel ist, fährt einfach in den Urlaub und drückt Nora das Vieh in die Hand, ohne ihr groß zu erklären, was es braucht. Dass Nora die Kröte, die sie da plötzlich an der Backe hat, nach ihrem Gewicht „390 Gramm“ nennt, fand ich ganz witzig.
Das Ganze liest sich gut und man ist relativ schnell durch. Man kann es lesen, man muss aber nicht.


3 Antworten auf „Viereinhalb Menschen und eine Schildkröte im Urlaub“


  1. 1 Gerd Duerner 19. März 2017 um 17:35 Uhr

    Wenn ich einen „von“ Namen lese stellen sich bei mir immer die Haare auf, auch sonst klingt diese „Intellektuelle haben erste Welt probleme“ Geschichte jetzt nicht wirklich ansprechend (die Geschichte holt mich nicht ab, sagt man im wohl im Jugendjargon).

    Beim googlen der Autorin musste ich aber feststellen das sie zeitweise ganz sympathisch in die Kamera guckt – mal sehen ob ich noch was finde warum sie den Axel Springer Preis abgelehnt hat (vermutlich weil es der Axel Springer Preis ist…).

  2. 2 trippmadam 19. März 2017 um 18:35 Uhr

    Vielen Dank, so etwas hatte ich mir gedacht, als ich eine Rezension in der Zeitung las. Ich glaube, im Moment muss ich das nicht lesen.

  3. 3 Fiammetta de Bornelh 19. März 2017 um 20:44 Uhr

    Der Begriff „Erste-Welt-Probleme“ ist mir nicht eingefallen, trifft es aber recht gut.
    Nachdem ich meinen Text hier veröffentlicht hatte, habe ich doch noch nach der Autorin gegoogelt und habe jetzt einen ungefähren Gesamteindruck. Ja, holt mich auch alles nicht so ab.

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