Wenn Chrétien Science Fiction geschrieben hätte

Ich lese immer noch zusammen mit jemand anderem den Cligès von Chrétien de Troyes, mittlerweile sind wir ungefähr in der Mitte angekommen. Unser Titelheld hat inzwischen Fenice kennengelernt, die ihm auf den ersten Blick ebenso gefallen hat wie er ihr. Die beiden sind die Auserwählten ihres jeweiligen Volks, das spüren sie und das bemerken auch alle anderen – wie zwei Sonnen erleuchten sie bei ihrer ersten Begegnung den großen Raum. Fenice weiß nicht recht, wie ihr geschieht, und vertraut sich ihrer zauberkundigen Amme Thessala an (Vers 3024 ff.):
De touz mals est divers li miens,
Car se voir dire vos en vueil,
Molt m‘embelist et molt m‘en dueil.
Si me delit en ma mesese,
Et se mals puet estre qui plese,
Mes anuiz est ma volontez
Et ma doulours est ma santez,
Ne ne sai de coi je me pleigne,
Car riens ne sai dont mals me vieigne
Se de ma volenté ne vient.

(Von allen anderen unterscheidet sich mein Leiden,
Denn wenn ich Euch die Wahrheit sagen soll,
Erfreut es mich sehr und schmerzt mich sehr.
So genieße ich meine missliche Lage,
Und wenn das, was einem gefällt, schlecht sein kann,
Ist meine Qual mein eigener Wunsch
Und mein Schmerz ist meine Gesundheit
Und ich weiß nicht, worüber ich mich beklage,
Denn ich weiß nicht, woher mein Leiden kommt,
Wenn nicht aus meinem eigenen Wunsch.
Übersetzung schnell hingetippt, dient dem Verständnis und erhebt keinen Anspruch auf Eleganz.)

Wenn das eine Science-Fiction-Geschichte wäre, in der die Leute durch die Zeit reisen, müsste Thessala jetzt sagen: „Mein liebes Kind, hast du zu viel Petrarca gelesen? Der Canzoniere ist doch noch gar nicht geschrieben und der Petrarkismus noch nicht erfunden, nun greif mal nicht vor hier!“
Aber auch wenn wir die dummen Witze lassen, springt die Ähnlichkeit insbesondere mit Sonett Nr. CXXXII (S‘amor non è, che dunque è quel ch‘io sento?) stark ins Auge. Für seine Antithesen ist Petrarca ja generell berühmt und die fallen zwei Texte weiter, in Pace non trovo et non ò da far guerra noch viel mehr auf. In CXXXII haben wir aber die süße Qual, die Frage, ob das, was da passiert, nun gut oder schlecht sei, und die Betonung des eigenen Willens. Und der Sprecher fragt zweimal, warum/wozu er eigentlich klagt.
Dass Francesco Petrarca in der gleichen literarischen Tradition steht wie Chrétien de Troyes ist allgemein bekannt, aber an dieser Stelle im Cligès ist es mir besonders aufgefallen.


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