Rückschau

In ein paar Tagen werden es zehn Jahre, dass ich im deutschen AVEN-Forum angemeldet und somit ein Teil der asexuellen Community bin. Das klingt viel und ist wahrscheinlich auch viel, zumal wenn man bedenkt, dass das erwähnte deutsche Forum auch nur zwei Jahre älter ist und sich in den letzten Jahren sehr viel getan hat. Von der Entwicklung der Community möchte ich heute aber gar nicht erzählen, sondern von meiner eigenen. Als ich mich anmeldete, war ich 21 Jahre alt, also in einem Alter, in dem man noch oft zu hören bekommt, dass gewisse Dinge sich ändern können oder sogar mit Sicherheit ändern werden. Und eben weil zehn Jahre eine stolze Zahl sind, dachte ich: Wie wär’s mal mit einem Faktencheck? (Im Folgenden ein paar Details aus meiner Vergangenheit und leicht sexuelle Sprache)
Zum Zeitpunkt meiner Anmeldung im AVEN-Forum und somit des Beginns meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Asexualität hatte ich keinerlei sexuelle Erfahrungen (oder zählt ein wenig Geknutsche und Gefummel mit einem Ferienflirt?) und auch keine Beziehungserfahrung. In dieser Hinsicht fällt die Bilanz heute anders aus; ich hatte eine längere Beziehung mit einem Asexuellen und habe außerdem mit zwei Herren, die mich sexuell anziehend fanden, „was gehabt“, wobei so sehr viel nun auch nicht passiert ist und ich im Vergleich zur Durchschnittsfrau meines Alters sicherlich als unerfahren gelten würde. Bei den Gelegenheiten, bei denen etwas passiert ist, war das Empfinden der Situation als absurd deutlich stärker als der Genuss.
Womit ich damals vor zehn Jahren selbst nicht gerechnet hätte und doch ist es eingetreten: Meine Libido ist aufgewacht bzw. ich habe erkannt, was mich erregt. Was soll ich sagen, nackte Menschen sind es nicht. Ich ziehe es auch bei weitem vor, mich in dieser Hinsicht selbst um mich zu kümmern, da andere Menschen einzubeziehen ist – nun, absurd eben. Einen sonderlich großen Stellenwert nimmt die Sache in meinem Leben auch nicht ein.
Vor zehn Jahren hätte ich meine romantische Orientierung als überwiegend homo beschrieben, heute würde ich sagen, eher hetero. Ich scheine mich auf der Kinsey-Skala ein Stück weit nach links bewegt zu haben. Dabei muss ich sagen, dass es für mich keine große Bedeutung hat, meine romantische Orientierung zu benennen und ich die Dinge auf mich zukommen lasse. Eine Zeitlang wollte ich unbedingt einen Button mit der Bi-Flagge haben, um ihn zusammen mit dem mit der asexuellen Flagge tragen zu können, heute ist mir das nicht mehr so wichtig.
Es hat mit der sexuellen (und romantischen) Orientierung nicht sonderlich viel zu tun, aber Kinder zu haben konnte ich mir nie vorstellen und kann es auch heute nicht. Was habe ich mir da an „Warte mal ab, bis du älter bist“-Sprüchen anhören müssen – tja.
Insgesamt würde ich sagen, dass sich an meinem Empfinden in den letzten zehn Jahren nicht sonderlich viel geändert hat, ich die Dinge heute aber besser benennen kann und mich weniger von anderen verunsichern lasse. Was meine sexuellen Erfahrungen betrifft, frage ich mich, ob ich sie wirklich gebraucht habe, um klarer sagen zu können, was ich mir wünsche und nicht wünsche und was geht und nicht geht, oder ob ich mich nicht zu sehr von Aussagen wie „Du kannst das doch gar nicht wissen, wenn du es nie ausprobiert hast“ habe beeinflussen lassen. Nun ja, ciò che è stato è stato (wörtlich: Was gewesen ist, ist gewesen).
Auf die nächsten zehn Jahre.


2 Antworten auf „Rückschau“


  1. 1 Carmilla DeWinter 06. Februar 2017 um 21:44 Uhr

    Bei mir sind es sechs Jahre, und damals habe ich mich eher heteroromantisch verordnet, mittlerweile bin ich bei „funktionell aromantisch“ gelandet. Aber wie bei dir: Der Drang nach einer genauen Bezeichnung hat doch sehr nachgelassen.

    Vielen Dank für diesen offenen wie interessanten Artikel.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 07. Februar 2017 um 9:49 Uhr

    Ja, du hast dich auf den Tag genau vier Jahre nach mir angemeldet …
    Und der Verein wird bald fünf. Wir können schon auf einiges an assliger Geschichte zurückblicken.

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