Vom Wert

Ja, ist denn diese Woche schon Asexual Awareness Week? In der Tat, es ist wieder soweit.
Aus diesem Grund erzähle ich euch jetzt nichts über meine neueste musikalische Entdeckung – das kann ich auch nächste Woche machen –, sondern darüber, warum manche Menschen angeblich weniger wert sind als andere.
Mein Vortragsthema dieses Jahr in Stuttgart war ja die Darstellung von Asexualität in Zeitungsartikeln und neben vielen anderen Dingen fiel mir auch die folgende Formulierung auf:
„[…] sie sehnt sich nach einem Partner, aber jede Liebe zerbricht am Sex, den sie nicht will.“ (Quelle)
Ein anderer Artikel, den ich nicht in meinem Textkorpus hatte, beginnt so:
„Susannes* Beziehungen scheiterten an ihrer Lustlosigkeit …
Doch trotz ihrer Asexualität lebt sie heute eine erfüllende Partnerschaft …“ (Quelle)
Klar kann es problematisch sein, wenn in einer Beziehung eine Person asexuell ist und die andere nicht (zumal wenn keine der beteiligten Personen je von Asexualität gehört hat – u. a. deshalb machen wir den ganzen Awareness-Kram ja), aber Sätze wie die soeben zitierten stellen das Ganze so dar, als sei in einer derartigen Situation die asexuelle Seite schuld daran, dass es Probleme gibt.
Und es sind ja nicht nur die Medien. In den letzten Monaten ist es mir zweimal passiert, dass ich mich mit befreundeten Personen über Beziehungen generell, angeschwärmte Leute etc. unterhielt und mein Gegenüber Sprüche in die Richtung abließ, dass es für mich ja immer schwer sein würde, jemanden zu finden, da ich etwas Entscheidendes nicht bieten könne. Ich habe dann jeweils höflich geantwortet, dass ich mich nicht als minderwertig betrachte, und hätte vielleicht noch etwas à la „Ey, wir sind befreundet, du solltest mich unterstützen und ermutigen!“ hinzufügen sollen.
Ich lasse mich nicht so schnell beirren, aber da scheine ich eher eine Ausnahme zu sein. Vor Kurzem las ich im deutschen AVEN-Forum folgenden Post von einer jüngeren asexuellen Frau, die einen nicht asexuellen Freund hat:
„Ich habe nur Angst, dass er sich irgendwann zu sehr verbiegt, nur um mich zu behalten. Das will ich nicht. Sollten wir völlig bedürfnis-inkompatibel sein auf lange Sicht, hat er was besseres verdient. Falls ich irgendwann merken sollte, dass er leidet, aber ich keine weiteren Kompromisse machen kann, verlasse ich ihn wahrscheinlich. Unter der Prämisse natürlich, dass er nicht vorher Schluss macht, weil er es nicht mehr packt.“ (Rechtschreibung so übernommen, wie sie war)*
Ihr Partner hat etwas Besseres verdient? Und sie würde ihn verlassen, falls er zu sehr leidet? Was hat sie denn verdient und was ist, wenn sie unter dem Ungleichgewicht leidet?
Die Vorstellung, dass eine Beziehung mit einer asexuellen Person eine Zumutung ist, wenn man selbst nicht asexuell ist, ist sehr weit verbreitet und sie verursacht sehr viel Leid.
Also: Liebe asexuelle Menschen, die dies lesen, seid gewiss, dass ihr Zuneigung im gleichen Maße verdient wie alle anderen. Solltet ihr euch gerade schlecht fühlen, ist vielleicht diese Website (englisch) was für euch.
Liebe Menschen, die mit einer asexuellen Person zusammen sind und in der Beziehung etwas vermissen: Ihr könnt eurem Gegenüber dies auch mitteilen, ohne beleidigend zu werden und es als unnormal, krank o. ä. zu bezeichnen.
Liebe Menschen, die mit einer asexuellen Person befreundet sind: Ermutigt sie. Zweifeln tut sie vielleicht von alleine schon genug.
Liebe Menschen, die über Asexualität berichten und Probleme in einer Mischbeziehung thematisieren: Das geht auch, ohne der asexuellen Seite die Schuld an den Problemen in die Schuhe zu schieben. Ihr könnt z. B. von „unterschiedlichen Bedürfnissen“, „fehlender Kompatibilität“ etc. sprechen.
Et arma et verba vulnerant habe ich damals in der Schule gelernt. Sowohl Waffen als auch Worte verletzen.

* = In den hier von mir zitierten Beispielen sind immer asexuelle Frauen mit nicht asexuellen Männern zusammen. Die gleiche Geschichte findet sich jedoch auch vielfach mit Variationen, was das Geschlecht der beteiligten Personen betrifft.


2 Antworten auf „Vom Wert“


  1. 1 Carmilla DeWinter 27. Oktober 2016 um 23:51 Uhr

    Wahre Worte. Klar, Beziehungen können an unterschiedlichen Bedürfnissen scheitern, aber das können sehr unterschiedliche Sachen sein. Schlafen mit oder ohne offenes Fenster? Gutes Essen vs. Fastfood? Lesen vs. Clubbing am Samstagabend? Etc. pp. Für manche Sachen gibt’s eben keine Kompromisse, mit der beide glücklich sind.

    (Erwartungsgemäß dürfen wir davon ausgehen, dass in einer Beziehung, in der eine Person kinky ist, die andere aber nicht, diejenige Person mit dem Kink als „schuld“ an einer Trennung dargestellt würde. Oder? Gefeiert wird wie immer die Normativität.)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 28. Oktober 2016 um 8:38 Uhr

    Ja, die Normalität oder Normativität ist das Maß.
    Wenn in einer Beziehung zwei Menschen aufeinandertreffen (ich gehe jetzt mal vom Mono-Modell aus) und einer will x und der andere y, steht es ja 50:50, aber oft sieht die Person sich im Recht, deren Vorlieben oder Wünsche generell häufiger vorkommen.

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