Die Stadt will ich nicht, die ist doof

Das artet hier echt in Bloggen über Chrétien de Troyes aus. Aber was soll’s.
Ich lese ja bekanntermaßen gerade zusammen mit jemand anderem den Cligès, eine Stelle hat mich an andere mittelalterliche Texte erinnert und ich habe diese tatsächlich in meinen Unterlagen aus der Studienzeit wiedergefunden (Ordentlichkeit und ein gutes Gedächtnis zahlen sich doch aus).
Es muss im 12. und 13. Jahrhundert irgendwie Mode gewesen sein, zu sagen, dass man sein Liebesglück gegen nichts würde eintauschen wollen, nicht einmal gegen die und die Stadt.
Also, bei Chrétien steht (Vers 789-796):
„Dex ! Cum tres precieus avoir !
Qui tel tresor porroit avoir,
Por qu‘avroit en toute sa vie
De nule autre richece envie ?
Endroit de moi jurer porroie
Que rien plus ne desirreroie,
Que seul les penons et la coche
Ne donroie por Antyoche.“

(Gott! Was für ein teures Gut!
Wer diesen Schatz haben könnte,
Warum sollte es ihn in seinem ganzem Leben
Nach einem anderen Reichtum gelüsten?
Was mich betrifft, so könnte ich schwören,
Dass ich nicht mehr begehren würde,
Dass ich allein die Federn und die Kerbe
Nicht für Antiochia hergäbe.)
Was das mit den Federn und der Kerbe soll? Alixandre vergleicht gerade die von ihm angeschmachtete Soredamor mit einem Pfeil und spricht von den einzelnen Teilen dieses Pfeils. Fragt mich nicht, ich steige da auch nicht ganz hinter.

Das ließ mich jedenfalls denken an erstens den Text von Bernart de Ventadorn, der mit „Tant ai mo cor ple de joya“ anfängt – da heißt es:
„Per q‘eu ai pres de me cura
deis c‘agui enquiza
la plus bela d‘amor
don aten tan d‘onor,
car en loc de sa ricor
no volh aver Piza.“

(Deswegen passe ich auf mich auf,
seit ich die Liebe
der Schönsten gewonnen habe,
von der ich so viel Ehre erwarte,
dass ich anstelle ihres Reichtums
Pisa nicht haben möchte.)

Und zweitens kam mir Guido delle Colonne in den Sinn – der schreibt in „Gioiosamente canto“:
„Ca se tutta Messina – fusse mia,
senza voi, donna, nente mi sarïa:
quando con voi a sol mi sto, avenente,
ogn‘altra gioi mi pare che sia nente.“

(Denn wenn ganz Messina mein wäre,
würde es mir ohne euch, Herrin, nichts bedeuten:
Wenn ich mit euch, der Reizenden, allein bin,
scheint mir jede andere Freude nichts zu sein.“)
Ich gebe zu, dass ich mir bzgl. der Übersetzung von avenente nicht sicher bin. Im Italienischen kenne ich das Wort nicht und finde es auch nicht im Wörterbuch, im Altfranzösischen gibt es aber ein avenant, das so viel wie „hübsch, angenehm“ bedeutet. Lassen wir’s mal so stehen.

Ja, lauter Städte, die der jeweilige Sprecher nicht haben möchte. Guido delle Colonne ist einer der Vertreter der Scuola Siciliana, es ist also naheliegend, dass er von Messina spricht. Alixandre in Chrétiens Roman ist ein Grieche, der an den Artushof gekommen ist, Antiochia passt demnach in seinen Kulturkreis (im Lexikon der Antike steht: Es gab mehrere Städte, die so hießen, die berühmteste ist aber Antiochia am Fluss Orontes, gegründet 300 v. Chr. von Seleukos I., bedeutendes kulturelles Zentrum, später christliche Hochburg, soll in ihren besten Zeiten eine halbe Million Einwohner gehabt haben). Ventadorn/Ventadour liegt im Südwesten des heutigen Frankreich, der Bezug zu Pisa erschließt sich mir nicht – oder war Pisa damals einfach besonders reich?
Ob es noch mehr Beispiele gibt und irgendeine Systematik? Geht das alles auf ein bestimmtes Vorbild zurück? Ich kriege hier nicht mehr raus.


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