… als sei auch das spiegelnde Wasser aus Luft

„Nicht vielen Menschen wird der höchste Gewinn ein zweites Mal zuteil“.
Es ist schon witzig, wie anders man Bücher empfinden kann, wenn man sie viele Jahre später wieder liest. Das Mädchen Berit von Per Olof Ekström bekam ich mit etwa zehn oder zwölf Jahren zufällig, es stammte von einem Flohmarkt (die Ausgabe ist von 1959, aus dem Schwedischen übersetzte Tabitha von Bonin). Vor Kurzem habe ich es nun aus Langeweile wieder in die Hand genommen. Ich muss es früher öfter gelesen haben, denn ich konnte mich noch recht gut an die Handlung erinnern: Der namenlose Ich-Erzähler ist verwitwet und hat zwei Kinder im Teenie-Alter, das Mädchen ist recht schwierig, ihr etwas jüngerer Bruder ein eher sonniges Gemüt. Im Sommer fahren sie jedes Jahr von Stockholm in das Heimatdorf des Ich-Erzählers, zur Familie seiner verstorbenen Frau. Der Witwer verliebt sich in dem Jahr, in dem die Geschichte spielt, in die Nichte der früh Verschiedenen, die etwas älter als seine eigenen Kinder ist und eine Ausbildung als Krankenschwester macht, und sie sich in ihn. Die ganze Familie ist dagegen, außerdem bereitet die Dürre allen Sorgen und es gibt Ärger mit diversen Nachbarn. Für die beiden Liebenden geht es am Ende gut aus.
Was mir in jüngeren Jahren völlig entgangen sein muss, sind die eindrucksvollen Naturbeschreibungen. Ich bin nie in Skandinavien, St. Petersburg oder sonstwo gewesen und kenne Nächte, in denen es nicht dunkel wird, nur aus Erzählungen, aber beim Lesen dieser leicht vergilbten Seiten konnte ich sie mir sehr gut vorstellen. Der erste Kuss fällt in die Mittsommernacht, an einem anderen Abend spaziert das Paar lange an einem See entlang und als der Ich-Erzähler am Ende mit seinen Kindern und dem Herzen voll froher Erwartung nach Hause fährt, „[leuchtete] auf der anderen Seite eines Sees mit rotem Wasser die Sonne durch apfelsinenfarbenen Dunst, ohne [ihn] zu blenden. Die rote Sonnenscheibe mit ihren scharfen Konturen und der längliche Wassergürtel begleitete uns lange. Der zackige Wald am Horizont eilte rückwärts und schien kein Ende zu nehmen. Die Sonne sank tiefer und tiefer.“
Auch die Liebesgeschichte habe ich früher nie als so ergreifend empfunden wie jetzt, manches habe ich damals wohl auch noch nicht verstanden. Im Grunde ist es die Geschichte einer zweiten Chance; der Ich-Erzähler hätte nie geglaubt, nach dem Tod seiner Frau noch einmal wirklich lieben zu können und sieht eine Möglichkeit, frühere Fehler wieder gutzumachen. Gleichzeitig empfindet er dem viel jüngeren Mädchen gegenüber eine gewisse Scheu und fragt sich, ob er ihrer Reinheit (er verwendet genau dieses Wort) wirklich würdig ist.
Glück: „Irgend etwas kehrte zurück. Ich hatte es in der Hand. Ich brauchte es nur zu umschließen, damit es mein werde. Es war nichts Neues, es war kein unbekanntes Gefühl, aber ich wusste, es würde schöner werden, als es je gewesen war, denn ich war älter und reifer geworden, um das wertschätzen zu können, was ich erhielt.“
Zweifel: „Aber hat man sich nicht schon zuviel vergeben, tropfenweise sich selbst vergeudet? Hier einen Blick, dort einen Händedruck oder eine Umarmung, einige große Worte, einen Kuss. Man sollte doch suchen und suchen und wählen, bis man den Menschen gefunden hat, der selber Antwort ist auf all diese unausgesprochenen Fragen. Aber wenn er endlich gekommen ist, bereut man, bereits zuviel verschwendet zu haben, was ihm zukommen müsste.“


2 Antworten auf „… als sei auch das spiegelnde Wasser aus Luft“


  1. 1 trippmadam 14. August 2016 um 15:15 Uhr

    Was ich unbedingt wieder lesen muss: Nils Holgersson. Ich erinnere mich an Schilderungen von Landschaft und Gesellschaft zur Zeit der beginnenden Industrialisierung, die mich als Kind natürlich noch überfordert haben.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 14. August 2016 um 19:48 Uhr

    Nils Holgersson habe ich nie selbst gelesen, unsere Grundschullehrerin hat uns aber Teile daraus vorgelesen und Teile nacherzählt (hat sie mit vielen Büchern so gemacht). Da war ich vielleicht acht, dementsprechend kann ich mich wenig daran erinnern. In meiner Kindheit muss es auch schon Bearbeitungen des Stoffs für Kinder gegeben haben, eine Mitschülerin hatte da Hörspielkassetten.

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