Im Schatten der Kirche

Es hat lange gedauert, aber nun bin ich doch durch mit Notre-Dame de Paris von Victor Hugo. Das Werk dürfte zu den dicksten Ziegelsteinen gehören, die ich je verschlungen habe, zusammen mit den Promessi Sposi und den Buddenbrooks. Die Geschichte war mir völlig neu; in meiner Kindheit war der Disney-Film sehr populär und im Studium war eine meiner Kommilitoninnen verrückt nach dem Musical*, aber irgendwie hatte ich mich nie näher mit ihr befasst, bis mir jetzt jemand, dem es selbst zu schwierig war, das französische Buch schenkte. Auch für mich war es recht schwierig, da so viele Dinge vorkommen, die es heute nicht mehr gibt (ich muss bei Gelegenheit mal in eine deutsche Übersetzung schauen) und ich gestehe, dass ich einige architektonische Ausschweifungen überblättert habe, die wirkten auf mich allzu einschläfernd. Ich hätte nicht erwartet, dass das Ganze so tragisch endet, zumal es zwischendrin an witzigen Sprüchen nicht mangelt, ich musste beim Lesen öfter lachen.
Hier nun also eine kleine Sprüchesammlung, sozusagen rausgesuchte Rosinen, damit ihr nicht alle das ganze Ding lesen müsst. ;)
„Il ne suffit pas de passer sa vie, il faut la gagner“ – armer Dichter zum finsteren Priester. Kann man nicht gut übersetzen, es heißt etwa „Es genügt nicht, sein Leben (irgendwie) zu verbringen, man muss auch seinen Lebensunterhalt verdienen“.
Ein schöner Fluch vom Soldaten, der sehr gerne flucht: „Puisses-tu être étranglé avec les tripes de ta mère !“ – „Man möge dich mit den Eingeweiden deiner Mutter strangulieren!“
Die Tänzerin, nach der alle Männer verrückt sind, wird gefoltert: „et la malheureuse poussa un de ces horribles cris qui n‘ont d‘orthographe dans aucune langue humaine.“ – „und die Unglückliche stieß einen jener schrecklichen Schreie aus, die man in keiner menschlichen Sprache niederschreiben kann.“ Gut, das ist nicht lustig, aber treffend.
Der bucklige Glöckner schnappt sich die Tänzerin, die gehängt werden soll, und erreicht mit ihr die sichere Kirche: „Cela se fit avec une telle rapidité que si c‘eût été la nuit, on eût pu tout voir à la lumière d‘un seul éclair.“ – „Das alles geschah so schnell, dass man bei Nacht alles im Licht eines einzigen Blitzes hätte sehen können.“
Die Titel der (vielen) einzelnen Kapitel sind auch oft niedlich. Da hätten wir zum Beispiel „Du danger de confier son secret à une chévre“ – „Warum es gefährlich ist, sein Geheimnis einer Ziege anzuvertrauen.“ Ja, man sollte so einem klugen Tier nicht unbedingt beibringen, den Namen des heimlichen Schwarms aus Täfelchen mit Buchstaben zu legen.

* apropos: Dieses Lied hier habe ich auf YouTube wiedergefunden, es ist wirklich schön. Hier wird es von drei populären französischen Sängern interpretiert.


2 Antworten auf „Im Schatten der Kirche“


  1. 1 Gerd Duerner 04. August 2016 um 17:34 Uhr

    Kann man wirklich um Quasimodo herum kommen?
    Ich bin erstaunt. Dann allerdings, ich kenne auch nur die Verfilmung mit Anthony Quinn (?) als Buckliger, die aber durchaus tragisch romantisch endet (bei Disney kann ich mir das weniger Vorstellen, also das Tragische jetzt, da bleibt wohl nur das Romantische hängen).

    Vom Buch und seinen Architektonischen ausschweifungen habe ich schon gehört, offenbar widmet sich ein ganzes Kapitel nur diesem Thema.

    Victor Hugo wird wohl nicht zu jenen Klassiker Autoren werden deren Werk ich zumindest mal anlesen wollte, der Mann zeichnet auch für Les Mis verantwortlich wenn ich das recht erinnere, welches ebenfalls wenig freudig klingt.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 04. August 2016 um 18:04 Uhr

    Ja, „Les Misérables“ ist auch von Victor Hugo, allerdings kenne ich das auch nicht und weiß nicht einmal, worum es da überhaupt geht. Ich hatte von dem Autor vorher nur ein einziges Werk gelesen, „Hernani“, und das war im Studium. Die Weltliteratur ist so reich, man schafft einfach nicht alles.
    Den Zusammenfassungen auf Wikipedia nach zu urteilen ist der Disneyfilm sehr anders als das Buch, das Musical kommt ihm schon näher.
    „Notre-Dame de Paris“ lohnt sich als Lektüre durchaus, man muss aber Zeit und Geduld mitbringen.

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