E pur mi giova la ricordanza

Dass ich sowohl Filme von Wong Kar-Wai als auch Bücher von Giorgio Bassani mag, ist nichts Neues, und dass ich gern mal Parallelen zwischen diversen Leuten sehe, die ich mag, ist auch bekannt. Nun habe ich in den letzten Tagen noch einmal Il giardino dei Finzi-Contini gelesen und bei mir gedacht, dass die Story doch einen guten WKW-Film abgeben würde.
Geschichten über unerfüllte Liebe gibt es auf der Welt zuhauf, dazu muss man nicht nach Hongkong oder Ferrara fahren. In Bassanis Buch wird jedoch alles aus einer gewissen Distanz heraus betrachtet und das Vergangene verklärt und genau das ist doch für WKW-Filme ziemlich typisch. Oft empfinden die Protagonist_innen Dinge in der Erinnerung als viel schöner als zu dem Zeitpunkt, zu dem sie sie wirklich erleben (Lai in Happy together fällt mir da ein, der an die Zeit zurückdenkt, in der er Ho pflegen musste) und der namenlose Ich-Erzähler im giardino betrachtet die Zeit, in der er jeden Tag bei den Finzi-Continis Tennis spielte und mit Micòl durch die Anlage streifte, im Nachhinein als perfekt. „Dieser Sommer war der schönste meines Lebens – es war auch der kürzeste“, sagt Chow Mo-Wan in 2046 über seine Zeit mit Wong Jing-Wen und Bassanis Protagonist könnte das sagen, wobei die vielleicht schönste Zeit seines Lebens ja nicht in den Sommer, sondern in die letzten warmen Tage des Herbstes fällt.
Im gleichen Film stellt der gleiche Typ fest, dass Liebe eine Frage des Timings ist und gesteht sich ein, dass er (mit Su Li-Zhen, in In the mood for love) einst an einem Happy End war, dies aber zum nämlichen Zeitpunkt nicht erkannt hat. Bassanis junger Mann denkt im Nachhinein oft an den Moment zurück, in dem er mit Micòl im Schuppen in der alten Kutsche gesessen hat und glaubt, die Dinge hätten einen anderen Verlauf genommen, wenn er mutig genug für ein Geständnis oder einen Kuss gewesen wäre (die beiden in Hongkong sitzen im Übrigen auch in einem Verkehrsmittel, in einem Taxi, es fährt aber).
Wong Kar-Wais Filme sind ja dafür berühmt-berüchtigt, dass nicht linear erzählt wird, und in Bassanis Buch geht es auch ein wenig drunter und drüber – was letzten Endes aus Micòl und ihrer Familie wird, weiß die lesende Person schon von Anfang an.
Im giardino wird vorgeführt, wie schwer es ist, eine Abfuhr zu akzeptieren, der Protagonist fleht und kämpft und redet sich um Kopf und Kragen. Da das alles ohnehin nichts nutzt, hätte er es auch ruhig einmal mit „Ich muss dir ein Geheimnis erzählen: Geh mit mir fort!“ versuchen können.
Also, werter Herr Wong, falls es Ihnen irgendwann an Stoff für neue Filme mangelt, könnten Sie es doch einmal mit einer Adaptation des giardino versuchen. Dass die handelnden Personen in Ihren Werken nicht unbedingt asiatisch sein müssen, haben Sie ja bereits bewiesen. (Es gibt eine italienische Verfilmung, vor der bin ich aber immer zurückgeschreckt, weil ich weiß, dass der Autor des Buchs sie nicht mochte.)


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