Stachelige Fragmente

Zu sagen, dass man an bestimmten Freundschaften kein Interesse mehr hat, dass sie einem nicht mehr so wichtig sind wie früher oder dass man es nicht bedauert, dass sie nicht mehr bestehen, ist ein ziemliches Tabu, oder? Mir ist gerade danach, es zu brechen.
Brieffreundschaften, die auf einer Urlaubsbekanntschaft aus der Teeniezeit basieren, sollte man meiner Meinung nach nicht weiterschleifen, bis die Beteiligten über dreißig sind. In meinem Leben gibt es eine solche, die ich seit Jahren in erster Linie als Last empfinde; was die Person schreibt, interessiert mich größtenteils nicht. Warum ich die Sache nicht beende? Angeborene Gewissenhaftigkeit und das Wissen, dass es für die andere schlimm wäre, ihr ist das Ganze wesentlich wichtiger als mir und in ihrem Leben gibt es vieles nicht, das es in meinem gibt. Uff.
2010 beendete ich mein Studium, zog aus meiner Unistadt wieder in die ein Stück entfernte Heimat zurück und mit den meisten Leuten, die mir damals durchaus nahestanden, habe ich heute keinen Kontakt mehr. An mir liegt es nicht – ich sage es ja, ich bin gewissenhaft –, dennoch empfinde ich wenig Bedauern. Es war schön, solange man in der gleichen Stadt wohnte und die Lebensumstände ähnlich waren, heute könnte man längst nicht mehr so viel miteinander anfangen. Besser schöne Erinnerungen als Krampf.
Wenn ich Leute, mit denen ich einst befreundet war, doch nach Jahren wiedersehe, höre oder lese, sind sie meistens viel stärker gerührt oder was immer als ich. Ich empfinde dann nicht viel, die Personen sind für mich im Grunde Fremde und die Sache für mich längst erledigt. Ich benötige scheinbar eine gewisse Kontinuität – entweder hat man ab und zu Kontakt (und es gibt einige Personen, mit denen das seit Jahr und Tag gut funktioniert) oder es schläft ein und ist dann auch nicht mehr zu wecken. Es ist gar nicht so, dass ich den Leuten böse bin, dass sie sich so lange nicht gemeldet haben, das Interesse ist einfach weg.
Bei einem langjährigen Freund ist es so, dass wir uns zwar regelmäßig sehen, er mir aber einfach nicht mehr so nahesteht wie früher. Er wird von Jahr zu Jahr weichlicher und gefühlsduseliger und ich von Jahr zu Jahr ironischer und schroffer, das passt einfach nicht. Oft geht er mir auf die Nerven. Ich unternehme gern Dinge mit ihm, weil wir sehr ähnliche Vorstellungen von Freizeitvergnügen haben und mich bestimmte Sachen interessieren, über die er gut Bescheid weiß, aber persönliche Probleme vertraue ich ihm längst nicht mehr an, da mir sein übermäßiges Mitgefühl nur lästig wäre. Er kann nichts dafür, ich aber auch nicht.


2 Antworten auf „Stachelige Fragmente“


  1. 1 Carmilla DeWinter 11. Juli 2016 um 21:46 Uhr

    Das Problem ist bekannt. Witzigerweise habe ich die Teenie-Brieffreundin noch, und höre ihr gern zu, während der Kontakt zu Leuten an der Uni beständig weniger wurde, bis mir nur noch der harte Kern übrig blieb.
    Mit Freund*innen kann mensch sich genauso auseinanderleben wie bei einem Paar auch. Und dann halte ich einen klaren Schnitt auch für sinnvoller. Je nach Mensch kann eine dann auch ehrlich sein mit der Begründung.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 12. Juli 2016 um 9:20 Uhr

    „Mit Freund*innen kann mensch sich genauso auseinanderleben wie bei einem Paar auch.“
    Ja, ich denke auch, dass es da viele Parallelen gibt. Nur scheint mir Schluss machen in Freundschaften selten vorzukommen (zumal wenn nichts vorgefallen ist und einfach eine_r nicht mehr will), daher weiß ich nicht recht, wie man das anstellen soll.

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