Ich geize nicht mit Beispielen

Derzeit lese ich wieder einmal Die gerettete Zunge von Elias Canetti, obwohl ich weiß, dass ich früher oder später von seiner Familiengeschichte sowie von seinem Schreibstil genervt sein werde. Der sprachliche Aspekt interessiert mich halt sehr und schon auf Seite 26 bin ich über ein interessantes Wort gestolpert – ein Verwandter, so heißt es, ist mizquin, geizig. Ich habe sofort an andere mir bekannte Sprachen gedacht, in denen es dieses Wort auch gibt, wobei die Bedeutung etwas abweicht. Dann habe ich ein bisschen hier und ein bisschen da nachgeschlagen und kann nun ein fast vollständiges Bild zeichnen.
Zugrunde liegt das arabische miskin oder meskin – der Zingarelli hat in der ersten Silbe ein i, der Greimas ein e – das „arm“ bedeutet. Im sephardischen Spanisch haben wir also die Bedeutung „geizig“ und leo zufolge existiert mezquino auch im heutigen Spanischen und bedeutet „dürftig, popelig, schäbig, kleinlich“. Ich weiß ja, dass des Spanischen Kundige hier mitlesen – ihr könnt mir gern in die Kommentare schreiben, wie gebräuchlich das Wort ist und ob ihr noch andere Bedeutungen kennt.
Bekannt war mir meschino im Italienischen und der Zingarelli gibt die folgenden Bedeutungen an: „unglücklich, bedauernswert / mittelmäßig, durchschnittlich / kleingeistig, borniert“. Im übertragenen Sinne arm und geizig sozusagen.
Etwas interessanter wird die Sache im Altfranzösischen. Das Adjektiv meschin bedeutet „jung“ und es gibt ein männliches und ein weibliches Substantiv. Ein meschin ist ein junger (Edel-)mann oder ein Diener, eine meschine eine junge (Edel-)frau oder eine Dienerin. Meinem Gefühl nach kommt das Substantiv in Texten häufiger vor als das Adjektiv, zumindest ist es mir geläufiger. Im modernen Französischen gibt es laut dem Robert ein mesquin, das einerseits „mittelmäßig, durchschnittlich“ und andererseits „geizig“ bedeutet, ich kann mich aber nicht erinnern, das jemals gehört oder gelesen zu haben, ich kenne das Wort nur aus der älteren Sprachstufe. Da in den Angaben zur Etymologie das italienische meschino erwähnt wird, frage ich mich, ob wir es im Französischen heute mit einem Italianismus zu tun haben – möglich wäre es.
Wie sieht es im Okzitanischen aus? Es existiert ein mesquin, „arm/schwächlich/elend“, das habe ich aber nur nachgeschlagen, bekannt war es mir nicht.
Ein arabisches Wort tummelt sich munter in den romanischen Sprachen, wobei seine Wege noch nachvollziehbar bleiben.


2 Antworten auf „Ich geize nicht mit Beispielen“


  1. 1 Carmilla DeWinter 24. Juni 2016 um 21:48 Uhr

    So, wie immer mit etwas Verspätung – ich habe denn mal mein Langenscheidt Taschenwörterbuch Arabisch bemüht.

    Wg. Zingarelli vs. Greimas: Grundsätzlich legt das Arabische nicht so viel Wert auf kurze Vokale – ob da nun ein e oder ein i steht, hat keinen Einfluss auf die Wortbedeutung. Notiert werden kurze Vokale nur im Koran und in Sprachlehrbüchern, das sind dann Striche oder Kringelchen zum zugehörigen Konsonanten.

    Wenn ich so gelegentlich syrische Flüchtlinge sprechen höre, verschlucken die derartige solche Vokale auch oft, wie wir unser „e“ in Kittel.

    Ansonsten:

    M-s-k-n-h (Maskanah) ist „das Elend“, und „m-s-k-h“ (muskah) „der Geiz“. Passend dazu „m-s-k-y-n“ (miskin, zweite Silbe lang) „arm, elend, bedauernswert“.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 25. Juni 2016 um 8:27 Uhr

    Vielen Dank für die Ergänzung! Was das Arabische betrifft, ist es bei mir zappenduster (dass man Vokale in dieser Sprache nicht so betrachten kann wie im Deutschen oder Französischen, wusste ich aber) und die Wörterbücher für die romanischen Sprachen gehen da auch nicht sehr in die Tiefe. Im Arabischen schwingt also neben der Armut auch schon Geiz und Elend mit, das ist sehr interessant.

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − = eins