Blogparade: Gegen den Strom

Zufällig wurde ich auf einen Aufruf der singenden Lehrerin aufmerksam – sie fragte: „Welche Filme mögt ihr, die sonst kaum jemand kennt oder die viele eher ablehnen?“. Gefordert war eine Top 10, ich habe ausführlich in meinem Hirnschmalz herumgerührt, kriege aber nur fünf Titel zusammen. Hier also mein persönlicher Halbmarathon …
Ich fange mal mit den Streifen an, die hierzulande aus dem einfachen Grund nicht bekannt sind, dass die Sprachbarriere im Weg steht. Dass ich ein Fan von Aldo Giovanni e Giacomo bin, habe ich ja ab und zu schon erwähnt und stellvertretend für ihr filmisches Werk (sie sind auch für ihre Bühnenprogramme berühmt) möchte ich hier Chiedimi se sono felice (wörtlich „Frag mich, ob ich glücklich bin“) nennen, weil genau dieser Film mich damals 2001 oder 2002 auf Video oder DVD mit dem Trio bekannt gemacht hat. Es geht um drei befreundete Schauspieler in Mailand, die ihren Lebensunterhalt von kleinen Jobs bestreiten, aber davon träumen, gemeinsam ein Stück auf die Bühne zu bringen. Frauenquerelen kommen ihnen dazwischen, der Kontakt bricht ab und Jahre später bietet sich auf Sizilien eine Möglichkeit der Versöhnung. Viele Szenen aus dem Film sind in Italien berühmt, Leute können sie auswendig und betrachten sie als ein Stück ihrer Jugend.
Auch im nächsten Film auf meiner kleinen Liste ist eine der Figuren Schauspielerin. Er heißt La vie d‘artiste (Künstler_innenleben), wir befinden uns in Frankreich (ich weiß gar nicht mehr, ob in Paris oder in einer anderen Stadt) und die beiden anderen Hauptcharaktere sind ein Autor und eine Sängerin. Alle drei würden auf ihrem Gebiet gern auf einen grünen Zweig kommen, mühen sich ab, es will aber einfach nicht klappen. Das klingt jetzt furchtbar deprimierend, so habe ich das Werk aber gar nicht in Erinnerung (gesehen habe ich es 2007 in einem Lyoner Kino, ist nun auch schon eine Weile her). Am Ende kommt nicht der Ruhm, sondern die Erkenntnis, dass sie sich da auf etwas versteift haben, das so wichtig auch wieder nicht ist. Die drei laufen sich im Alltag zufällig über den Weg, lernen sich aber nie kennen, ahnen nicht, dass da neben ihnen in der U-Bahn (oder wo es war) jemand mit ganz ähnlichen Problemen sitzt. Ist einer der Filme, die ich gern noch einmal sehen würde, er ist mir im Gedächtnis geblieben.
Habe ich hier schon einmal durchblicken lassen, dass ich eine Verehrerin von Wong Kar-Wai bin? Seine bekanntesten Filme dürften In the mood for love und Chunking Express sein, außerdem seine jüngsten Filme, The Grandmaster etc. Bei Happy together (von 1997) schätze ich, dass mit dem Titel nicht so viele Leute etwas anfangen können und er ist auch insgesamt nicht mein Liebling, ich möchte ihn aber hier erwähnen, weil ich die Nebenfigur so mag. Neben den beiden männlichen Hauptcharakteren, die sich abwechselnd küssen und schlagen und in Buenos Aires, das so weit von ihrer Heimat Hongkong entfernt ist, nicht recht Fuß fassen können, lernen wir nur noch Chang so richtig kennen. Der ist nun meine liebste Nebenfigur überhaupt und vielleicht meine liebste Figur aus allen Filmen des Regisseurs (Faye aus Chunking Express ist da eine ernstzunehmende Konkurrenz). Er besitzt ein außergewöhnlich gutes Gehör und zeichnet die Stimmen seiner Freunde auf Band auf, statt Fotos von ihnen zu machen. Außerdem ist er stets gut gelaunt, obwohl seine Lage so toll gar nicht ist, und versucht, andere aufzuheitern.
Mit guter Laune in einer schwierigen Lage verbinde ich auch Ganz oder gar nicht (Im Original, wenn ich mich nicht irre, Full Monty) – den habe ich seit vielen Jahren nicht gesehen, er war aber als Teenie ein Lieblingsfilm von mir. Er spielt irgendwo in Großbritannien in einer kleineren Stadt, ein Stahlwerk hat hier für das Einkommen vieler Familien gesorgt, das ist nun aber geschlossen. Ein paar Typen kommen auf die Idee, als Stripper aufzutreten und zwar in der eigenen Stadt, vor den eigenen Ehefrauen, Nachbarinnen etc. Keiner von ihnen ist ein Adonis, der Weg ist steinig, am Ende stehen sie aber umjubelt auf der Bühne.
Noch heute zu meinen Lieblingsfilmen zählt Mein erstes Wunder, der 2002 in Deutschland in die Kinos kam. Die Hauptdarstellerin Henriette Confurius habe ich dann viele Jahre später in den Geliebten Schwestern wiedergesehen, das habe ich damals erzählt. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die von allen Seiten beargwöhnt wird, und einer Flucht, die früher oder später enden muss und das vergangene Glück nicht zurückbringen kann, rührt mich noch heute und der Soundtrack von Nicholas Lens ist einfach klasse. Gehört zu den Soundtracks, die ich sofort kaufen würde, wenn sie auf CD erhältlich wären, für Chunking Express und Happy together gilt das im Übrigen auch, womit wir wieder bei Wong Kar-Wai wären. Die Musik aus 2046 konnte ich problemlos kaufen, im Falle von In the mood for love bekam ich immerhin eine Kopie von einer Freundin, das Original war nicht mehr zu kriegen. Aber ich schweife ab. Wenn ich die eine oder andere Person mit meiner kurzen Liste inspirieren konnte, freut mich das.


6 Antworten auf „Blogparade: Gegen den Strom“


  1. 1 Singende Lehrerin 08. Juni 2016 um 12:04 Uhr

    Danke für diese so abwechslungsreiche Liste: fünf Filme aus fünf verschiedenen Ländern und in fünf verschiedenen Sprachen! Toll!

    Ich selbst kenne nur „Full Monty“ – ein klasse Film! Ein paar Filme von Wong Kar-Wai habe ich gesehen (u.a. „2046″), aber ich glaube, „Happy Together“ war nicht dabei.

    Vielen Dank fürs Mitmachen! :)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 08. Juni 2016 um 12:42 Uhr

    Stimmt, sie sind wirklich in fünf verschiedenen Sprachen gedreht. „Full Monty“ kenne ich aber nur auf Deutsch, soweit ich mich erinnere. „Happy together“ habe ich mir auch mal im Original mit Untertiteln gegeben, kann aber absolut kein Kantonesisch, Mandarin oder sonst etwas in dieser Richtung. „Happy together“ dürfte der einzige WKW-Film sein, in dem keine Frau in einer wichtigen Rolle vorkommt, da eben ein schwules Paar im Mittelpunkt steht.

  3. 3 Gerd Duerner 08. Juni 2016 um 16:24 Uhr

    „The Full Monty“ kenne ich, witziger Film mit ernsthaften Momenten wenn ich das recht entsinne, recht typisch für das Britische Kino würd ich sagen wollen.

    Von Won Kar-Wei kenne ich nur „2046″ ansatzweise – Ich glaube ich habe mich da vom SF Label reinlegen lassen… sei’s wie’s sei, ich denke nicht das ich je ein Freund seiner Filme werden werde wenn dieser für ihn bezeichnend ist.

    Der Rest ist mir tatsächlich gänzlich unbekannt. Wobei die ersten beiden mir recht interessant klingen.

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 08. Juni 2016 um 19:36 Uhr

    Ich liebe Filme von Wong Kar-Wai und insbesondere „2046″, der leichter zu verstehen ist, wenn man davor „In the mood for love“ gesehen hat. Aber manche werden mit dem Regisseur auch einfach nicht warm.
    Wegen Aldo Giovanni e Giacomo bedauere ich alle Menschen, die kein Italienisch verstehen. Auch der Sketch mit dem Museum und mit dem Fahrkartenkontrolleur und …

  5. 5 jacker 10. Juni 2016 um 10:24 Uhr

    Schön, dass du auch mitgemacht hast :)

    Bis auf HAPPY TOGETHER habe ich von keinem der Filme gehört, sie klingen aber allesamt spannend. Notiere ich mir mal für einen Moment, wo mir nach sowas ist.

  6. 6 Fiammetta de Bornelh 10. Juni 2016 um 12:51 Uhr

    Es ist möglich, dass man „La vie d‘artiste“ auch in einer anderen Sprache als Franzöisch sehen kann oder er mit Untertiteln erhältlich ist, bei „Chiedimi se sono felice“ bin ich aber fast sicher, dass man den nur mit Italienischkenntnissen sehen kann (oder hast du welche?). Bei den anderen beiden, die dir unbekannt sind, besteht dieses Problem nicht. Und hast du „Happy together“ selbst gesehen oder nur davon gehört? Wong Kar-Wai war doch nicht so dein Favorit, soweit ich mich erinnere …

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben + = zehn