Ein paar Antworten auf eine beliebte Frage

„Mein_e Partner_in ist asexuell, ich bin es nicht, wie soll ich damit umgehen?“ ist eine häufig gestellte Frage in Foren und Online-Gruppen zum Thema Asexualität. Dies ist verständlich, weil man derartige Themen häufig nicht einfach mit den eigenen Kumpels_Kumpelinen besprechen kann, sie einem aber sehr auf der Seele brennen. Vor einigen Monaten wurde mir die Frage auch nach einem Vortrag gestellt und spontan fiel mir gar nicht so viel Kluges ein. In deutscher Sprache gibt es jetzt nicht die Masse von Posts in dieser Richtung, also dachte ich mir, ich verfasse mal einen, basierend auf eigenen Erfahrungen und denen anderer Menschen, von denen ich im Laufe der Jahre so gehört und gelesen habe.
Ich gehe hier davon aus, dass das Gegenüber selbst weiß, dass es asexuell ist und sich selbst so bezeichnet. „Ist er_sie vielleicht asexuell?“ ist nochmal ein anderes Paar Ärmel (Französismus – auf Deutsch sagt man Schuhe, oder? Na, lassen wir das).
Also, zunächst einmal: Glaubt der Person, was sie sagt, nehmt sie ernst. Wie sie empfindet, weiß sie selbst am besten. Ungebetene Erklärungsversuche oder Vermutungen, dass es doch vielleicht daran liegt, dass … kommen in der Regel nicht so gut.
Damit eng verbunden: Nehmt das, was die betreffende Person sagt, nicht als Herausforderung auf, sucht nicht nach Hintertürchen. Consent ist generell ein wichtiges Thema, nein heißt nein und im Umgang mit einer asexuellen Person schadet es nicht, sich das noch einmal hinter die Ohren zu schreiben.
Nutzt die Gelegenheit, um über den Tellerrand zu schauen, um euren Horizont zu erweitern (das schadet ohnehin nie). Bestimmte Dinge, die ihr immer für selbstverständlich gehalten habt, sind es in Wirklichkeit gar nicht. Ihr wart euch sicher, dass man nicht in jemanden verliebt sein kann, ohne mit der Person Sex haben zu wollen? Tja, stimmt nicht – in diesem Zusammenhang spricht man von sexueller und romantischer Orientierung, die nicht deckungsgleich sein müssen und es bei asexuellen Menschen häufig nicht sind. Und das ist nur ein Beispiel. Nur weil ihr schon 30, 40 oder 50 seid und von manchen Sachen noch nie gehört habt, heißt das nicht, dass es diese Sachen nicht gibt. Von verinnerlichten Vorstellungen zu lassen ist auch dann hilfreich, wenn überlegt wird, wie sexuelle Kompromisse aussehen können. Es gibt vielleicht Lösungen, die für euch passen können, die euch aber nicht in den Sinn kommen, weil sie nicht dem allgemein propagierten Bild von Beziehungsleben entsprechen.
Zweifelt nicht an eurer Attraktivität oder euren Fähigkeiten als Liebhaber_in! Dass sich der Mensch, mit dem ihr zusammen seid, sexuell nicht von euch angezogen fühlt, hat überhaupt nichts mit euch zu tun und ist nicht mit einer Ablehnung eurer Person zu verwechseln. (Ich habe schon häufig von asexuellen Menschen in Mischbeziehungen gehört, die körperliche Nähe allgemein vermeiden, weil sie befürchten, dass es unweigerlich in Sex ausartet. Nicht asexuelle Menschen leiden oft mehr unter dem Mangel an Zärtlichkeit als unter dem fehlenden Sex, aber so weit muss es nicht kommen, diese Art von Missverständnissen lässt sich aus dem Weg räumen.)
Fragt euch selbst, was genau euch an Sex wichtig ist, was ihr auf diesem Weg bekommt und ausdrücken könnt und ob diese Dinge nicht auch anderswo zu finden sind. Es gibt so viele Arten, auf die zwei Menschen einander nahe sein können und die haben nicht einmal alle mit körperlicher Nähe zu tun geschweige denn mit dem Ausziehen der Unterhose.
Macht weder euch selbst noch eurem_eurer Partner_in Vorwürfe. Ihr habt unterschiedliche Bedürfnisse, keine Seite ist mehr „im Recht“ als die andere und es ist auch nicht eine_r „normaler“. In manchen Fällen helfen alle Gespräche und alles Ausprobieren nichts, ihr kommt einfach nicht auf einen Nenner. Ihr könnt zeigen, dass ihr traurig/frustriert/was immer seid, aber vermeidet bitte Aussagen wie „es ist doch klar, dass ich unter diesen Umständen keine Beziehung mit dir führen möchte und du wirst es sehr schwer haben, jemand anderen zu finden.“ Ihr könnt nur für euch sprechen, nicht für alle anderen Menschen auf der Welt.
Wenn eurer Schnucki zu den asexuellen Menschen gehört, für die Sex in Ordnung ist, müsst ihr akzeptieren, dass das, was ihr im Bett (oder sonstwo) tut, ihm nie das Gleiche bedeuten wird wie euch. Es gibt Asexuelle, die Spaß an Sex haben, aber er wird für sie nie denselben Stellenwert haben wie für euch. Leidenschaft und Begeisterung ist nichts, das man erzwingen kann, man empfindet sie oder eben nicht. Für manche Asexuelle ist es ein schönes Gefühl, ihrem_ihrer Partner_in etwas Gutes zu tun, sie möchten deshalb aber nicht zwangsläufig, dass man für sie dasselbe tut. Ihr müsst Asexuelle übrigens auch nicht bedauern, weil sie auf der sexuellen Ebene weniger empfinden als ihr. Wir haben in der Regel nicht das Gefühl, dass uns etwas Wunderschönes entgeht und das Angebot, uns zu helfen, unsere Sexualität zu entdecken, weil wir so wie wir sind doch unmöglich glücklich sein können, wird allgemein auf wenig Begeisterung stoßen. Wenn ihr uns helfen und uns unterstützen wollt, fangt damit an, uns aufmerksam und ohne Vorbehalte zuzuhören … Womit ich wieder bei Punkt eins wäre.
Im Anschluss an meine Ausführungen noch ein bisschen mehr Material zum Thema, auf Englisch:
Asexuelle interviewt ihren nicht asexuellen Ehemann
Rat für nicht asexuelle Menschen in einer Beziehung mit einem_einer (eventuell) Asexuellen
Vierminütiges Interview mit einem in einer Mischbeziehung lebenden Paar


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