Nicht in den Apfel beißen!

Ich bin als Tochter einer Science Fiction liebenden Mutter aufgewachsen und wenngleich ich an dem Genre nicht so dranklebe wie sie, mag ich es ganz gern und lasse mir ab und zu mal was empfehlen oder ausleihen. Über die Weihnachtsfeiertage habe ich den Marsianer verschlungen (der seinerseits hauptsächlich Kartoffeln verschlingt), aber davon wollte ich jetzt gar nicht erzählen, sondern von meiner Vorliebe für Geschichten über Zeitreisen oder sonstige Anomalien bzgl. des Verlaufs der Zeit. In Science Fiction-Geschichten kommt so etwas ja ständig vor, meine Favoriten sind dagegen gar nicht unbedingt dem Genre zuzurechnen und mein Geheimtipp wäre, wollte man ihn als Science Fiction bezeichnen, seeeeehr ante litteram.
Sowohl Die Frau des Zeitreisenden (das Buch) als auch Das Haus am See (den Film – ich habe keine Ahnung, ob es dazu auch ein Buch gibt) fand ich von der Idee her ziemlich gut, aber im Endergebnis zu schwülstig. Im ersten Fall störte mich, dass die schwere Erfüllbarkeit des Kinderwunschs so ausgewalzt wird, im zweiten fand ich manches zu unlogisch.
Da gefiel mir Replay von Ken Grimwood schon besser, weil man sich beim Lesen doch unwillkürlich fragt, was man selbst tun würde, wenn man mit all dem Wissen, das man heute hat, noch einmal in die Vergangenheit zurückversetzt würde. Beim Suchen nach dem Namen des Autors sah ich ganz erstaunt, dass das Buch schon von 1986 ist, ich hätte gedacht, es sei aus den letzten 10 Jahren.
Die Spiegelgeschichte von Ilse Aichinger ist definitiv schon älter und es ist auch lange her, dass ich sie gelesen habe, die Erinnerungen sind aber sehr deutlich, weil sie mich damals so gefesselt hat. Eine junge Frau lebt ihr Leben rückwärts, von ihrem Tod infolge einer Abtreibung bis zu ihrer Geburt. Alles ist umgekehrt – von ihrem Freund muss sie sich verabschieden, bevor ihre Geschichte überhaupt beginnen kann und ihre Mutter kehrt vom Friedhof nach Hause zurück, um sich endlich um die kleinen Geschwister zu kümmern.
Mein am Anfang angekündigter ungewöhnlicher Liebling ist aber das anonyme Lai de Guingamor (Ende 12. / Anfang 13. Jahrhundert). Geschichten aus dem Mittelalter sind angestaubt und haben nichts damit zu tun, was uns heute interessiert? Pah! In diesem Text gerät ein junger Mann in die Anderswelt und äußert nach ein paar Tagen den Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Die Fee, bei der er lebt: Das wird dir überhaupt nichts bringen, in deiner Welt sind inzwischen mehrere hundert Jahre vergangen, deine Familie ist tot und dein Königreich gibt es nicht mehr. Er: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Sie: Na meinetwegen, geh nochmal hinüber, aber iss bloß nichts, bis du wieder hier bist. Er überschreitet die Grenze und stellt fest, dass die Dame die Wahrheit gesagt hat. Da er Hunger bekommen hat, pflückt er sich einen Apfel, beißt hinein und kippt sofort aus den Latschen, weil er plötzlich anfängt zu altern. Gerade noch rechtzeitig wird er gerettet und wieder in die Anderswelt zurückgebracht, wo er fortan bleiben wird, weil er in seiner Welt ohnehin nichts mehr zu erledigen hat. Ich finde die Idee super und sehr modern – der Übertritt in einen anderen Zeitrahmen ist eben nicht ganz unproblematisch, in einer Folge von Raumschiff Voyager passiert etwas ganz Ähnliches. Die Autor_innen der Folge haben garantiert von der altfranzösischen Geschichte abgeschrieben. ;)


4 Antworten auf „Nicht in den Apfel beißen!“


  1. 1 trippmadam 26. Januar 2016 um 10:15 Uhr

    Zum „Haus am See“ hatte ich ganz ähnliche Gedanken. „Die Frau des Zeitreisenden kenne ich nicht, aber vielleicht wird das nette Reiselektüre.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 26. Januar 2016 um 14:26 Uhr

    Ach, man kann es durchaus einmal lesen, die zugrunde liegende Idee ist wie gesagt nicht schlecht. Die männliche Hauptperson hat eine Krankheit, die ihn immer wieder durch die Zeit reisen lässt, ohne dass er es möchte, allerdings nur durch sein eigenes Leben. Manchmal ist er zweimal am gleichen Ort, wobei seine eine Version etwas oder viel älter als die andere ist. Seine Frau lernt ihn schon als Kind kennen, er trifft sie dagegen erst als Erwachsener zum ersten Mal. Sorgt beim Lesen für ein paar unterhaltsame Gehirnkrämpfe. :)

  3. 3 Gerd Duerner 27. Januar 2016 um 12:55 Uhr

    „Das Haus am See“, Sandra Bullock und Keanu Reeves – oder?
    Schöne Story, etwas unlogisch, zugegeben, hat mich aber in diesem Fall trotz Remake mehr überzeugt als im Asiatischen original (Koreanisch? Bin mir nicht mehr ganz sicher). Hier trifft die Romanze im US Remake vielleicht einfach eher das westliche Gemüt.

    Bei Ken Grimwood hat mich erstaunt wie er es schafft einen über die beachtliche Seitenzahl zu fesseln in einem Roman in dem ja im Grunde immer wieder das selbe passiert…

    „Die Frau des Zeitreisenden“, hmm ja, tue ich mir schwer damit, das Buch konnte mich nicht fesseln und der Film – ich weiß nicht, dieses ganze er trifft sie als sie noch ein Kind ist, das hat für mich irgendwie bedenkliche Anklänge.

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 27. Januar 2016 um 14:20 Uhr

    Ganz genau, Bullock und Reeves. Ich wusste gar nicht, dass der Film ein asiatisches Vorbild hat.
    Bei der „Frau des Zeitreisenden“ kenne ich wie gesagt den Film nicht, aber im Buch fand ich es nicht merkwürdig/schlimm, dass sie ihn kennenlernt, als sie noch ein Kind ist. Er hat sie ja als Erwachsene getroffen und kennt sie schon. Und Menschen fragen sich doch manchmal, wie die von ihnen geliebte Person wohl als Kind oder in jüngeren Jahren war, daher finde ich es ganz nett, dass dieser Blick in die Vergangenheit des anderen hier mal möglich gemacht wird.

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