Aska von Beruf

Darüber, wie man als asexueller Mensch so lebt, ist schon viel geschrieben worden. Die Medien interessiert das ja immer sehr und auf von Asexuellen selbst betriebenen Blogs ist auch oft davon die Rede, wie bestimmte Situationen erlebt werden oder welche Probleme auftreten können, die andere so nicht haben. Ich behaupte, dass meine Orientierung mein Leben gar nicht so sehr bestimmt, mein Einsatz für mehr Sichtbarkeit derselben dagegen schon. Also, inwiefern?
Erstens: Als Aktivistin erlebe ich Überraschungen und weiß nicht, was die nächsten Jahre bringen werden.
Schaut man sich die Aktivitätenliste unseres Vereins an, wird sofort deutlich, dass in diesem Jahr viel mehr passiert ist als in den vorangehenden. Für das kommende Jahr stehen auch schon einige Termine (darunter unsere eigene Konferenz, die in die zweite Runde geht.) Begonnen haben wir klein und bescheiden mit dem Druck von Informationsmaterial und der Teilnahme an Veranstaltungen im Rahmen von CSDs, inzwischen bekommen wir viele Anfragen für Vorträge und mehr.
Daraus ergibt sich zweitens: Ich wachse über mich hinaus
Als Studentin habe ich nie sonderlich gern Referate gehalten, weil ich mich schriftlich einfach viel besser ausdrücken kann. Inzwischen nehme ich Einladungen für Vorträge an, weil die Nachfrage eben da ist. Und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mich mit 30 noch mit PowerPoint anfreunden und Folien erstellen würde – in der Schule und im Studium kam ich drumherum. Und neue Städte lerne ich kennen bzw. sehe Orte wieder, die ich ohne einen Vortragsanlass nie aufgesucht hätte. ICE-Fahrkarten kaufen, die letzten Endes jemand anders bezahlt, ist nicht schlecht. :)
Damit hängt zusammen drittens: Meine berufliche Situation verändert sich
Mein Freiberuflerinnendasein hat ein paar Nachteile, aber praktisch ist, dass ich mir freinehmen kann, wann ich möchte. Ich kann meinen Auftraggeber_innen einfach sagen: „Dann und dann bin ich nicht da“ und sie können mich nicht daran hindern. Und da ich für Vorträge ein Honorar bekomme, ist der Verdienstausfall auch nicht das Problem. Nähkästchen auf: Ich muss mir im nächsten Monat anderthalb Tage für einen Vortrag bzw. An- und Abreise freinehmen und werde in diesem Zeitraum durch den Vortrag mehr einnehmen als ich bei meinen Preisen mit einer Übersetzung verdienen könnte.
Dies alles führt zu viertens: Ich muss mich mehr outen
Natürlich ist niemand je verpflichtet, sich als was auch immer zu outen. Ein Leben im Schrank bedeutet aber, dass man in Unterhaltungen mit anderen Teile seines Lebens aussparen muss und wenn man viel für mehr Sichtbarkeit der eigenen Orientierung arbeitet, sind das nicht nur so ein paar kleine Teilchen. (Abgesehen davon sieht es albern aus, sich für Sichtbarkeit einzusetzen und dann im Privaten selbst unsichtbar zu bleiben.) Dieses Jahr hatte ich fremdbezahlte Zugfahrkarten in eine Stadt, in der eine Schulfreundin von mir inzwischen wohnt, ich schrieb ihr, ich sei bald in ihrer Nähe und schlug ein Treffen vor, sie freute sich sehr und fragte, was mich denn in die Gegend führe. Ich hatte mich bei ihr bis dahin nicht als asexuell geoutet, da ich das nie als wichtig empfunden hatte, nun musste es doch sein.
Diese Freundin sagte zu der neuen Information nicht viel mehr als „Ach so ist das“ und so ist es mir mit den meisten Menschen ergangen, bei denen ich mich in meinem Leben schon geoutet habe, insgesamt habe ich mit meinem Umfeld Glück. Dennoch frage ich mich manchmal, ob Freund_innen und Bekannte mich nicht im Grunde ihres Herzens ein bisschen merkwürdig finden – sie hat eine seltene sexuelle Orientierung, nun gut, aber warum nimmt das in ihrem Leben so viel Platz ein? Mir fällt es leichter, anderen vom letzten Chorkonzert zu erzählen als vom letzten Vortrag oder CSD-Einsatz. Und was wird sein, wenn mir irgendwann wieder eine nicht asexuelle Person auf romantische Weise gefällt und wir uns näherkommen? Ganz abgesehen davon, dass die üblichen Gespräche und Kompromisse in einer gemischten Beziehung nötig sein werden und es passieren kann, dass wir zu unterschiedlich sind, um uns in der Mitte zu treffen, wirkt eine gestandene Aktivistin vielleicht auch ein wenig angsteinflößend…?
Es überwiegt jedoch die Überzeugung, dass Öffentlichkeitsarbeit wichtig ist, und der Spaß an der Sache – also vorwärts mit Volldampf!


2 Antworten auf „Aska von Beruf“


  1. 1 Carmilla DeWinter 30. November 2015 um 23:02 Uhr

    Bin zur Zeit nicht besonders gut, pünktlich zu kommentieren.

    Bei mir hindert mich mein Brotjob eher an Fahraktionen, und wenn was leidet, dann ist es der Brötchen-/Nebenfreiberuf. Dafür hätte ich mir aber vor zehn Jahren nicht geträumt, irgendwann in Sachen Asex vor einer Kamera zu stehen oder anderweitig Interviews zu geben.
    Ich denke dann immer: Aber hey, andere Leute sind dreißig plus und müssen sich fragen, was sie in ihrem Leben geleistet haben.

    Im Übrigen habe ich keine Ahnung, ob nicht das „gestandene Aktivistin“ potentielle Partner*innen auch dann einschüchtern würde, wenn es um ein anderes Thema ginge. Allgemein ist ja wer, di*er seine Meinung selbstbewusst nach außen vertritt, dafür Zeit aufwendet und viel weiß – also es verträgt, auch unangenehm aufzufallen – durchaus nicht gerade das, was als harmlos und snschmiegsam gilt.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 01. Dezember 2015 um 9:52 Uhr

    Ach, da ich noch nichts Neues geschrieben habe, bist du nicht zu spät.
    Ich finde Engagement bei anderen durchaus attraktiv, mag es aber nicht, wenn Leute dogmatisch auftreten und kein anderes Thema kennen – so schlimm bin ich dann doch nicht, hoffe ich. :) Einschüchternd wirkt es auf mich, wenn sich jemand für etwas einsetzt, womit ich mich nicht auskenne, aber man kann sich die Sache ja erklären lassen.

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