Kurze Bemerkungen zu einer langen Geschichte

Ich habe gerade Storia della bambina perduta von Elena Ferrante zu Ende gelesen, den vierten und letzten Band der Geschichte von Lenù und Lila. Einige Bücher der Autorin, die sich hinter einem Pseudonym verbirgt und über deren Leben nichts bekannt ist (es steht nicht einmal fest, ob es sich tatsächlich um eine Frau handelt), wurden ins Deutsche übersetzt, von der zwischen 2011 und 2014 erschienenen Tetralogie kann man bei uns noch nicht einmal den ersten Teil lesen. Ich dürfte also im deutschsprachigen Raum derzeit zu den wenigen gehören, die sie kennen.
Den ersten und zweiten Teil habe ich relativ dicht hintereinander gelesen, den dritten kenne ich gar nicht und der vierte fiel mir jetzt eher zufällig in die Hände, ich hatte die Geschichte schon halb vergessen, obwohl sie mich vor etwa anderthalb Jahren sehr fasziniert hatte. Ich war auch ein wenig genervt, dass sich alles so lang hinzog, insgesamt liegen zwischen der Geburt der beiden Mädchen im Jahre 1944 und der Jetztzeit etwa 1800 Seiten. Vielleicht ist der letzte Teil der temporeichste, ich habe ihn als ziemlich spannend empfunden, ständig passiert irgendetwas.
Lenù und Lila werden in einem armen, von Gewalt geprägten Viertel von Neapel geboren, das elegante Stadtzentrum ist nicht nur geographisch weit entfernt. Ihre Leben werden ganz unterschiedlich verlaufen – Lenù erkämpft sich den Besuch der Mittelschule, der Oberschule und schließlich der Universität, lebt lange in Norditalien und hat als Schriftstellerin Erfolg, Lila wird nach fünf Jahren Grundschule keine formale Bildung mehr zuteil, sie verlässt Neapel nie, baut aber ein eigenes Unternehmen auf und wird im Viertel zur Autorität.
Das Motiv der unterschiedlichen Freund_innen (es geht auch mit Geschwistern) also, zwischen denen jedoch ihr Leben lang eine enge Bindung bestehen bleibt. Die Beziehung zwischen Lenù und Lila erweist sich als stärker und wichtiger als alle Männergeschichten und als die Beziehung zu Eltern und Geschwistern – bei den Kindern verschwimmen die Unterschiede zwischen meinen und deinen. Bewunderung und Neid sind kaum voneinander zu unterscheiden, die beiden Freundinnen vergleichen sich miteinander, fürchten auf der Welt nichts mehr als das Urteil der jeweils anderen, unterstützen sich gegenseitig, scheuen sich aber nicht, einander zu verletzen.
Die Geschichte wird von Lenù erzählt, die sich selbst stets für weniger genial als ihre Freundin hält, objektiv gesehen aber mehr erreicht. Hat sie mehr Glück, weiß sie sich besser anzupassen?
Mein Lieblingszitat aus dem letzten Teil der Tetralogie findet sich relativ weit vorn, auf Seite 67: „In quale disordine vivevamo, quanti frammenti di noi stessi schizzavano via come se vivere fosse esplodere in schegge.“ (Mögliche Übersetzung: In was für einer Unordnung lebten wir, wie viele Teile unserer selbst entglitten uns, als hieße leben, in Scherben zu zerspringen.)
Eine fesselnde Geschichte, für die man jedoch Zeit und Geduld mitbringen muss.


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