Wieder ein paar sprachliche Fragmente

Beim Lesen und Hören sind mir in letzter Zeit wieder ein paar Dinge aufgefallen…
Ich arbeite mich momentan wieder einmal durch Thomas Manns Buddenbrooks und da ich die Handlung inzwischen recht gut kenne, kann ich mehr auf die Sprache achten. Plattdeutsch kommt vor, Bayrisch auch und die Hochsprache ist stark vom Französischen beeinflusst, was mir früher nie so stark bewusst geworden ist. Abgesehen von Äußerungen wie mon vieux und assez finden sich auch ins Deutsche integrierte Wörter. Inklinieren (neigen) sagt heute soweit ich weiß kein Mensch mehr (im Duden finde ich nur das Substantiv Inklination), sich installieren (sich einrichten) ist noch niedlicher, da „installieren“ ja noch gebräuchlich ist, aber heute etwas anderes bedeutet. Im Falle von sich alterieren bin ich nicht sicher, ob das Wort direkt aus dem Französischen herübergeflutscht ist, denn im Roman wird es in der Bedeutung „sich aufregen“ verwendet und das heißt s‘altérer nun nicht direkt.
Dieses Mal fällt mir auch stark auf, dass einige Familienmitglieder über Jahrzehnte immer wieder das Gleiche sagen, das erinnert mich irgendwie an das Lessico famigliare von Natalia Ginzburg und so groß ist die Entfernung ja im Grunde auch nicht.
Lästern muss ich heute auch wieder ein wenig, diesmal über LinkedIn. Man könnte ja meinen, dass es in einem beruflichen Netzwerk auf der sprachlichen Ebene vollkommen sachlich zugeht, das ist aber nicht der Fall. Einige meiner Kontakte haben Spaß daran, öfters irgendwelche mehr oder weniger platten Sinnsprüche zu posten oder zu liken, so dass ich das dann sehe. Da hätten wir in den letzten Tagen zum Beispiel: „O porti almeno una soluzione o anche tu fai parte del problema“ (das soll Konfuzius gesagt haben, auf Deutsch lautet die Weisheit etwa „Entweder trägst du mindestens eine Lösung bei oder du bist ein Teil des Problems“) und „Great companies don‘t hire skilled people and motivate them, they hire already motivated people and inspire them […]“ (Das ist offenbar aus einem Buch, es war ein Foto der Seite zu sehen, auf dem dieser Satz und das Folgende unterstrichen war, übersetzen könnte man hier mit „Große/Großartige Unternehmen stellen nicht qualifizierte Menschen ein und motivieren sie, sie stellen bereits motivierte Leute ein und inspirieren sie“). Für sich genommen sind diese Sprüche nicht immer so furchtbar dumm, aber im Rudel gehen sie mir auf den Zeiger und ich frage mich, was so viele daran finden.
Und dann habe ich mir in letzter Zeit öfters ein portugiesisches Lied mit dem Titel Acho Inúteis as Palavras angehört und mich an der Stelle, an der es heißt „a noite nos procura“ jedes Mal gefragt, was die Nacht denn so besorgt, denn das bedeutet procurare im Italienischen. Irgendwann habe ich ein Online-Wörterbuch konsultiert und weiß nun, dass procurar im Portugiesischen „suchen“ heißt. Wieder mal ein falscher Freund. Im Lateinwörterbuch steht unter procuro „besorgen, verwalten / kaiserlicher Procurator sein / etwas pflegen / sühnen“. Nun ja, wenn man etwas besorgen soll, muss man das Zeug manchmal erst suchen.


3 Antworten auf „Wieder ein paar sprachliche Fragmente“


  1. 1 Carmilla DeWinter 18. August 2015 um 22:28 Uhr

    Also, „sich alterieren“ ist mir hier in Süddeutschland unter der Bedeutung schon halbwegs geläufig, ich habe sogar glaube ich, schon wen das sagen gehört. Allerdings haben wir hier auch Orte wie „Pinache“, und Rivoirs und Rogees hier, also durchaus einen Haufen Menschen mit Waldenser-Wurzeln.

    Was die Sprüche angeht … manchmal sind sie ja ganz witzig (Homophobia = „I‘m a homo“-Phobia), aber gerade so Motivations-Blabla ist zumeist seichtes Gelaber, auf das ich durchaus verzichten kann, zumal in der Masse. Mir jedenfalls hat noch kein solcher Spruch geholfen, mich zum Arbeiten aufzuraffen.

    Aus persönlicher Erfahrung weiß ich auch, dass es am besten ist, eine*n motivierten, interessierten Chef*in zu haben, um gern in einem Unternehmen zu arbeiten. *seufz* Heißt nicht umsonst: „Wie der Herr, so’s Gescherr.“

  2. 2 trippmadam 19. August 2015 um 6:22 Uhr

    Ja, Thomas Mann konnte manchmal ein bisschen gemein sein, wenn er Romanfiguren durch ihre sprachlichen Macken charakterisierte. Seine Figuren verändern sich notgedrungen mit der Zeit und den Umständen,aber die grundlegende Persönlichkeitsstruktur bleibt erhalten und zeigt sich in diesen Formulierungen, die den Personen immer wieder zu entschlüpfen scheinen.

  3. 3 Fiammetta de Bornelh 19. August 2015 um 9:48 Uhr

    @ Carmilla: Echt, bei euch ist „sich alterieren“ gebräuchlich? Lustig.
    Berlin und Umgebung hatten nach dem Edikt von Potsdam 1685 einen starken Zuzug von französischen Hugenott_innen zu verzeichnen, daher sollen u.a. unsere „Buletten“ und „Botten“ kommen. Im Oderbruch gibt es auch ein paar Dörfchen mit hübschen frz. Namen, eins heißt Beauregard.
    @ Trippmadam: Gemein finde ich Thomas Mann gar nicht. Für mein Gefühl macht er sich liebevoll über seine Figuren lustig.

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