Mit Kopfbourka ins Kino

Ich hatte ja schon öfter darüber gelästert, dass die Romane von Stefania Bertola ins Deutsche schlecht übersetzt werden und der Verlag teilweise entsetzlich dumme Titel auswählt – inzwischen habe ich zum ersten Mal einen ganzen Roman auf Deutsch gelesen und ja, es waren schon ein paar Schoten dabei. Um niemanden zu verunglimpfen, sage ich nicht, welcher Roman es war und von wem er übersetzt wurde, sondern zitiere nur das, was mir aufgefallen ist.
Als mehrere italienische Frauen nach Afghanistan fahren, reicht die Zeit in der Übersetzung gerade einmal dafür aus, dass sie sich eine „Kopfbourka“ kaufen. Was soll das sein, gibt es auch Modelle, die den Kopf freilassen? Das mag sich dier deutsche Leser_in fragen, dabei stand im Italienischen einfach „giusto il tempo di comprarsi un bourka a testa“. „Un/una xyz a testa“ bedeutet ein/eine xyz für jede Person, pro Nase sozusagen oder wenn man möchte pro Kopf. Dass der Übersetzerin dieser ziemlich häufig verwendete Ausdruck nicht bekannt war, wundert mich doch sehr.
Eine der weiblichen Protagonistinnen hat mit ihrem Freund vor einiger Zeit über eine mögliche Heirat gesprochen und er ist ihr ausgewichen. Was hat Mademoiselle daraufhin getan? „aveva deciso di dargli un mese di tempo per tornarci lui“, zu Deutsch etwa „sie hatte beschlossen, ihm einen Monat Zeit zu geben, selbst darauf zurückzukommen.“ Darauf? Ja, das ist das kleine -ci, das da hinten am Verb im Infinitiv hängt. So klein und unauffällig, dass die Übersetzerin es offenbar übersehen hat, bei ihr steht nämlich, die betreffende Frau gebe ihrem Typen Zeit, „um wieder er selbst zu werden.“ Was richtig wäre, wenn im Original „per tornare lui“ stünde.
Völlig unklar ist mir, warum „l‘ho assunta“ mit „ich lasse sie gewähren“ übersetzt wurde. Das bedeutet nämlich „ich habe sie eingestellt“ und um eine Art Angestelltenverhältnis handelt es sich in diesem Falle auch, X lässt sich von Y helfen und hat ihr etwas Bestimmtes versprochen, falls sie Erfolg hat.
Eine ältere Dame versteht teilweise nicht, worüber die Leute in ihrer Umgebung so sprechen. So sagt sie, als gerade von freien Radikalen die Rede ist, ihr sei doch egal, was radikal gesinnte Menschen so treiben, „basta che la smettano con tutto ’sto cinema.“ Wörtlich heißt das „wenn sie nur mit diesem ganzen Kino aufhören“ und übersetzt wurde, diese Leute sollen aufhören „Kinofilme zu machen“. In diesem Falle heißt Kino jedoch das, was bei uns Zirkus heißen kann, nämlich so etwas wie Affentheater. :)
Die Settimana Enigmistica habe ich nie gelesen, weiß aber seit Ewigkeiten, dass das eine Rätselzeitschrift ist (ihr Name könnte wörtlich mit „die Rätselwoche“ übersetzt werden). Als einer der Protagonisten fragt: „Cos‘è, la settimana enigmistica?“ ist in der deutschen Übersetzung von der „Woche des Rätselratens“ die Rede, was viel mehr nach einem Event als nach einer Zeitschrift klingt. Ich habe den dumpfen Eindruck, dass die Übersetzerin nicht wusste, dass es sich um eine Zeitschrift handelt.
So viele eigentlich vermeidbare Fehler helfen nicht, eine wunderbare Autorin in unserem Land bekannt zu machen, anzi.


2 Antworten auf „Mit Kopfbourka ins Kino“


  1. 1 tschellufjek 10. Juni 2015 um 22:15 Uhr

    Dieser Artikel gibt mir Lust, die Übersetzung meiner französischen Lieblingsromane mal genauer unter die Lupe zu nehmen :)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 11. Juni 2015 um 9:29 Uhr

    „Anspruchsvolle“ Literatur wird ja meistens besser übersetzt, es muss nicht zwangsläufig so sein.

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