Aska an Bord?

An sich sind mir asexuelle Figuren in Büchern, Filmen etc. nicht so schrecklich wichtig, d.h. ich suche nicht nach ihnen und wenn mir jemand erzählen würde, xyz aus blabla sei asexuell und die Geschichte klingt für mich ansonsten völlig uninteressant, würde ich das Buch wohl nicht lesen bzw. den Film anschauen. Wenn aber meine Lieblingsautorin von Unterhaltungsliteratur eine Figur erschafft, die nach allem, was sie so über sich sagt, sehr gut eine Aska sein könnte, ist das doch einen Post wert.
Die Autorin ist, falls es jemand noch nicht erraten haben sollte, Stefania Bertola, das Buch Romanzo rosa, auf Deutsch erschienen unter dem Titel Happy End und Blümchenkaffee (im Vergleich mit anderen Büchern derselben Autorin ist dieser deutsche Titel gar nicht einmal sooo schlecht gewählt.) Ich hatte das Buch schon zweimal oder so gelesen, besitze es seit Kurzem endlich selbst und habe es mir gleich noch einmal zu Gemüte geführt. Es ist kein typischer Roman und das ist wahrscheinlich der Grund, warum einige Blogger_innen, Amazon-Kund_innen etc., deren Urteile ich las, mit ihm nicht recht warm werden.
Wir befinden uns in einem Kurs, dessen Teilnehmer_innen lernen wollen, wie man einen richtigen Groschenroman schreibt. Schilderungen von dem, was im Kurs so passiert, wechseln sich mit Kapiteln des Romans ab, den die Ich-Erzählerin Olimpia Ceschino schreibt. Es ist so lustig, zu verfolgen, wie sie nach den Vorgaben der strengen Kursleiterin Leonora Forneris immer wieder Dinge ändert, überhaupt steckt in dem mitteldicken rosa Bändchen so viel drin, aber auf alles einzugehen würde den Rahmen sprengen (lest selbst, am besten das Original). Konzentrieren wir uns auf das, was wir über Olimpia und ihre sexuelle und romantische Orientierung erfahren.
Zunächst sei gesagt, dass glühende Bertola-Fans die Figur bereits kennen und zwar aus der Kurzgeschichte La traversata di Torino, die in dem Band Il primo miracolo di George Harrison zu finden ist (keine Ahnung, ob der ins Deutsche übersetzt wurde). Dieser erschien 2010, Romanzo rosa zwei Jahre später. Während sie also einmal quer durch Torino läuft und sich unterwegs mit ihrem Wandergenossen Eric unterhält, erwähnt Olimpia beiläufig, sie sei mehrmals verlassen worden. Das passt nicht recht zu dem, was sie im Roman von sich erzählt, allerdings ist sie auch 2010 53 und 2012 schon 58 Jahre alt; ich muss bei aller Liebe und Bewunderung leider sagen, dass Stefania Bertola es mit Logik / Kontinuität nicht so hat, manchmal holpert es auch innerhalb des gleichen Buches.
Und, was sagt sie nun im Roman von sich? Zunächst die Eckdaten: Sie ist also 58 Jahre alt, von Beruf Bibliothekarin, lebt allein mit zwei Katzen und nimmt gern an Schreibkursen für Nicht-Profis teil.
Und was ihre Orientierung betrifft… Der erste Hinweis findet sich auf Seite 18: Olimpia überlegt, in welchem Genre sie sich versuchen soll, und ihr geht u.a. durch den Kopf: „Für die Softporno-Reihe Hot Fire fühle ich mich nicht qualifiziert, weil ich wenig erotische Erfahrungen habe und diese außerdem mit einer ziemlich komischen Person gemacht habe.“ (Ich übersetze hier und im Folgenden selbst, die existierende deutsche Übersetzung liegt mir nicht vor). Auf Seite 82 sagt sie, Bindungen seien ihr fremd – im Gegensatz zu ihrer Kurskameradin Paola, die ein Auge auf den ebenfalls teilnehmenden Vittorio geworfen hat.
Da zwischen Paola und Vittorio nicht alles so glatt läuft, sagt sie sich auf Seite 134: „Wie gut, dass ich mit der Liebe vor siebenunddreißig Jahren abgeschlossen habe.“ Auf Seite 184 kommt sie zu dem Schluss, einfach keine Liebesromane schreiben zu können: „Ich habe die wahre Leidenschaft, die alles mit sich fortreißt, nur für drei Tage im Jahre 1977 empfunden. […] In diesem Bereich fehlt es mir an Erfahrung.“
Tja, das lässt Raum für einige Packungen Spekulatius. ;) Ob die Autorin von der Existenz asexueller und aromantischer Menschen weiß und in einem ihrer Bücher einen solchen Menschen unterbringen wollte oder ob Olimpia einfach als alte Jungfer gemeint ist? Das könnte uns nur Madame Bertola selbst sagen, wobei sie in einem Interview mal gesagt hat, sie lerne ihre Figuren selbst erst kennen, während das jeweilige Werk entsteht.
Falls Olimpia eine aromantische Aska ist: Können wir damit zufrieden sein, wie sie dargestellt wird? Die zwei Katzen als Hausgenossinnen sind vielleicht etwas zu klischeehaft, aber einsam und isoliert ist die Figur nicht. Sie hat zwei Brüder, jeder hat ihr eine Nichte beschert, die sie oft aufsuchen, Chaos verbreiten und den Kühlschrank leeressen, Olimpia schimpft ein wenig über sie, aber es ist klar, dass sie die beiden gernhat. Außerdem hat sie eine langjährige Freundin, die ebenfalls die meiste Zeit ihres Lebens Single war, eine Nachbarin, die immer mit ihr Canasta spielen möchte, etc. Was Olimpia fehlt und was sie sich wünscht, ist nicht die große Liebe oder eine eigene Familie, sondern ein bisschen mehr Geld, sie verdient nur wenig und würde sich gern ein wenig bescheidenen Luxus leisten (z.B. öfter einen Cappuccino und ein süßes Teilchen an der Bar). Schriftstellerin wäre sie im Grunde auch gern und eventuell wird sie das auch… (wir wollen ja nicht alles verraten).
Also: Ich kann das Werk generell empfehlen und dem asexi Leserherz noch ein bisschen mehr.


2 Antworten auf „Aska an Bord?“


  1. 1 Carmilla DeWinter 31. März 2015 um 21:35 Uhr

    Hehe, mal schauen, vielleicht lege ich mir den Text zu – allerdings wegen des Schreibkurses. So als Schriftstellerin kann ich da das eine oder andere Liedchen von singen.

    Mir geht’s mit asexy Figuren ähnlich. Heißt, ich lese nicht alles, was es gibt. Mit (Web-)Comics kann ich beispielsweise sehr wenig anfangen, irgendwie funktioniert mein Hirn anders, sodass ich es wahnsinnig anstrengend finde, über längere Strecken Bilder mit Sprechblasen zu verfolgen. Dafür habe ich per englischsprachiger Community schon einiges an Fantasyromanen aufgespürt, wobei der Großteil davon allerdings als Leseprobe auf meinem Reader wartet, da mir erst einige Vampire und dann Sachliteratur in den Weg gerieten.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 01. April 2015 um 8:58 Uhr

    Wenn du das Buch irgendwann liest, musst du mir unbedingt erzählen, wie du es findest.
    Und ach ja, Webcomics – ich habe gehört, dass es so etwas gibt, aber nie angefangen, welche zu lesen, weil ich einfach kein Comic-Typ bin.

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