Zu viel A?

Gerade vor ein paar Stunden habe ich einen Artikel über Asexualität abgeschickt, der, wenn alles gut geht, demnächst in einem Onlinemagazin erscheinen wird (unter meinem echten Namen, weswegen ich ihn von hier aus nicht verlinken werde). Bei dem Magazin hatte ich mich eigentlich als Literaturkritikerin beworben, hatte aber auch erwähnt, dass ich mich für asexuelle Sichtbarkeit engagiere und schwupps, schon bekam ich einen Auftrag für einen Text zu eben diesem Thema (wobei es irgendwann wahrscheinlich auch Literaturkritiken von mir zu lesen geben wird). Natürlich habe ich mich gefreut, dass Interesse besteht, aber ein bisschen „ach nein, nicht schon wieder“ war doch auch dabei.
Ich frage mich, ob es allen Asex-Aktivist_innen so geht, dass sie das Thema ab und zu nervt. Bei Melanie Sawyer, auch bekannt als Ninny, kann ich mich erinnern, dass sie sich vor Jahren für eine Weile eine Auszeit von ihrem Engagement nahm, weil sie das Gefühl hatte, zu stark auf ihre sexuelle Orientierung reduziert zu werden. Bei mir ist es so, dass ich wohl nie wieder Artikel schreiben werde, in denen ich erzähle, wie ich herausfand, asexuell zu sein, wie mein Coming Out war etc. und mich auch nicht mehr für Artikel in diesem Stil interviewen lassen werde. Meine Lebensgeschichte ist ohnehin schon nicht besonders spannend oder besonders dramatisch und wenn man die gleichen Dinge immer wieder erzählt, werden sie davon nicht interessanter. Grundsätzlich bin ich bereit, Texte über Asexualität im Allgemeinen oder über bestimmte Aspekte zu liefern, die nichts mit meinem persönlichen Empfinden zu tun haben, aber übertreiben möchte ich es damit auch nicht, um mich nicht zu wiederholen und um mich nicht zu langweilen.
Es ist doch irgendwie paradox: Texte über Asexualität werden oft in Auftrag gegeben und häufig wird die Form „asexuelle Person erzählt aus ihrem Leben und von ihren persönlichen Erfahrungen“ bevorzugt (hier mal ein paar Beispiele). Auf der anderen Seite wird asexuellen Menschen, die einen Einblick in ihr Leben geben, schnell Exhibitionismus u.ä. unterstellt (ich denke da z.B. an die Kommentare unter meinem Artikel auf brigitte.de vor ein paar Monaten – ob die alle dachten, ich hätte mich selbst an die Zeitung gewandt und gesagt „Oooh, ich will unbedingt was über meine sexuelle Orientierung erzählen?“)
Leute wie Julie Sondra Decker / Swankivy kann ich nur bewundern, die macht sehr viel mehr als ich und das schon seit ewigen Zeiten, ohne je die Nase voll zu haben.


5 Antworten auf „Zu viel A?“


  1. 1 Carmilla DeWinter 21. Februar 2015 um 13:50 Uhr

    Hmm. Auf meinem asexy Blog ist es ja nun auch etwas ruhiger geworden …

    Persönliche Geschichte muss auch nicht mehr sein, vor allem nicht nach der Doku letztes Jahr, aber politische Aspekte sind noch interessant – gerade die Sache „queer oder nicht queer“ und Überlappungen.

    Grundsätzlich verliere ich je nach Thema mehr oder weniger schnell das Interesse, insofern kann ich deinen Frust nachvollziehen.

    Das mit dem Widerspruch in sich – „bitte schreib was“, und hinterher kommt von der Leser*innenschaft der Exhibitionismusvorwurf – ist mir auch schon aufgefallen, aber eine Erklärung hab ich nun auch nicht. Der Vorwurf käme aber wahrscheinlich auch, wenn im Text explizit stünde, dass um ein Statement gebeten wurde … passend zum „du willst damit doch bloß auffallen“/“special snowflake“-Bingofeld?

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 21. Februar 2015 um 20:00 Uhr

    Mir ist vorhin noch ein Vergleich eingefallen – gefragt zu werden „Wie hast du denn gemerkt, dass du asexuell bist und was hat das für dich bedeutet bla blubb?“ ist für mich ungefähr so wie wenn man mich fragte: „Was hat dich bewogen, deine Studienfächer zu wählen?“ (Mein Abschluss ist jetzt fast 5 Jahre her, Studienbeginn war 2004). Das sind Dinge, die für mich einst wichtig waren, aber inzwischen an Bedeutung verloren haben, weil sie lange her sind und inzwischen andere Sachen aktuell sind.
    Aber Aktivismus ist ja noch viel mehr als die eigene Lebensgeschichte erzählen (was mir eine Zeit lang durchaus Spaß gemacht hat) und auf die kommende CSD-Saison freue ich mich wirklich.

  3. 3 Carmilla DeWinter 22. Februar 2015 um 0:05 Uhr

    Ja … das passt ungefähr vom Vergleich her. Der einzige Grund, nochmal über meine Studienfachwahl nachzudenken und gegebenenfalls was Neues für den Brotjob zu lernen, wäre eine plötzliche Gehbehinderung (Stehberuf halt).

  4. 4 Elisa 19. März 2015 um 1:37 Uhr

    Auch ich habe den Artikel bei Brigitte gelesen und war entsetzt über die negative Atmosphäre in den Kommentaren. Es ging vielfach darum, dass niemand wissen muss, wie eine Person sexuell orientiert ist, dabei schienen mir diese Kommentare deplatziert, völlig unreflektiert. Die Aufklärung soll doch auch Personen dienen, die einen Begriff für ihr Empfinden suchen. Diese Arbeit ist meiner Meinung nach in dieser Hinsicht besonders wertvoll. Ob ein Outing notwendig ist oder nicht, entscheidet jeder selbst.

    Mittlerweile sind Homosexuelle, Bisexuelle und Andere überwiegend in der Gesellschaft akzeptiert, ein Mensch ohne Verlangen nach Sex aber ist „absurd, nicht normal, merkwürdig“. Ich selbst habe in meinem Freundeskreis mitbekommen, wie tolerante und weltoffene Menschen plötzlich eine Bekannte auf ihre „nicht vorhandene Sexualität“ reduzierten, als diese sich outete.

    An diesem Punkt ist mir klargeworden, wie besonders wichtig die Aufklärung ist, es geht in keinem Fall um Exhibitionismus sondern u.A. um Akzeptanz.

    Auch eine noch so kleine Minderheit ist nicht weniger wert als die Mehrheit. Denn Menschen sind so verschieden wie man es sich mit der blühensten Fantasie nicht vorstellen kann.

    Ich bewundere deine Aufklärungsarbeit und schreibe diesen Kommentar, um dich zu ermutigen, weiterzumachen. Denn jeder, der einen Begriff für sein Empfinden bekommt, ist der beste Grund dafür. Und jeder, der seinen Horizont erweitert und auch diese Orientierung verstehen lernt.

  5. 5 Fiammetta de Bornelh 19. März 2015 um 20:35 Uhr

    Vielen Dank für die freundlichen Worte!

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