Am Fenster

Gestern habe ich Nue von Jean-Philippe Toussaint zu Ende gelesen (hatte mir jemand empfohlen :) ). Es handelt sich dabei um den letzten von vier Bänden einer Reihe, mir fehlte Vorwissen über Personen und Ereignisse, dennoch hat mir das Buch gefallen. Am stärksten ist mir eine bestimmte Stelle aufgefallen…
Der Ich-Erzähler und seine Exfrau Marie haben einen gemeinsamen Urlaub verbracht und ihre alten Gefühle füreinander sind wieder aufgeflammt. Nun sind sie zurück in Paris, der Mann hat gerade seine Wohnung betreten und rechnet damit, dass Marie ihn ebenso im Sinn hat wie er sie und dass sie ihn jeden Moment anrufen wird. Jedoch:
„[…] cette interminable demi-heure que je passai là devant la fenêtre à attendre vainement le coup de téléphone de Marie fut comme un condensé des deux mois d‘attente que j‘allais vivre en attendant un signe de sa part. Dans les premiers instants, c‘était encore la fièvre et l‘impatience qui dominaient, le sentiment amoureux réactivé par les jours passés ensemble à l‘île d‘Elbe, le désir intact d‘entendre sa voix au téléphone […] puis, à mesure que les minutes passèrent, les heures, les jours et les semaines, et bientôt le mois de septembre en entier, sans que Marie se manifestât en aucune manière, mon impatience initiale fit place peu à peu au fatalisme et à la résignation.“
(„Diese endlose halbe Stunde, die ich dort im vergeblichen Warten auf den Anruf von Marie am Fenster verbrachte, war wie ein Konzentrat der zwei Monate, während derer ich auf ein Zeichen von ihr warten würde. Anfänglich dominierten noch Fieber und Ungeduld, die in den gemeinsam auf Elba verbrachten Tagen neu erwachte Verliebtheit, das intakte Verlangen, ihre Stimme am Telefon zu hören […]. Als dann die Minuten, die Stunden, die Tage und die Wochen und bald der gesamte Monat September verging, ohne dass Marie von sich hören ließ, wich meine anfängliche Ungeduld nach und nach dem Fatalismus und der Resignation“. Les Éditions de minuit 2013, S. 33 f., Übersetzung schnell von mir zusammengetippt.)

Dédié à tous ceux_celles qui ont déjà trop attendu dans leur vie …


3 Antworten auf „Am Fenster“


  1. 1 Trippmadam 15. Februar 2015 um 6:32 Uhr

    Das erinnert mich an Albertine Sarrazin, die irgendwo (ich glaube, in „La Cavale“) sagt, dass sie nie länger als 15 Minuten auf jemand gewartet hat. Ich habe versucht, das zu meinem Prinzip zu machen, aber ich halte es nicht durch.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 15. Februar 2015 um 9:40 Uhr

    15 Minuten sind doch nix, das reicht u.U. nicht einmal für die S-Bahn.

  3. 3 tschellufjek 15. Februar 2015 um 19:25 Uhr

    Anscheinend hat Jean-Philippe Toussaint in all seinen Romanen gute Gedankengänge und vermag diese literarisch elegant auszudrücken. Ich habe mir leider keine Textpassagen bei der Lektüre von „Faire l‘amour“ aufgeschrieben, aber es gab einige Stellen an denen ich innehalten musste, weil gewisse Momente meines Lebens (Gefühle, Erfahrungen etc.) wieder aufflammten.

    Muss mir unbedingt die Fortsetzungsromane holen :)

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