Übersetzungen sind keine Raupen

Heute habe ich den Film „Die Frau mit den 5 Elefanten“ gesehen, ein Porträt der 2010 verstorbenen Übersetzerin Swetlana Geier, die dem Werk Dostojewskijs viele Jahre ihres Lebens widmete (die „fünf Elefanten“ sind fünf dicke Bücher, die sie ins Deutsche übertrug). Man kann sagen, dass er auf drei Ebenen interessant für mich war und mich beeindruckt hat.
Erst einmal lernen wir eine alte Dame kennen, die man nicht anders denn als weise bezeichnen kann. Im Film wird erwähnt, dass sie lange an der Universität unterrichtet hat; ich bedauere, dass ich nie ihre Studentin war. Mitten ins Herz treffen aber nicht nur ihre klugen Aussprüche, sondern auch ihre schelmischen Blicke in die Kamera.
Zweitens wird eine außergewöhnliche Lebensgeschichte erzählt, wenn auch nicht vollständig, nicht alles hatte im Film Platz. Swetlana Geiers Familie lebte in Kiew, ihr Vater kam unter Stalin ins Gefängnis, wurde freigelassen (eine Ausnahme), starb aber an den Folgen der Folter. Als im Zweiten Weltkrieg die Deutschen die Stadt besetzten, trafen Mutter und Tochter auf Menschen, unter deren Nazi-Uniform ein gutes Herz schlug, folgten den Zurückgeschlagenen nach Deutschland und blieben für immer dort. Der Regisseur des Films, Vadim Jendreyko, begleitet die alte Dame auf eine Reise, die sie nach vielen Jahrzehnten erstmals wieder in die alte Heimat führt.
Und schließlich – und das war für mich, klar, besonders fesselnd – erleben wir eine Übersetzerin bei der Arbeit und dürfen uns einiges anhören, was sie über die deutsche und russische Sprache und Texte im Allgemeinen zu sagen hat. Wir sehen, dass sie ihre Übersetzungen einer Sekretärin diktiert und sie sich später von einer weiteren Person vorlesen lässt (mit der sie sich dann über Details streitet – an diesen Stellen wurde im Publikum gelacht). Swetlana Geiers Muttersprache war Russisch, ihr Deutsch aber vollkommen akzentfrei, sie muss es sehr früh gelernt haben (sie erzählt im Film, ihre Mutter habe beizeiten für eine entsprechende Ausbildung gesorgt). Beim Bügeln und beim Betrachten von handgestickten Tischdecken sinniert sie über Texte und Gewebe – die ursprüngliche Bedeutung von „Text“ ist „Gewebe“, das wusste ich – und erklärt bei einer anderen Gelegenheit, man müsse beim Übersetzen stets das Ganze im Blick haben, eine Übersetzung sei keine Raupe, die von links nach rechts kriecht.
Der Film zeigt uns mehrfach Bilder von Zügen, die über Brücken fahren – passend zu einer Frau, die sich mit dem Zug auf eine weite Reise begibt und in jungen Jahren für eine Brückenbaufirma arbeitete – außerdem den Abendhimmel und Nahaufnahmen von Gesicht und Händen der Protagonistin. Der Regisseur war selbst sehr beeindruckt von ihr und das merkt man. Den fertigen Film hat sie selbst noch sehen und sich über ihn freuen können.


2 Antworten auf „Übersetzungen sind keine Raupen“


  1. 1 Trippmadam 12. Januar 2015 um 21:59 Uhr

    Ich liebe diesen Film.

  2. 2 Carmilla DeWinter 12. Januar 2015 um 23:02 Uhr

    Hab mir gerade den Trailer angesehen – ja, da sagt sie einige wahre Dinge in dieser kurzen Zeit.

    Text-Textur-Gewebe. Ja. Kann ich als Autorin nachvollziehen. Manchmal fühlt es sich an, als sei jedes Wort ein Knoten, und am Ende kommt ein Teppich bei raus, der im Idealfall schön anzuschauen ist.

    Genauso wie das mit der Raupe: Ein guter Roman verweist immer vom Ende auf den Anfang und vom Anfang aufs Ende. Übersetzen, ohne den gesamten Text gelesen zu haben, ist daher sehr gefährlich.

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