Sichtbar werden

Im vergangenen Jahr erschien das Buch The invisible orientation – an introduction to asexuality von Julie Sondra Decker. Die Autorin ist vor allem YouTube-Gucker_innen besser unter dem Namen swankivy bekannt – sie dreht seit Jahren Informationsvideos zum Thema Asexualität. Außerdem hat sie zahlreiche Artikel geschrieben, Interviews gegeben, Vorträge gehalten… und nun also das Buch. Der Weihnachtsmann hat es mir gebracht, ich habe es mittlerweile durchgelesen und da es soweit ich weiß bisher noch keine Rezension in deutscher Sprache gibt, möchte ich ein paar Worte dazu verlieren.
Auf eine kurze Einführung (wer ist J.S.D. und zu welchem Zweck hat sie das Buch geschrieben?) folgen sechs Teile:
Asexuality 101: Die wichtigsten Fakten zum Thema Asexualität; Erklärung, dass es sich um eine sexuelle Orientierung handelt, dass Asexualität keine Entscheidung, sondern, wie die Autorin es nennt, eine description ist etc.
Asexual Experiences: Begriff der romantischen Orientierung, Erleben und Ausleben von sexueller Erregung, Asexualität als Spektrum, Leben in romantischen Beziehungen, die Position von Asexuellen in queeren Communitys, Erleben von (Mehrfach-)Diskriminierung aufgrund des Alters, der Hautfarbe, einer Behinderung etc.
The many myths of asexuality: Hier werden die Einwände aufgezählt, die asexuelle Menschen, die sich outen, immer wieder zu hören bekommen – Hormonprobleme, verdrängtes Trauma, heimliche Homosexualität und all diese Nettigkeiten – und einer nach dem anderen wird entkräftet.
If you‘re asexual (or think you might be): Woran merke ich, dass ich asexuell bin? Soll ich mich outen und wenn ja wie? Wie kann ich auf beleidigende Bemerkungen reagieren?
If someone you know is asexual (or might be): Der Abschnitt speziell für nicht asexuelle Menschen, die sich informieren möchten. Die wichtigsten Fakten werden noch einmal kurz zusammengefasst und es wird erklärt, wie Asexuelle nicht behandelt werden möchten. Speziell wird auf Eltern und Partner_innen von Asexuellen eingegangen.
Other resources: Noch mehr Material zum Thema – wissenschaftliche Arbeiten, Adressen von Online-Communitys, Blogs und YouTube-Kanäle…
Da die sechs Hauptteile jeweils in viele, meist kurze Abschnitte unterteilt sind, ist das Ganze sehr übersichtlich und man sieht schon im Inhaltsverzeichnis, welches Thema an welcher Stelle genauer behandelt wird. Am Ende gibt es ein ausführliches Stichwortverzeichnis, über das jede_r ganz leicht finden kann, wonach sier sucht. Der Schreibstil ist durchweg sachlich und freundlich; wenn gegensätzliche Erfahrungen / Empfindungen besprochen werden (z.B. im Falle von Beziehungen zwischen Asexuellen und nicht Asexuellen), erfolgt keine Wertung, stattdessen wird stets betont, dass alle den gleichen Respekt verdienen.
Ich persönlich fand es ein wenig merkwürdig, dass die Begriffe grayromantic und demiromantic vor graysexual und demisexual eingeführt werden – wenn ich selbst über das Thema schreibe oder spreche, gehe ich das immer umgekehrt an. Probleme mit Grauschattierungen gibt es auch in einigen Grafiken – wäre das Buch nicht rein schwarz-weiß, hätte sich einiges besser darstellen lassen, vor allem unsere Fahne. Der Abschnitt zum Thema Asexuelle und LGBT ist sehr ausführlich, was ich gut finde, da über die Frage „Sind Asexuelle queer?“ u.ä. ja öfter gestritten wird. Im Abschnitt zu Rassismus wird deutlich, dass das Buch von einer US-Amerikanerin geschrieben wurde, die eben die Welt beschreibt, die sie kennt. Wollte man es in eine europäische Sprache übersetzen, müsste dieser Teil komplett überarbeitet werden.
Die meisten anderen Dinge, die in The invisible orientation behandelt werden, sind aber allgemeingültig, egal wo auf der Welt dier Leser_in sich befindet. Ich habe beim Lesen mehrmals gedacht, dass ich dieses Buch gern ein paar Jahre früher in den Händen gehalten hätte… aber besser erst jetzt als niemals. Ich kann es jedem empfehlen, asexuell oder nicht und auf der Suche nach Rat in einer konkreten Situation oder einfach allgemein am Thema interessiert.


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