Eine Übersetzerin liest Bücher

Das Jahr geht zu Ende und dieser Blog ist vorgestern ein Jahr alt geworden – wie die Zeit vergeht.
Bevor ich mich nachher zum Feiern aufmache, noch zwei kleine Beobachtungen, die ich beim Lesen von aus meinen eigenen Arbeitssprachen ins Deutsche übersetzten Büchern gemacht habe.
In einem italienischen Roman kam ein Typ vor, der viele Frauengeschichten hatte. Seine Damenbekanntschaften wurden immer als „seine Verlobten“ bezeichnet. Ich nehme stark an, dass im italienischen Original von fidanzate die Rede war. Fidanzato_fidanzata bedeutet ursprünglich „Verlobte_r“, aber heute verwenden Leute in Italien das Wort, wenn sie eine_n feste_n Freund_in meinen. Meine Mitschülerinnen in Italien sprachen von ihren fidanzati, ohne dass von Verlobung und Hochzeit die Rede war. Jüngere Menschen sagen auch z.B. il ragazzo di Anna („Annas Junge“), unter Erwachsenen ist häufig von z.B. la compagna di Chiara („Chiaras Gefährtin“) die Rede. Partner (männlich und weiblich) kommt soweit ich weiß auch vor. Für „sich mit jemandem verloben“ kenne ich fidanzarsi in casa, da fidanzarsi eben nicht ausreicht und auch „mit jemandem zusammenkommen“ (oder wie sagt man das in gutem Deutsch?) bedeuten kann (wobei es da auch noch mettersi con qualcuno gibt, aber es wird langsam wirklich zu kompliziert…)
Ich war jedenfalls überrascht, dass in der deutschen Übersetzung immer von „Verlobten“ die Rede war, wobei ich die Möglichkeit nicht ausschließe, dass dier Übersetzer_in den Gebrauch des Wortes im Italienischen als ironisch empfand und das wiedergeben wollte (und vielleicht stand da ja auch nicht fidanzata, aber es scheint mir doch wahrscheinlich).
Ein anderes Buch, das ich las, war aus dem Französischen übersetzt und ich stutzte an der Stelle, an der von „muskulöse[n] Arme[n] wie dicke Kabel“ die Rede war. Ein Kabel hat für mich etwas mit Elektrizität zu tun. Ich nehme an, dass da im Französischen auch câbles stand. Für mein Empfinden hat das französische Wort eine größere Spannweite an Bedeutungen – u.a. eben auch „dickes Seil“ – als das deutsche, wobei das Duden-Stilwörterbuch auch das Kabel einer Seilbahn als Beispiel für die Verwendung nennt. – Was sagen meine Leser_innen?
Wie auch immer: Einen guten Rutsch euch allen!


3 Antworten auf „Eine Übersetzerin liest Bücher“


  1. 1 Trippmadam 01. Januar 2015 um 9:57 Uhr

    Gescheite Ideen, wie man die beiden Beispiele besser übersetzen könnte, habe ich heute Morgen noch nicht, aber ich habe einen neuen falschen Freund entdeckt. „Mettersi con qualcuno“ sieht dem spanischen „meterse con alguien“ sehr ähnlich. Aber die spanische Wendung hat eine ganz andere Bedeutung, nämlich „sich mit jmd. anlegen“. Ein Beispiel:

    No te metas con la Carmen
    La Carmen tiene un cuchillo
    pa‘ quien se meta con ella.

    sinngemäß

    Leg Dich nicht mit Carmen an
    denn Carmen hat ein Messer
    für die, die sich mit ihr anlegen

    (aus „Carmen“ von Carlos Saura, z.B. hier – ab 1:40: https://www.youtube.com/watch?v=pJqeD_Z2Gkw)

  2. 2 Gerd D. 01. Januar 2015 um 12:08 Uhr

    Obwohl ich immer ein wenig kritisch bin bei Eigeneinbringungen, wäre wohl eine (weniger wörtliche?) Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche mit „Stahlseil“ treffender gewesen um das gewünschte Bild in das Deutsche zu übertragen.

    (Außer es wäre ein Historischer Roman gewesen der Zeitlich noch vor der Entwicklung des Stahlseils handelt, denn dann wäre es natürlich ein unverzeihlicher Anachronismus.)

  3. 3 Fiammetta de Bornelh 01. Januar 2015 um 13:06 Uhr

    @ Madame: Oh ja, das ist sogar ein besonders gefährlicher falscher Freund…
    Sachen wie „Cristina si è messa con Federico“ sagten zu meiner Zeit in Italien eher jüngere Menschen, vielleicht ist das inzwischen anders.

    @ Gerd: Der Roman spielt im 20. Jahrhundert, es gibt also Stahlseile.
    Ich glaube, wenn ich die Stelle hätte übersetzen müssen (und im Frz. wirklich „câbles“ dagestanden hätte), hätte ich mich für „dicke Taue“ entschieden, wobei „Stahlseile“ mir insofern eine gute Lösung scheint als man ja auch sagen kann, jemand habe Muskeln so hart wie Stahl.

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