Ausgesperrte Augen

Letzte Woche habe ich mal wieder ein wenig in Lancelot ou le chevalier de la charrette von Chrétien de Troyes geblättert. Im studivz gab es doch diese Gruppe „Disney hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt“, irgendein Gräzistenwitzbold gründete daraufhin eine mit dem Titel „Homer hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt.“ Ich dachte schon damals als Studentin, dass ich eigentlich die Gruppe „Chrétien de Troyes hat mir etc. etc. ihr wisst schon“ aufmachen müsste, weil ich viele Szenen in seinen Romanen wunderbar romantisch finde. Ich habe es aber nicht gemacht, weil eine studivz-Gruppe ohne Mitglieder langweilig ist.
Beim letzten Durchblättern fiel mir jedenfalls vor allem die Vorstellung auf, dass sich das Herz vom Körper trennen und irgendwo sein kann, wo der Rest der Person nicht ist. Eine schöne Passage zitiere ich jetzt einfach mal… Ach nee, erst noch eine kurze Erklärung der Situation: Lancelot hat die von ihm angebetete Königin Guenièvre gerade nach längerer Zeit wiedergesehen, sie wäre ihm eigentlich zu Dank verpflichtet, da er sie und einen Haufen anderer Leute aus der Gefangenschaft gerettet hat, zeigt ihm aber die kalte Schulter, was er sich gar nicht erklären kann (klärt sich später alles auf). Sie verlässt das Zimmer…

Et Lanceloz jusqu‘à l‘antree
des ialz et del cuer la convoie ;
mes as ialz fu corte la voie,
que trop estoit la chanbre pres ;
et ils fussent antré aprés
molt volantiers, s‘il poïst estre.
Li cuers, qui plus est sire et mestre
et de plus grant pooir assez,
s‘an est oltre aprés li passez,
et li oil sont remés defors,
plain de lermes, avoec le cors.

Versuchen wir mal zu übersetzen:
Und Lancelot begleitet sie bis zum Eingang mit den Augen und dem Herzen, doch für die Augen war der Weg kurz, da das Zimmer zu nahe war. Sie wären gern mit (hinter) ihr hereingegangen, wenn dies möglich gewesen wäre. Das Herz, das ein größerer Herr und Meister ist und viel mehr Macht hat, ist mit (hinter) ihr weitergegangen und die Augen sind voller Tränen mit dem Körper draußen geblieben.


5 Antworten auf „Ausgesperrte Augen“


  1. 1 Trippmadam 27. November 2014 um 8:08 Uhr

    Schade, dass es diese Gruppe nicht gegeben hat. Mein Französisch reicht nicht aus, um Chretien de Troyes zu lesen, deshalb danke für die Übersetzung.

    Sind unsere Vorstellungen unrealistisch (wobei unrealistisch in meinen Ohren klingt wie „falsch“), oder sind das einfach Dinge, die im Leben passieren (müssen?) und an denen man wächst?

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 27. November 2014 um 9:23 Uhr

    Können Sie einfach wenig Französisch oder nur kein Altfranzösisch? Es gibt zweisprachige Ausgaben Altfrz.-Neufrz., für den „Lancelot“ habe ich GF-Flammarion von 1991.
    Deutsche Übersetzungen gibt es wohl auch, aber da kenne ich mich gar nicht aus.
    Insgesamt würde ich selbst nicht nach den Regeln der höfischen Liebe leben wollen, da sie (vom Mann) völlige Selbstaufgabe verlangt. Das wird gerade im „Lancelot“ sehr deutlich und ist mir dann doch zu krass. Das ändert aber nichts daran, dass ich die Schilderungen in den fiktiven Geschichten sehr schön finde.

  3. 3 tschellufjek 28. November 2014 um 11:03 Uhr

    Ich habe nur die Hälfte von dem verstanden, was in dieser Passage stand…

    Altfranzösisch, Okzitanisch – du scheinst mir ein wenig der neue Tolkien zu sein :) Der gehörte übrigens einer „Isländisch-Gruppe“ an, in der er mit Gleichgesinnten isländische Gedichte las. Wenn Tolkien fähig war, solche Leute zu finden, wirst du auch Chrétien-de-Troyes-Liebhaber_innen finden ;)
    Préviens-moi quand vous vous rassemblez pour la première fois!

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 28. November 2014 um 13:47 Uhr

    Nur die Hälfte? Ich hätte gedacht, mit guten Kenntnissen des Neufranzösischen sei etwas mehr vom Text verständlich.
    Für Verwirrung sorgt sicherlich das Zwei-Kasus-System – „li oil“ und „les ialz“ sind z.B. „die Augen“, einmal im Subjekts- und einmal im Objektskasus.

  5. 5 tschellufjek 29. November 2014 um 21:52 Uhr

    Mir fehlte die Geduld, um genauer hinzuschauen. Insbesondere das von dir angesprochene Zwei-Kasus-System verwirrte mich. Ich lese generell ältere Texte nicht gerne im Original. Insbesondere bei Shakespeare wird’s mir zu viel.. Je n‘accroche pas, wie Franzose_Französin so schön sagt :)

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