Fiammetta kommentiert Kommentare

… Ja ja, ihr seid schon noch bei Blogsport und nicht bei YouTube. :)
Vor vier Tagen wurde ja mein Artikel über Asexualität in der Reihe „Stimmen“ auf brigitte.de veröffentlicht (falls das irgendwem entgangen sein sollte: Link ist im vorigen Post versteckt) und die Leser_innen hatten dazu auch einiges zu sagen. Von Abgründen à la „Frag ein Klischee“ waren wir zum Glück weit entfernt, dennoch waren die meisten Kommentare eher negativ. Das hat mich gewundert bzw. die Richtung, in die es ging, hat mich gewundert, ich hätte nicht damit gerechnet.
Ich möchte zunächst auf das eingehen, was mir am zweitstärksten aufgefallen ist: die Ansicht nämlich, dass Asexuelle auf dem CSD nichts zu suchen haben bzw. das Erstaunen darüber, dass wir dort präsent sind. Das Thema (sollen wir dort teilnehmen oder nicht) ist nicht neu und es wird wahrscheinlich immer Menschen geben, die der Meinung sind, wir sollen und andere, die eben finden, wir sollen nicht. Auch in der asexuellen Community selbst sind nicht alle begeistert, wenn wir an solchen Veranstaltungen teilnehmen, und ich kann die Bedenken/Einwände zum Teil verstehen. Die Kommentierenden fanden die Vorstellung nun sowohl „irre“ als auch „bizarr“, allerdings hatten diejenigen, die dies schrieben, für mein Empfinden sowohl eine merkwürdige Vorstellung von CSDs („Demo, die mit der Manifestation der gelebten Sexualität spielt“) als auch von Asexualität („ist die Abwesenheit von Sexualität […]“), daher nehme ich das nicht allzu ernst.
Was erstaunlich oft kam, war der Einwand, über Asexualität müsse man doch nicht öffentlich sprechen oder schreiben, denn solche Dinge seien privat und interessieren niemanden. Die Rede war von „Neigungen […], die im Privaten stattfinden“ und es wurde nach der Ursache meines „Outing-Zwangs“ gefragt (wobei die Person, die dies schrieb, später auf meine näheren Erläuterungen im Kommentarbereich hin antwortete, sie verstehe die Sache jetzt besser). Weiterhin wurde ich gefragt, ob es nicht egal sei, mit wem ich keinen Sex habe. Wer über Asexualität aufklären möchte, ist offenbar „exhibitionistisch“ (dier Verfasser_in dieses Kommentars setzte noch nach: „Seht her, ich bin anders, nehmt mich wahr, ich bin besonders“) und Öffentlichkeitsarbeit ist „marktschreierisch“. „Wen interessiert das?“, fragte jemand, obwohl doch einen Kommentar früher schon die Antwort stand: „Es interessiert keinen“.
Zur Frage, wen das Thema interessiert, könnte ich die Gegenfrage stellen, warum man den Artikel liest. In der Stimmen-Reihe gibt es einige Texte, die mich nicht interessieren, z.B. die über Schule, weil ich selbst längst nicht mehr zur Schule gehe und keine Kinder habe, aber ich muss sie ja nicht anklicken und kann mir vorstellen, dass sie für andere Menschen durchaus interessant sind. Wer nicht wissen möchte, „was [Asexualität] wirklich bedeutet“, kann ja etwas anderes lesen…
Das mit dem Exhibitionismus fand ich insofern lustig als es ja eine Anfrage für einen Artikel über Asexualität gab und es nicht meine Idee war, ihn zu schreiben. Es gibt eine ganze Menge Anfragen von Journalist_innen, die eine asexuelle Person interviewen wollen, Vertreter_innen von LGBT-Organisationen, die sich gern zum Thema weiterbilden möchten etc. und auf manche Anfragen können wir gar nicht eingehen, weil am gewünschten Ort und/oder zur gewünschten Zeit niemand verfügbar ist.
Dass es nicht egal ist, mit wem ich keinen Sex habe, bzw. dass die Personen, mit denen ich keinen Sex habe, gleichzeitig die Personen sind, von denen ich mich nicht sexuell angezogen fühle und dass das anderen unangenehm auffallen und zu Problemen führen kann, habe ich im Kommentarbereich unter dem Artikel versucht zu erklären – wer weiß, wie viel es genutzt hat. Im Grunde hätte mich diese Art von Kommentaren aber gar nicht wundern müssen, weil der Betreiber des Asexuality Archive ihnen in seiner Reihe „The Comment Section: An Exploration of Negative Remarks on the Huffington Post Series About Asexuality“ einen eigenen Artikel widmete, in dem er sehr schön erklärt, warum solche Statements unangebracht sind und wie man am besten darauf antwortet. Was in diesem Text steht, ist in Bezug auf die Brigitte-Kommentare teilweise geradezu prophetisch, als habe der Verfasser sie damals schon lesen können (und dabei weiß ich nicht einmal, ob er Deutsch versteht ;) ). Heute stieß ich dann zufällig auch noch auf ein älteres Video von SwankIvy, „This isn‘t worth talking about. Sexuality is private!“, das in die gleiche Richtung geht.
Offenbar wiederholt sich alles immerzu. Ich halte mich sicherlich nicht für etwas Besonderes (um eine der Reaktionen noch einmal aufzugreifen) – aber Kommentare dieser Art sind es auch nicht. Lasst euch nächstes Mal etwas Neues einfallen!


6 Antworten auf „Fiammetta kommentiert Kommentare“


  1. 1 Carmilla DeWinter 16. November 2014 um 22:33 Uhr

    Nochmal nachträglich Glückwunsch zur Veröffentlichung und dem zugehörigen Foto. (Und mein Hütchen ist schon wieder im Internet. Heh.)

    Ich habe nur die obersten paar Kommentare gelesen, aber das hat schon gereicht, um das Stimmungsbild einzufangen. Wie immer blicke ich die Einwände nicht ganz … Nicht-Milchtrinker*innen haben zwar keine eigene Organisation, Veganer*innen aber durchaus.

    Dass Sexualität was Privates ist, das niemanden was angeht – das Argument habe ich ja derletzt an anderer Stelle wieder mal zerlegt. Solange ich mit anderer Leute Heterosexualität „belästigt“ werde, und bei Nichtaufmucken fälschlicherweise als Hete gelesen werden, nehme ich mir das Recht, meine Divergenz zu benamsen und darüber zu sprechen.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 17. November 2014 um 9:28 Uhr

    Yeah, dein Hütchen ist ein Star! :)

  3. 3 Trippmadam 18. November 2014 um 7:23 Uhr

    Oh je, die Kommentare sind ja teilweise wirklich nicht lustig. Ich stelle mir gerade eine Brigitte-Leserin vor, die plötzlich entdeckt, dass es ein Wort für sie gibt, das nicht bedeutet „die ist ein bisschen komisch, die findet keinen Mann“, und die dann in einem der unsäglichen Kommentare liest, dass es so etwas wie sie nicht gibt oder nicht geben sollte.

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 18. November 2014 um 8:34 Uhr

    Ja, für eine Person, die Asexualität gerade entdeckt hat, stelle ich mir das auch schwierig vor. Aber immerhin meldete sich, nachdem ich diesen Post verfasst hatte, noch eine freundliche, interessierte Lady zu Wort.

  5. 5 Elisabeth 20. November 2014 um 15:58 Uhr

    Mein Name ist Elisabeth und ich bin freie Autorin. Meine Kollege und ich produzieren Beiträge für das RTL Mittagsmagazin „Punkt 12″.

    Sehr gerne würden wir in einem TV-Portrait das Thema Asexualität behandeln, da es – so denke ich – sehr viele Menschen betrifft, die man so erreichen könnte.

    Die Frage ist, ob Sie eventuell den Kontakt zu einem Menschen herstellen könnten, der asexuell ist und bereit wäre darüber zu sprechen? Oder sind Sie villeicht sogar selbst bereit?

  6. 6 Fiammetta de Bornelh 20. November 2014 um 17:29 Uhr

    Guten Tag,
    Ich selbst möchte nicht ins Fernsehen, ist nicht mein Medium. Ich werde Ihre Anfrage aber in unserem Forum posten und vielleicht findet sich ja jemand. Ihre E-Mail-Adresse habe ich jetzt ja – sollen wir so verbleiben, dass ich sie, wenn sich eine interessierte Person meldet, an diese Person weitergebe, so dass sie mit Ihnen in Kontakt treten kann?

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