Aska, dich gibt es nicht.

Bis morgen läuft sie noch – die Asexual Awareness Week. In Europa hat die Sache bisher nicht recht Fuß fassen können, dennoch möchte auch ich einen kleinen Beitrag leisten.
Die Frage, wozu Öffentlichkeitsarbeit und somit auch Aktionen wie diese Woche gut seien, kommt immer wieder auf, auch in der asexuellen Community selbst. Einen sehr schönen Text über den Sinn von Aktivismus hat Mandelbrötchen vor zwei Monaten veröffentlicht – über den Baumstammvergleich könnte ich mich nach wie vor totlachen. ;) Und wer einen Beweis dafür braucht, wie viel geballte Dummheit und man möchte fast schon sagen Hass Asexuellen teilweise entgegenschlägt, kann sich ja Handyfeuerzeugs kommentierte Sammlung von YouTube-Kommentaren durchlesen.
Und ich habe auch noch eine Geschichte beizusteuern. In der letzten Woche war ich ja in Polen und den einen Tag, als ich mit ein paar anderen zwecks Mittagsmampf im Lokal saß, fiel mein Blick auf eine Frauenzeitschrift, die den Blättchen, die in Deutschland so kursieren, von der Gesamtaufmachung recht ähnlich sah. Ihren Namen habe ich vergessen, aber eins der Titelthemen zog meinen Blick auf sich, nämlich „Keine Lust auf Sex? Finde die Gründe heraus!“ (Oder so ähnlich – ich hatte nicht ausreichend Zeit, um jedes Wort im Artikel zu lesen und lese Polnisch auch nur langsam mithilfe des Wörterbuchs, daher ist die folgende Wiedergabe ungenau und möglicherweise unvollständig). Nun enthalten Frauenzeitschriften ja ständig Artikel darüber, wie toll Sex ist, wie frau ihr Sexleben aufpeppen kann etc. und in der Regel nehme ich solche Texte ganz einfach nicht ernst und rege mich nicht über sie auf. Ich sage mir immer, dass sie an Menschen wie mich eben nicht gerichtet sind (so wie Artikel darüber, wie man besser mit Bürokolleg_innen auskommt, mir, die ich zuhause arbeite, halt nicht helfen können, aber anderen Menschen ja vielleicht doch). Dieser Text hätte nun aber u.a. an asexuelle Frauen gerichtet sein können oder sogar müssen. Ich schlug die entsprechende Doppelseite auf und mir wurden, soweit ich mich erinnere, drei mögliche Erklärungen für ein Desinteresse an Sex präsentiert: Stress im Beruf oder sonstwo, hormonelle Umstellungen z.B. nach der Geburt eines Kindes (wobei ein neugeborenes Familienmitglied ja sicher auch Stress bedeutet) oder Probleme in der Beziehung. Leute, wo bleibt die vierte Möglichkeit? „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind eine Aska*. Lesen Sie auf der folgenden Seite: Hämatit geht immer kaputt – wie kann ich einen stabilen schwarzen Ring finden?“ Wenigstens eine kleine Erwähnung à la „auf manche Menschen trifft auch keine dieser drei Möglichkeiten zu, weil sie sich von anderen ganz einfach nicht sexuell angezogen fühlen“ hätte doch drin sein können…
Auf der zweiten Seite in einem kleinen Kasten war ein Leserbrief von einer Frau, die schrieb, an der Arbeit etc. laufe alles gut, sie lebe in einer liebevollen Beziehung, habe aber keine Lust auf Sex mit ihrem Partner, und frage sich, warum das so sei. Nachfolgend war die Antwort eines „Experten“ abgedruckt, der so ungefähr schrieb, irgendetwas Ungutes müsse bei ihr vorliegen und wenn sie das Problem noch nicht gefunden habe, müsse sie eben noch weitersuchen. Wir können nicht wissen, ob die Leserbriefschreiberin asexuell ist, aber die Möglichkeit besteht durchaus. Eine asexuelle Person hat kompetentere Beratung verdient. Ich hoffe, dass die Dame auf die Idee kommt, das Internet ein wenig zu durchforsten, denn dann wird sie auf AVEN stoßen.
In dem Artikel war auch wiederholt davon die Rede, dass man die sexuelle Lust verliert. Die Möglichkeit, dass man schlicht nie welche hatte, kam gar nicht vor. So etwas gibt es nicht.
Auf diesen zwei Seiten existierte ich nicht. Mein Glück, dass ich schon vorher wusste, dass der unsichtbare vierte Grund auf mich zutrifft.
Solange solche Texte publiziert werden, brauchen wir Öffentlichkeitsarbeit. Ganz dringend.

* Slangausdruck für „asexuelle Frau“, der in der polnischen Community verwendet wird. Ich liebe ihn und verwende ihn gern für mich, obwohl ich im deutschsprachigen Raum lebe.


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