Verliebte Mädchen aus Druckerschwärze

Was lange währt, wird endlich gut… Ich wollte doch schon seit Längerem inspiriert durch einen Text auf einem anderen Blog über die Bedeutung schreiben, die queere Literatur für mein Leben hat und hatte und heute soll es so weit sein.
Gelesen habe ich vor allem Bücher mit lesbischen Protagonistinnen, in denen lesbische Beziehungen, das lesbische Coming Out etc. im Mittelpunkt standen. Aus meiner Teeniezeit kann ich mich vage an Einfach nur Liebe – Sandra liebt Meike von Marliese Arold und Total verknallt in Anne von Catherine Brett erinnern (wobei mir bei dem zweiten Buch der Name der Autorin von allein nicht mehr eingefallen wäre). Da bin ich damals ziemlich mitgegangen und habe mitgeschwärmt. Im ersten Buch werden die beiden Mädchen ein Paar, im zweiten wird hauptsächlich geträumt und die Angebetete stellt sich am Ende als homophobe Trulla heraus.
Noch heute steht Für Isabel war es Liebe von Mirjam Pressler in meinem Regal, das ich zu meinem 19. Geburtstag von einer älteren Freundin bekam (das Buch, nicht das Regal). Vorn steht eine Widmung, in der diese Freundin ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, das Buch möge mir gefallen und mich ansprechen. Tatsächlich aber fand ich es etwas befremdlich, vor allem das ganze sexuelle Verlangen zwischen Isabel und ihrer ersten großen Liebe Daniela. Ja, vielleicht hätte ich eher ahnen können, dass ich asexuell bin. Bei der Lektüre dieses Buchs zum Beispiel.
Ich hielt mich noch für lesbisch (und ging noch zur Schule), als ich zufällig auf den ersten Band der von Delia Vaccarello herausgegebenen Reihe Principesse Azzurre stieß. Diese Anthologie lesbischer Erzählungen habe ich bis zum fünften Band gesammelt, erschienen sind soweit ich weiß sechs. Einige der Geschichten lese ich bis heute gern, z.B. die von Sara Zanghì, die in jedem Band vertreten ist. Eine Zeit lang hat mir die Reihe ziemlich viel bedeutet (ich kaufte mir bei jedem Aufenthalt in Italien die neueste Ausgabe) und das Projekt an sich finde ich noch heute bedeutend.
Die Bücher von Miriam Müntefering (Flug ins Apricot und die Fortsetzung) habe ich gelesen, als ich bereits studierte und hatte damals das Gefühl, dass sie für mich zu spät kamen. Für Junglesben waren sie damals Klassiker, aber ganz so jung war ich eben nicht mehr und lesbisch… nun ja.
Erst vor Kurzem entdeckt habe ich die Bücher von Tania Witte (bzw. so lange gibt es die auch noch gar nicht). Beziehungsweise Liebe und Leben nebenbei (gerade sah ich im Internet, dass es inzwischen einen dritten Teil gibt, mal sehen, ob ich ihn irgendwann in die Finger bekomme) habe ich also bequem in meine asexuelle und biromantische Identität eingehüllt gelesen, ohne zu verlangen, dass die lesbischen Figuren mir ähnlich sein müssten. Ich finde die Bücher einerseits klasse, weil in ihnen wirklich alle möglichen Identitäten und Lebensentwürfe vorkommen, andererseits kamen sie mir aber auch etwas verkrampft und angestrengt vor, als habe sich die Autorin bemüht, nun wirklich alles darin unterzubringen, was von der Norm abweicht, von der sie sich distanzieren möchte. Wenigstens ein heterosexuell empfindender Mann darf vorkommen (der sich allerdings in eine Transfrau verliebt).
Schwule Geschichten kenne ich im Grunde nur wenige. Kürzlich habe ich ja zu Weiterbildungszwecken Der fromme Tanz gelesen, mich ausführlich darüber ausgelassen und in diesem Zusammenhang auch die Verwirrung der Gefühle erwähnt. Stefan Zweigs Geschichte kenne ich schon sehr lange und finde sie bei jedem Lesen von Neuem ergreifend, allerdings geht mir das bei vielen seiner Texte so, egal welches Geschlecht und welche sexuelle Orientierung die Figuren haben. Der alte Wiener hatte es einfach drauf. :)
Kenne ich irgendwelche Geschichten mit Trans*-Protagonist_innen? Ja, irgendwann in jungen Jahren habe ich mal die Autobiographie einer Transfrau namens Alexandra gelesen, meine Erinnerungen daran sind aber sehr schwach. Bisexuelle Menschen? Die tauchten in den Homo-Geschichten, die ich so kenne, immer mal auf, aber so richtig im Mittelpunkt standen sie nie. Die übliche Bi-Unsichtbarkeit eben bzw. das Problem der Unterscheidung zwischen Orientierung und Verhalten.
Und was ist mit asexuellen Figuren? Irgendwann gab es da ja mal den Köder, der mich allerdings nicht vom Hocker riss. Aber dann gibt es natürlich auch noch Heilika. ;) Generell fände ich es nicht schlecht, wenn mehr asexuelle Personen in fiktiven Geschichten auftauchen würden, aber ich lechze auch nicht danach. Fiktive Geschichten sind eben fiktiv, die müssen nichts mit mir zu tun haben. Und die Antworten/Hinweise, die mir Literatur als junges Mädchen nicht gab, fand ich glücklicherweise anderswo.


5 Antworten auf „Verliebte Mädchen aus Druckerschwärze“


  1. 1 Carmilla DeWinter 16. Oktober 2014 um 20:52 Uhr

    Da ich mich lange für eine Hete gehalten habe, liest sich meine Sozialisation anders. Grundsätzlich habe ich wenig Teenie-Bücher im Repertoire, und bin quasi von präbubertären, so gut wie romanzenfreien Jugendbüchern gleich auf Krimis, Thriller und Fantasy umgestiegen. (Ich lese aber auch manchmal Sachen, die nicht Genre-Literatur sind, ehrlich.)
    Auf den Geschmack von „richtigen“ Liebesgeschichten jedweder Art bin ich erst per Fanfiction gekommen. Irgendwann stolperte ich über die erste Slash-Geschichte meines Lebens – frag mich nicht, welche, irgendwas im StarWars-Fandom – und der Rest ist sozusagen Geschichte.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 17. Oktober 2014 um 8:57 Uhr

    Ich wiederum bin in meinem Leben so gut wie überhaupt nicht mit Fanfiction in Kontakt gekommen, weil ich einfach nie stark genug Fan von irgendetwas war. Da ich mich schon relativ früh im Leben verliebt habe, wollte ich gern Liebesgeschichten lesen und habe das auch getan. Wobei es in Jugendbüchern, in denen gleichgeschlechtliche Liebe im Vordergrund steht, halt auch immer um Coming Out und andere Dinge geht, mit denen sich heterosexuelle Jugendliche nicht rumschlagen müssen.

  3. 3 Carmen Keßler 01. März 2017 um 12:16 Uhr

    Hallo, werte AVEN-Kollegin,

    Interessant, wie das gezielte Suchen oder Vermeiden bestimmter Literatur oder Themen die Selbstfindung beeinflussen kann. In meinem Fall war es die Vermeidung von Geschichten, die „Romantikkitsch“ und Sex beinhalteten; es interessierte mich nicht, ich fühlte mich unwohl beim Lesen, hatte keinerlei Verständnis dafür, warum die Protagonisten sich so „unlogisch“ verhielten. Außerdem erntete ich mit meinem Unverständnis und manch bissigen Kommentaren skeptische Blicke und teils Empörung. Mein Urteil über Leo DiCaprios Ende im Eismeer (Titanic) war denn auch folgendes: „Oh, dann ist er jetzt wohl Eis am Stiel.“ Nein, ich habe kein Verständnis für diese sinnlose Art von „Romantik“. Hätte ich diese Literatur nicht weitgehend umgangen, wäre dann vielleicht eher der Groschen gefallen, dass ich nicht Heterosexuell sein kann? Das ist, wie es so schön heißt, Geschichte.
    Aber ich kann, wie Carmilla DeWinter (u.a.) zur Sichtbarkeit beitragen. In meiner Fantasywelt tummelte sich erst einer, jetzt sechs Aces. Auch gibt es in meiner Welt eine Rasse, für die Aromantik „Normalität“ ist, wenngleich es sich mehrheitlich um aromantische Sexuelle handelt. Stoff für viele Geschichten ist vorhanden.

    Ich sollte mir das eine oder andere von dir oben erwähnte Werk zu Gemüte führen. Danke für den Beitrag.

    Viele Grüße,
    Carmen / Das Tenna

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 01. März 2017 um 12:50 Uhr

    Hallo zurück,
    Ich denke, ich weiß, wer du bist. ;)
    „Titanic“ war damals bei meinen Klassenkameradinnen sehr beliebt, ich habe den Film nicht im Kino gesehen, sondern ein paar Jahre später im Fernsehen. Die Liebesgeschichte hat mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Effekte waren nicht schlecht.
    Die Liebesgeschichte, die mich als Jugendliche am meisten berührt hat, dürfte der „Brief einer Unbekannten“ von Stefan Zweig sein. Die im Post erwähnte „Verwirrung der Gefühle“ vom gleichen Autor ist aber auch sehr mitreißend.

  5. 5 Carmen Keßler 01. März 2017 um 13:47 Uhr

    Danke dir :)

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