Deutsch schwer, Italienisch noch schwerer

Wie bekannt bin ich Übersetzerin. Wie die meisten Übersetzer_innen in Deutschland arbeite ich freiberuflich. Ab und zu lese ich mir auf Stellenbörsen im Internet Anzeigen durch, in denen Leute für eine Festanstellung gesucht werden (man kann ja mal gucken), noch öfter checke ich den Internetauftritt von irgendwelchen Agenturen, um vielleicht eine Initiativbewerbung abzusetzen oder treibe ich mich in einschlägigen Foren/Netzwerken herum (man muss ja am Ball bleiben). Und manchmal lese ich hier oder dort etwas, das mich ärgert oder unfreiwillig amüsiert. Heute mal eine kleine Sammlung von solchen Blüten…
Was mich in Stellenanzeigen oft aufregt, ist die Tatsache, dass die gesuchte Sprachkombination erst ganz weit unten steht. Der Titel von solchen Anzeigen lautet oft einfach „Übersetzer m/w“ oder „Fachübersetzer gesucht“ – nicht sonderlich aussagekräftig. Nun gut, im Titel ist auch nicht unendlich viel Platz, man kann ja dann im Text konkreter werden. Wird man aber beileibe nicht sofort. Als erstes steht in Stellenanzeigen meistens eine schwammige Selbstbeschreibung der jeweiligen Firma, die mich in diesem Moment überhaupt nicht interessiert – dann kommt der Absatz „Aufgaben“. Nun aber mal her mit der Sprachkombi! Sie wird einem jedoch teilweise auch hier noch vorenthalten. Ich hatte neulich eine Anzeige, in der als „Aufgabe“ u.a. „Formulieren, Strukturieren und übersetzen von technischen Texten“ genannt wurde – übersetzen aus welcher Sprache in welche? Aus dem Finnischen ins Amharische? Aus dem Koreanischen ins Aymara? – Irgendwann kam dann „Ihr Profil“, dort stand geschrieben, was für Sprachkenntnisse die gesuchte Person mitbringen sollte und dann war ich schlauer. Aber warum so spät? Die Sprachkombination ist es doch, die darüber entscheidet, ob die Anzeige für einen interessant ist…
Schön fand ich auch einen Satz, den ich in einer anderen Anzeige las: „In der Abteilung xyz sind Sie verantwortlich für die inhaltlich und grammatikalisch korrekte Übersetzung von […] Texten.“ Gut dass Sie es erwähnen! Ich hätte gedacht, eine ungefähre Wiedergabe des Originals, nachdem ich zwei Gläser Wein getrunken habe, reiche vollkommen aus. Ach, Leute, die keine Ahnung vom Übersetzen haben, sollten besser nicht darüber schreiben.
Die Agenturen, die ja besser wissen sollten, worum es geht, sind aber manchmal auch nicht besser. Irgendwann trieb ich mich mal auf der Website einer solchen (in Frankreich) herum, bei der ich mich schon einmal beworben hatte und überlegte, ob ich ihnen eine aktuelle Version meines Lebenslaufs schicken und an mich erinnern sollte (kann was nutzen!). Was ich las, nahm mir aber die Lust dazu. Die lieben Leutchen boten nämlich u.a. eine Übersicht über die Sprachen, die sie abdeckten und ich dachte, ich kann mich ja mal durchklicken. Schauen wir doch erst einmal, was sie zu meiner Mutter- und Zielsprache Deutsch zu sagen haben… „Les différences fondamentales entre le français et l‘allemand font que nos traducteurs sont formés pour retranscrire fidèlement des textes sans pour autant faire du mot à mot. Ce travail de réécriture nécessite beaucoup d‘expérience, de professionnalisme et de rigueur, et ce sont les qualités que notre agence recherche et cultive le plus au sein de notre équipe de traducteurs allemand/français.“ („Aufgrund der grundlegenden Unterschiede zwischen dem Französischen und dem Deutschen werden unsere Übersetzer so ausgebildet, dass sie Texte genau wiedergeben können, ohne dabei schlicht Wort für Wort zu übersetzen. Diese Aufgabe, einen Text neu zu verfassen, erfordert viel Erfahrung, Professionalität und Genauigkeit und auf genau diese Stärken legt unsere Agentur den größten Wert und pflegt sie bei unserem Team an deutsch-französischen Übersetzern am meisten.“) Ein bisschen sehr banal das Ganze, aber nun gut. Schauen wir doch als nächstes, was auf dieser Seite über meine zweite Ausgangssprache Italienisch geschrieben steht… „Si les différences grammaticales entre le français et l‘italien peuvent sembler subtiles, il existe cependant quelques points particuliers qui font que nos traducteurs sont formés pour retranscrire fidèlement des textes sans pour autant faire du mot à mot. Ce travail de réécriture nécessite beaucoup d‘expérience et de rigueur, et ce sont les qualités que nous recherchons et cultivons le plus parmi notre équipe de traducteurs italien/français.“ („Wenngleich die grammatikalischen Unterschiede zwischen dem Französischen und dem Italienischen winzig scheinen, gibt es doch einige Besonderheiten und genau deswegen werden unsere Übersetzer so ausgebildet, dass sie Texte genau wiedergeben können, ohne dabei schlicht Wort für Wort zu übersetzen. Diese Aufgabe, einen Text neu zu verfassen, erfordert viel Erfahrung, Professionalität und Genauigkeit und auf genau diese Stärken legen wir den größten Wert und pflegen sie bei unserem Team an italienisch-französischen Übersetzern am meisten.“) Ja, was denn nun? Vom Deutschen ins Französische zu übersetzen ist besonders schwierig, weil die beiden Sprachen sich so stark voneinander unterscheiden und vom Italienischen ins Französische zu übersetzen ist auch wieder schwierig, weil sich die Sprachen so ähnlich sind?
Doch auch Einzelübersetzer_innen können manchmal ziemlichen Quark zusammenschreiben. Neulich landete ich über LinkedIn zufällig auf einem Artikel eines spanischen Kollegen mit dem fachlichen Schwerpunkt Finanzen. Darin stand Folgendes: „Para dedicarse a la traducción financiera es imprescindible comprender el documento que tenemos enfrente.“ („Um sich der Übersetzung von Finanztexten zu widmen, ist es unbedingt nötig, das Dokument zu verstehen, das man vor sich hat.“) Ach was, das ist nur bei Finanztexten so? Bei technischen Texten kann man dagegen einfach raten, um was für ein Gerät es sich handelt? Schön wär’s… Der Herr wollte Werbung für ein Webinar machen, solche virtuellen Weiterbildungsveranstaltungen können sehr nützlich sein, aber er hätte das Ganze doch ein bisschen weniger plump aufziehen können.
Ein wunderschönes Wochenende wünscht eine diese Woche inkl. heute recht fleißig gewesene Übersetzerin. :)


4 Antworten auf „Deutsch schwer, Italienisch noch schwerer“


  1. 1 tschellufjek 04. Oktober 2014 um 13:52 Uhr

    „Les différences fondamentales entre le français et l‘allemand font que nos traducteurs sont formés pour retranscrire fidèlement des textes sans pour autant faire du mot à mot. “

    Herrlich! Gut zu wissen, dass mensch nicht Wort für Wort übersetzen kann. Ist vor allem gut für dich und deine Berufsgenossen_innen, da Google Translator, leo.org etc. sonst völlig ausreichen würden. Ich sehe bei diesem Satz auch nicht den Kausalzusammenhang zwischen der fundamentalen Unterschiede in beiden Sprachen und der Tatsache, dass deren Übersetzer_innen für eine inhaltstreue und korrekte Übersetzung ausgebildet werden.

    Naja, scheint so ein Phänomen unserer Zeit zu sein, dass immer mehr Leute immer sinnlosere Phrasen von sich geben. Die Politik macht es ja schon lange vor.

    Ich müsste übrigens mal die herrlichsten Praktikumsbeschreibungen (unentgeldlich), die mir in der letzten Zeit unter die Augen gekommen sind, veröffentlicen. Da sind auch viele Schmankerl dabei. Du merkst förmlich wie die Texter_innen über die Frage, wie man einen unbezahlten Sklavenjob am schönsten beschreibt, gebrütet haben müssen.

  2. 2 Trippmadam 04. Oktober 2014 um 19:39 Uhr

    Auch schön: Fachübersetzer/in gesucht, aber ohne Angabe des Fachs. Da kann man erst einmal recherchieren, ob die Firma Schrauben, Lidschatten oder Flugzeugträger produziert.

  3. 3 Carmilla DeWinter 04. Oktober 2014 um 21:30 Uhr

    Yay Stilblüten. Wobei ähnliches vom Englischen zu sagen wäre – das tut auch nur so, als wäre es einfach zu übersetzen. Nachteilig an der deutschen Sprache ist hierbei, dass sie weitaus weniger Wörter zur Verfügung hat als die Englische. Peinlich wird’s, wenn Literaturübersetzer*innen nicht blicken, dass sie es mit einem Colloquial, also einem Sprachbild, zu tun haben. Somit gehe ich dir jetzt aus den Haaren … (= höre auf, dich zu nerven).

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 04. Oktober 2014 um 23:11 Uhr

    Ach ja, Praktikumsbeschreibungen sind ein Kapitel für sich, ein Post dazu würde sich sicher lohnen. Und dass z.B. nach Übersetzis fr>de gesucht wird, ohne dass das Fachgebiet angegeben wird, kommt auf translatorscafe ab und an vor.
    Grundsätzlich glaube ich nicht, dass der Abstand zwischen zwei Sprachen sich darauf auswirkt, wie schwer das Übersetzen ist.

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