Grüngemüse in den goldenen Zwanzigern

Vor einiger Zeit stieß ich auf einen Artikel auf einem anderen Blog, dessen Autor über die Bedeutung von queerer Literatur für sein Leben spricht. Ein ähnlicher Artikel von mir wird irgendwann noch kommen, aber ein anderes Thema hat sich vorgedrängelt – neugierig auf ein frühes Werk mit schwulem Inhalt habe ich nun auch Der fromme Tanz von Klaus Mann gelesen und wollte meine Eindrücke kundtun.
Der Roman ist 1926 erschienen und spielt teilweise in Berlin. Das ist insofern ein schöner Zufall, als ich neulich den berühmten Stummfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt sehen konnte, der seinerseits aus dem Jahr 1927 stammt. Die Hauptstadt erscheint in diesem Streifen sehr lebhaft, voller Menschen, die unterschiedlichen Beschäftigungen und Vergnügungen nachgehen und auch die Welt des Kabaretts, in der die Hauptpersonen aus Klaus Manns Roman sich bewegen, wird gezeigt.
Die Hauptperson an sich, Andreas Magnus, war mir vor allem zu Beginn des Romans eher unsympathisch. Er suhlt sich in seinen Befindlichkeiten und kümmert sich nur um sich selbst; seine Vorliebe dafür, sich ausgedehnt im Spiegel zu betrachten, sagt viel über ihn aus. Die erste Spiegelszene findet sich auf S. 26 f.:* „Er hatte den Spiegel als Ziel ins Auge gefasst. […] Barfuß stand er vor dem Glas. Lange sah er sich an – todernst am Anfang. […] Aber plötzlich stieg ein Lächeln in ihm auf – und er wusste nicht, woher. […] Und, plötzlich lachend im Übermut, streifte er sich das Hemd ab und reckte sich nackt. Er schlang sich das Badetuch um, lachend in Eitelkeit, dekorativ als sei es ein seiden Gewand. […]“ Und das ist wie gesagt nur die erste Szene dieser Art, es folgen noch einige weitere. Für das, was in anderen vorgeht, ist Andreas blind – auf S. 32 heißt es (bezogen auf den älteren Maler Frank Bischof): „[…] Und er übersah die stillen, tief eingegrabenen Leidenszüge, die in diesem Gesicht um die Augen lagen und um den schmalen, geschlossenen Mund. Er konnte sie gar nicht sehen.“
Nachdem der junge Mann fast der Versuchung erlegen wäre, Selbstmord zu begehen, rafft er sich auf und stiehlt sich mit dem Ziel Berlin aus dem väterlichen Hause davon. Dort ist er gezwungen, sich ein Obdach zu suchen, Geld zu verdienen etc., lernt neue Menschen kennen und hat daher weniger Zeit für Introspektion. Auf einmal sind auch die anderen interessant. Auf S. 93 lesen wir: „Das Gesicht eines jeden Vorübergehenden sah er sich an, und in jedem las er ein neues Abenteuer.“ und auf S. 95 (wir befinden uns in einem vorwiegend von Strichjungen frequentierten Lokal): „Sie hatten so sanfte Gesichter, wenn man sie nur genauer ansah, sanfte Gesichter mit glanzlosen Augen darin. Andreas sah sie genauer an. […] Es ging ihnen allen nicht gar zu gut.“
Nach einiger Zeit in Berlin fährt Andreas mit seiner Freundin Franziska (aus der ich nicht ganz schlau geworden bin – offenbar liebt sie die Gesellschaft schwuler Männer und ist in Andreas verliebt) in eine anonym bleibende Universitätsstadt in Mitteldeutschland (wo sie meinetwegen ruhig ein wenig länger hätten bleiben können, die Beschreibungen von Landschaft und Räumen lesen sich sehr schön). Dort besuchen sie eine alte Freundin von Franziska und dort sieht Andreas Niels zum ersten Mal. Dieser scheint ein hübscher Bursche zu sein, ist aber noch unreifer als Andreas selbst und nutzt andere Menschen gern aus. Franziskas Freundin, die verwitwete Hofrätin mit der schillernden Vergangenheit, würde ihm gern eine Mutter sein, Niels werden die Beweise ihrer Zuneigung und ihre Erziehungsversuche aber bald lästig und er sucht das Weite. Seine Beziehung zu der skandinavischen Bildhauerin Gert Hollström in Paris wird recht ähnlich verlaufen – aber zunächst kehren Andreas, Franziska und Niels allesamt nach Berlin zurück, wo Andreas seinem reichen Gönner Doktor Dorfbaum (der ihn ebenso retten will, wie die Hofrätin Niels retten wollte) möglichst viel Geld abknöpft und seinerseits von Niels ausgenommen wird. Da Franziska bei Andreas keine Chancen hat, schläft sie vor seinen Augen mit Niels. Auch der Tänzer Paulchen ist in Andreas verliebt und wird sich später aus Verzweiflung erschießen. Wenn man seine Jugendfreundin Ursula Bischof mitzählt, hat Andreas recht viele Verehrer_innen, aber er liebt nun einmal außer sich selbst nur Niels.
Der macht sich eines Tages davon, ohne sich zu verabschieden oder eine Adresse zu hinterlassen. Andreas bemüht sich, seine Spur wiederzufinden, reist ihm in Begleitung seiner wandelnden Geldbörse Dorfbaum durch mehrere Städte hinterher und fliegt sofort nach Paris, als Niels sich herablässt, ihm in einem kurzen Brief mitzuteilen, er habe sich nun dort niedergelassen. Zum Flugplatz begleitet ihn Franziska, die von Niels schwanger ist. Sie sieht das ungeborene Kind als Bindeglied zwischen sich und Andreas, der wiederum empfindet es als seinen und Niels‘ Nachwuchs. Er sieht den Angebeteten endlich wieder, der sich allerdings rücksichtlos wie eh und je verhält und Andreas kommt schnell zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnt, ihm noch länger nachzulaufen. Am Ende macht er sich zu einer Weltreise auf, von der unklar ist, wie sie verlaufen wird. Wird sie ihn reifer werden lassen? Und inwieweit ist er seit seiner Flucht aus dem Vaterhaus bereits reifer geworden?
Wir befinden uns wie erwähnt in den 20er Jahren, es gibt Flugzeuge und Züge sowieso, aber ich fühlte mich beim Lesen dennoch an die Epoche der Romantik erinnert. Diese Innerlichkeit und Gefühlsbetontheit, all das Religiöse und Mystische… gewisse Parallelen sind durchaus erkennbar. Der ausführlich beschriebene prophetische Traum am Anfang erinnert mich irgendwie an Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen und die ausführliche Selbstbejammerung an Chateaubriands René. Aus diesem Werk nur ein ganz kurzes Zitat: „[…] que penserez-vous d‘un jeune homme sans force et sans vertu, qui trouve en lui-même son tourment, et ne peut guère se plaindre que des maux qu‘il se fait à lui-même ?“ (S.30 – was werdet ihr von einem jungen Mann ohne Kraft und Tugend halten, der seine Qual in sich selbst findet und über nichts klagen kann als über die Schmerzen, die er sich selbst zufügt?)** Mir persönlich sind all diese Dinge recht fremd, weswegen die Romantik auch nie meine Lieblingsepoche war.
Denken musste ich irgendwie auch an die Romane von Françoise Sagan (die wiederum später als der Tanz entstanden), wobei es lange her ist, dass ich zuletzt einen gelesen habe, vielleicht sind meine Assoziationen falsch. Ich meine mich zu erinnern, dass es in ihren Werken z.T. ähnliche Verstrickungen gibt und die Leute praktisch nichts Besseres zu tun haben als mit den Gefühlen der anderen zu spielen.
Und was ist nun mit dem, weswegen ich den Roman ursprünglich lesen wollte, mit der Beschreibung homosexuellen Lebens? – Meine Güte, wir können so froh und dankbar sein, dass wir heute in Mitteleuropa leben. Der Paragraph 175 wird zwar nie explizit erwähnt, aber sein Schatten hängt doch über allem, was passiert. Schwules Leben ist nur in der halben Illegalität möglich, an ein Coming Out im heutigen Sinne ist nicht zu denken und deswegen ist es auch mit längerfristigen festen Beziehungen schwierig. Ich musste unwillkürlich an einen Artikel über LGBT im Kosovo denken, den ich vor einiger Zeit las und in dem es hieß, angesichts der äußeren Bedingungen sei halt nicht viel mehr drin als schneller, unverbindlicher Sex. Die Flatterhaftigkeit der Protagonist_innen in Klaus Manns Roman lässt sich natürlich auch dadurch erklären (und dabei ging es Homosexuellen gerade in den 20er Jahren und gerade in Berlin noch verhältnismäßig gut). Der Autor schildert das Milieu, das er selbst gut kennt, sehr anschaulich, wobei ich persönlich noch immer Stefan Zweigs Verwirrung der Gefühle (erschienen ein Jahr später, 1927) vorziehe, eine unglaublich ergreifende und dabei spannende Geschichte.
Werde ich noch mehr von Klaus Mann lesen? Mal schauen.

* Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe vom Rowohlt Taschenbuch Verlag, ²2010.
** Classiques Larousse-Ausgabe, Paris 1974


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