Aal übers Knie

Während der letzten Wochen hat sich in meinem Notizbuch wieder einmal eine kleine Liste von Wörtern/Wendungen angestaut, die ich irgendwie bemerkenswert finde; heute sollen sie nun also zu einem Post gebündelt werden.
Vor einigen Wochen stieß ich in einem französischen Buch (Comment rater complètement sa vie von Dominique Noguez, Paris 2003, ein Anti-Ratgeber, sehr lustig) auf den Ausdruck rompre l‘andouille / l‘anguille au genou. Eine andouille ist eine Art Wurst, eine anguille ein Aal. Die soll man also übers Knie brechen – klingt nicht sehr erfolgversprechend. Die Umschreibung bedeutet denn auch genau das, dass jemand sich einer Sache ganz von der falschen Seite annähert. Der Autor schreibt, die Wendung sei veraltet und er bedauere dies, ich schließe mich an, weil sie mir sehr gefällt, wobei mich die bildliche Vorstellung mit einem Aal noch mehr erheitert als mit einer Wurst.
Vom Französischen bis zum Okzitanischen ist es bekanntlich nicht weit. Ich lese ja in letzter Zeit gern das jornalet und in irgendeinem Artikel begegnete mir neulich das Wort esmartfòn. Falls jemand sich jetzt nicht von selbst denken kann, was das ist: Es ist klein und hat ein Display, das ständig Fettpfotenabdrücke bekommt. Na? Irgendwie finde ich die Bildung mit dem für westromanische Sprachen so typischen prothetischen e- niedlich.
Von Okzitanien aus gelangt man über die Alpen nach Italien. Ich habe ja neulich zur allgemeinen Erheiterung Luciana Littizzetto zitiert und in ihrem Buch fiel mir neben ihren eigenen Wortschöpfungen auch das Substantiv squinzia auf. Mir ist es geläufig, ich kann mir aber vorstellen, dass das wieder so ein Torino-Ding ist, L.L. kommt nämlich auch von dort. In meinen Papierwörterbüchern steht das Wort gar nicht drin und die Definitionen, die ich online so finde, sind recht vage – eine squinzia ist sowas wie ein etwas dümmliches, oberflächliches Mädchen und L.L. bezeichnet jüngere Lebensgefährtinnen älterer berühmter Männer so.
Bewegen wir uns zum Schluss doch noch ein bisschen weiter fort: Im Beschreibungstext zu einem russischen Video (es ging darum, welche Musikrichtungen die betreffende Band beeinflusst/inspiriert haben) stieß ich neulich auf das Wörtchen миннезанг, also „Minnesang.“ Ich wusste gar nicht, dass das im Russischen als Fremdwort existiert. Auch dieser unverhoffte Fund amüsierte mich.
Möget ihr, die ihr dies lest, nie um Worte verlegen sein!


4 Antworten auf „Aal übers Knie“


  1. 1 Carmilla DeWinter 19. September 2014 um 21:30 Uhr

    Interessant, das mit dem Minnesang. Das Englische hat für dieses Konzept des poetischen Anhimmelns auch kein schönes eigenes Wort.

    Und dass es für das Konzept Trophäenfrau/Goldgräberin im Italienischen so ein hübsches Wort gibt …

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 20. September 2014 um 9:49 Uhr

    Oh, ich glaube, ich habe die Bedeutung von „squinzia“ irreführend beschrieben. Das Wort bedeutet nicht, „junge Frau, die sich einen älteren Mann krallt“, sondern eher „junges kokettes Ding“. Die Autorin verwendet es einfach in diesem Zusammenhang – sie schreibt über gewisse männliche italienische Prominente, dass sie nie aufhören, hinter Frauen her zu sein und dann nicht einmal hinter Altersgenossinnen, sondern hinter jungen „squinzie“.
    „Goldgräberin“ und „Trophäenfrau“ habe ich wiederum noch nie gehört.

  3. 3 Trippmadam 21. September 2014 um 8:43 Uhr

    Na ja, ich kenne schon Würste, die man übers Knie brechen kann, wenn man sich ein bisschen anstrengt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ahle_Wurst

    Mit einigen der größeren und gut abgehangenen Exemplare hätte man allerdings auch die Chance, das perfekte Verbrechen zu begehen: Man erschlägt jemanden damit und isst die Mordwaffe dann auf. Der Geschmack erinnert übrigens an Parmaschinken.

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 21. September 2014 um 10:44 Uhr

    Die „andouille“ scheint ein eher wabbeliges Exemplar zu sein. Mir gefällt die Vorstellung aber wie gesagt mit einem Aal noch besser (zumal wenn dieser noch lebt).
    Die Geschichte mit der Mordwaffe kenne ich so, dass jemand mit einer gefrorenen Entenkeule erschlagen wird und der Polizist selbst nichtsahnend mithilft, diese durch Aufessen verschwinden zu lassen.

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