Tredici anni dopo

Vor ein paar Wochen stieß ich auf YouTube zufällig auf ein Video, in dem ein junges Mädchen von seinen noch relativ frischen Erfahrungen als Austauschschülerin berichtete. Irgendwie interessierte mich das Thema, ich suchte nach weiteren Videos, fand auch welche und bekam beim Anschauen Lust, ebenfalls von den Erfahrungen zu berichten, die ich damals im Schuljahr 2001/2002, als an YouTube noch nicht zu denken war und man in Mark bzw. Lira zahlte, im italienischen Torino machte. Hier sind meine Erinnerungen.
Am 4. September 2001 landete ich, damals 16 Jahre alt, auf dem zu der piemontesischen Metropole gehörigen Flughafen Caselle. Wie es dazu gekommen war? In diesem Zusammenhang erzähle ich gern die wahre Anekdote, dass die Idee ursprünglich von meiner Banknachbarin stammte: „Wenn du Latein so magst, musst du für ein Jahr nach Italien gehen und Italienisch lernen.“ Ich ließ mir den Floh ins Ohr setzen, bewarb mich und wurde genommen. Meine Organisation hieß STS, ich habe gerade geschaut, ob es die überhaupt noch gibt – ja, sie existiert noch und hat sogar noch das gleiche Logo. Ich erinnere mich, dass sie damals die einzige Organisation war, die Schuljahre in Italien anbot, der Stiefel war als Zielland eher unüblich. Beliebt waren in jener Zeit vor allem die USA gefolgt von anderen englischsprachigen Ländern, speziell an meiner Schule steuerten einige Lateinamerika an, das nicht englischsprachige Europa war wenig populär. Ich hätte geschätzt, dass sich die Dinge inzwischen geändert haben und die zu meiner Zeit als „exotisch“ geltenden Länder deutlich aufgeholt haben, aber die Statistiken, die ich fand, sehen doch recht ähnlich aus wie damals.
Aber zurück auf den Flughafen Caselle. Was ich bei meiner Ankunft erwartete? Nicht viel, glaube ich – ich war neugierig auf das Kommende und dachte, ich würde ja sehen, was passierte. Italienisch konnte ich bei meiner Ankunft nur wenig, was sich aber schnell änderte. Es blieb mir auch gar nichts anderes übrig als rasch die Landessprache zu erlernen, weil in meinem neuen Umfeld niemand Deutsch sprach und die meisten auch nur wenig Englisch konnten. Um die Sprache zu lernen, war ich ja schließlich auch hingefahren, die Motivation war da und die Bedingungen wie soeben beschrieben in dieser Hinsicht ideal – immersione totale eben.
Meine Gastfamilie wohnte nicht direkt in Torino, sondern etwas außerhalb, meine etwas jüngere Gastschwester und ich wurden jeden Tag mit dem Auto zur Schule in die Stadt gebracht und auch wieder abgeholt. Es gab eine Ansprechpartnerin von STS, die in Torino lebte und mit der ich mich ein paarmal traf. Sie war noch für eine weitere Austauschschülerin verantwortlich, eine Schwedin, die ich nie persönlich kennenlernte. Ich war nämlich etwas eingeschränkt… Es heißt ja immer, durch ein Schuljahr im Ausland würde man selbstständiger. Mag auf andere Länder zutreffen, aber definitiv nicht auf Italien so wie ich es damals erlebt habe. Die Gastfamilie hielt mich an einer recht kurzen Leine, dass ich irgendwo allein hinging, kam nicht in Frage. Am Anfang, als ich von der Sprache noch kaum etwas verstand und mir alles fremd war, gefiel es mir, so behütet zu werden, das änderte sich aber mit der Zeit. Mit meinen Mitschülerinnen (in meiner Klasse waren fast ausschließlich Mädchen, es war eine Oberschule mit sprachlichem Schwerpunkt) verstand ich mich wenig, eine Freundin fand ich erst nach Monaten in einem jüngeren ukrainischen Mädchen an meiner Schule. Menschlich war dies also sicherlich nicht das beste Jahr meines Lebens. Ich muss auch einfach sagen, dass mir das Leben in Italien wenig liegt bzw. dass ich dort nicht gut hinpasse. Die Wohnungen fand ich eng und unpraktisch eingerichtet, das ewige Gewese um Essen nervte mich usw. In gewisser Weise wurde mir während meines Auslandsschuljahrs bewusst, wie deutsch ich bin (wobei eine solche Erkenntnis ja auch etwas wert ist).
Aber natürlich gab es auch Sonnenseiten. Die Stadt Torino (in die wir seltener fuhren als mir lieb war) schloss ich damals tief ins Herz und liebe sie bis heute. Die riesige Piazza Castello, die Via Po mit ihren Bücherständen, der Valentino-Park – dies alles ist für mich wunderschön und fehlt mir, wenn ich länger nicht dort war. Verliebt habe ich mich damals außerdem in Francesco… Petrarca. Der Unterricht in italienischer Literatur an meiner Schule war sehr gut und weckte mein Interesse, das Thema sollte mich nie wieder loslassen. Als ich 19 Jahre alt und mit der Schule fertig war, gab es für mich im Grunde gar keine andere Möglichkeit als Italienisch zu meinem Magister-Hauptfach zu machen und das Ganze gipfelte schließlich in einer Magisterarbeit über den Petrarkismus. Als ich mit dem Studium anfing, wusste ich in Sachen Literatur schon einiges, das für meine Kommiliton_inn_en neu war und konnte daher alles ganz entspannt angehen (dafür musste ich mich in Französisch mehr anstrengen, aber das ist eine andere Geschichte).
Und natürlich war ich bei Studienbeginn den anderen auch bzw. vor allem sprachlich voraus. Die meisten fingen mit Italienisch neu an, wenige hatten Vorkenntnisse und so günstige Startbedingungen wie ich hatte niemand. Ich hatte längere Zeit in einer rein italienischsprachigen Umgebung verbracht und das merkte man deutlich. Italiener_innen haben mir noch Jahre später manchmal gesagt, ich würde nicht wie eine Ausländerin sprechen. Tatsächlich habe ich einiges von Schülerjargon und Jugendsprache mitbekommen (wobei ich mich frage, inwieweit gewisse Wendungen heute nicht veraltet sind). Hätte ich nicht als Jugendliche für ein Jahr in Italien gelebt, könnte ich heute nicht mit Zitaten von Aldo, Giovanni und Giacomo um mich werfen… Das Auslandsjahr bedeutete nicht nur Ärger über die Kleingeistigkeit der Menschen, mit denen ich lebte und in der Klasse saß, sondern auch eine einmalige Chance, Dinge kennenzulernen und zu erfahren.
Dies sind die Dinge, die mein Hirn ausspuckt, wenn ich dreizehn Jahre zurückdenke. Falls jemand Fragen zu Details hat: Schreibt sie in die Kommentare, ich werde euch antworten.


4 Antworten auf „Tredici anni dopo“


  1. 1 Trippmadam 06. September 2014 um 12:22 Uhr

    Ich habe ja auch zuerst Italienisch studiert. Während meines Auslandssemesters empfand ich Italien als eher konformistisch. Ich habe dort zwar recht schnell Anschluss an eine Gruppe StudentInnen gefunden, die aus Sardinien, von der anderen Seite der slowenischen Grenze, Südtirol oder ähnlichen „Randgebieten“ kamen, aber unsere Clique wurde von den „echten“ Italienern etwas misstrauisch beäugt. Woran das lag, was Ursache und was Wirkung war, kann ich mir so viele Jahre später nicht mehr erklären.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 06. September 2014 um 19:36 Uhr

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Auslandssemester (war selbst mit 22 Jahren auf diese Weise in Frankreich) nochmal was völlig Anderes als ein Auslandsschuljahr ist. Als Austauschstudi befand ich mich in einer internationalen Umgebung, nicht in einer rein französischen (und die einzige Person, mit der ich mich näher anfreundete, war ein Austauschstudi aus China). Ich habe allein in einem Wohnheimzimmer gelebt, konnte machen, was ich wollte, bin aber dafür nicht so tief in das Leben im Land eingedrungen wie als Austauschschülerin.

  3. 3 Globetrotter 28. September 2014 um 14:22 Uhr

    Ich wuerde sagen, dass du eine sehr gute Wahl mi Italien getroffen hast. Mich wundert es immer, dass alle so verrueckt nach den Usa und Australien sind. Wir sind staendig von der engl Sprache umgeben und haben alle Chancen der Welt diese Sprache bestmoeglich zu lernen. Mich hat daher Frankreich so gereizt. Ich kannte niemanden in meinem Umfeld, der gut Frz sprach. Dies und meine Begeisterung fuer den Existenzialismus von Sartre und fuer die Person Simone de Beauvoirs haben mich damals zu einem Schueleraustausch nach Frankreich gefuehrt… Schoen uebrigens, dass du trotz der vorgefundenen Schwierigkeiten trotzdem ein rundum positives Bild von Italien mit nach Hause genommen hast.

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 28. September 2014 um 14:35 Uhr

    Ja, einen gewissen Reiz des Exotischen hat Italien bzw. die italienische Sprache damals sicher auf mich ausgeübt.
    Dass ich die Sprache u.a. deshalb lernen wollte, weil mich bestimmte Künstler_innen interessierten, die sie als Muttersprache hatten, war Jahre später mit Polnisch so – da sind zu großen Teilen Kieslowski und Szymborska die „Schuldigen“.

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