Herz-As in der Zwinge

Amatonormativität ist ein Begriff, der in der deutschen Sprache bisher wenig verwendet wird, dem ich aber mehr Bekanntheit wünschen würde (und ich nehme an, dass er sie bekommen wird (und trage gerade ein wenig dazu bei)).
Was er bedeutet? Eine kurze deutsche Definition habe ich hier gefunden: „Eine so­zia­le Norm, die ro­man­ti­sche Be­zie­hun­gen als wi­chti­ger und wert­vol­ler be­trach­tet als Freun­d_in­nen­schaf­ten oder nicht-​ro­man­ti­sche-​Be­zie­hun­gen.“* Gibt man den englischen Begriff amatonormativity in eine Suchmaschine ein, findet man schon mehr. Treffend und handlich finde ich die Definition aus Anagnoris praktischem Glossar: „The social force that treats romantic relationships as intrinsically superior, more valuable, or more necessary than friendships and non-romantic relationships. A problem for everyone, but especially aromantic people.“ (Eine soziale Kraft, die romantische Beziehungen als von Natur aus höherwertig und nötiger als Freundschaften und nichtromantische Beziehungen einstuft bzw. sie für überlegen hält. Ein Problem für alle Menschen, besonders aber für aromantische.)
Nun bin ich persönlich nicht aromantisch. Ich habe mich in meinem Leben schon öfter verliebt und dieses Gefühl unterscheidet sich für mich klar und deutlich von freundschaftlicher Zuneigung. Wenn ich in jemanden verliebt bin, scheint mir eine mehr oder weniger „klassische“ Liebesbeziehung der geeignetste Weg, diese Gefühle auszudrücken bzw. auszuleben. Ich bin monogam, kann nur für eine Person gleichzeitig auf diese Weise empfinden und würde auch nicht wollen, dass mein_e Partner_in gleichzeitig noch jemanden anders hat, für dien sier genau dasselbe empfindet wie für mich und dier genau denselben Status hat. Eine gewisse Hierarchisierung ist auch durchaus vorhanden – die Person, für die ich romantische Gefühle hege und mit der ich evtl. „zusammen“ bin, ist für mich wichtiger als eine Person, mit der ich befreundet bin (was nicht bedeutet, dass romantische Beziehungen für mich grundsätzlich wichtiger sind als Freundschaften – das ist ein Unterschied!) Ich kann nachvollziehen, warum Menschen von „mehr als Freundschaft“ sprechen und war schon in der Situation, dass eine Freundschaft mit einer Person, in die ich verliebt war, möglich war, mir das aber nicht angemessen schien bzw. ganz einfach nicht reichte.
Klingt ja soweit alles der Norm entsprechend, weswegen sie mir persönlich keine Probleme bereiten sollte. Tut sie aber ab und zu doch.
Spürbar wurde ihre drückende Existenz für mich spätestens zu dem Zeitpunkt, als ich mich von meinem Freund getrennt hatte und Freunde von mir darüber informierte. Der eine schrieb: „Ach, das tut mir leid, hoffentlich findest du irgendwann wieder jemanden, Alleinsein ist doch auf die Dauer nicht das Wahre“, der zweite rief erschrocken aus: „Oh, aber nicht dass du jetzt vereinsamst!“ (wobei genau diese Person generell dazu neigt, Dinge viel dramatischer zu sehen als ich sie sehen würde). Ich fragte mich: „Wovon reden die bloß?“ Tatsächlich empfinde ich den Zustand, in einer romantischen Beziehung zu stecken, in keiner Weise als besser als den, in keiner zu stecken – in meinen Augen hat beides seine Vor- und Nachteile. Daraus ergibt sich, dass ich gezieltes Suchen absolut nicht nachvollziehen kann, ob nun im Internet, in der Disco oder sonstwo (ich persönlich kenne niemanden, dier seine_n Partner_in in der Disco kennengelernt hat, aber das scheint es ja zu geben). Ich habe einstmals Suchereien im Internet veranstaltet, vor mittlerweile über zehn Jahren, als ich mich noch als lesbisch definierte und dachte, langsam müsste ich mir auch mal eine Freundin suchen. Wenn ich so daran zurückdenke, war es doch eher eine gute Freundin, die das dachte und mich zum Anzeigen-Durchstöbern und Anzeigen-Erstellen ermunterte… Ich habe auf diesem Wege kein Mädel kennengelernt, das mich auch nur annäherungsweise interessiert hätte.
Ich habe mir irgendwann ein Gleichnis ausgedacht (irgendwie mache ich das gern ;) ): Im Unternehmen meines Lebens ist für alles gesorgt, es ist keine Stelle offen, die besetzt werden muss, ich halte keine Ausschau nach einer_m möglichen Kandidat_in. Wenn ich auf eine Person treffe, die mein Herz schneller schlagen lässt, kann und möchte ich für sie aber eine Stelle schaffen.
Womit ich auch relativ allein auf weiter Flur dazustehen scheine: Ich habe nicht den Anspruch, dass es für immer sein muss. Nach wie vor kann ich das unterschreiben, was Lorenzo gegen Ende von Ne parliamo a cena von Stefania Bertola zu Costanza sagt, nämlich „Ich möchte so lange mit dir zusammenbleiben, wie es geht und eventuell für immer.“ (Aus dem Kopf zitiert und gleich übersetzt.) Und mir fällt noch ein Unternehmens-Gleichnis ein, das allerdings nicht von mir, sondern von einer Userin aus dem französischen AVEN-Forum stammt – sie hat mal geschrieben, sie hätte gern einen befristeten Teilzeitvertrag, der immer wieder verlängert und eventuell in einen unbefristeten Vertrag umgewandelt werden kann. Ja, würde ich auch nehmen.
Wenn ich in den Foren lese, wie Asexis Anfang 20 sich der Horrorvorstellung hingeben, im Alter allein dazustehen, weil sie momentan keine Beziehung haben und vielleicht auch noch nie eine hatten, möchte ich sie immer gern an den Füßen ziehen, damit sie wieder auf den Teppich kommen bzw. ihnen Eiswürfel reichen, damit sie ganz cool bleiben.
Man hat mir schon gesagt, ich sei wenig romantisch. Ist das so? Zu verliebtheitsbedingten Torheiten bin ich durchaus in der Lage und schäme mich nicht dafür – aber offenbar wird da auch noch so manches erwartet, das ich nicht erfülle und auch gar nicht erfüllen will.
Amato-Norm, kannst du mich hören? Geh nach Hause. Ich brauche dich nicht.

* Zeichensetzung ein wenig korrigiert


6 Antworten auf „Herz-As in der Zwinge“


  1. 1 Carmilla DeWinter 24. August 2014 um 21:02 Uhr

    Interessante Aspekte von der anderen Seite. ;) Dankeschön.

    Diese „Torschlusspanik“ von Menschen die wesentlich jünger sind als ich, und die du da beschreibst, kann ich auch nicht verstehen.
    In Anbetracht einiger Familien und Leuten aus der Apotheke, mit Scheidung, ohne Scheidung, verwitwet, verwaist, etc. weiß ich, dass eine romantische Partnerschaft, und nicht mal ein Stall voll Kinder, eine Garantie sind, dass mensch im Alter nicht vereinsamt. Gerade die Leute, die sich auf solche Bindungen verlassen, scheinen jene, die am ehesten das Problem haben.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 24. August 2014 um 21:11 Uhr

    Da war ja mal jemand ganz fix mit dem Kommentieren, solange ich noch online war…
    Bei den Torschlusspanik Schiebenden frage ich mich immer, ob die wirklich unbedingt eine romantische Beziehung brauchen, damit ihnen nichts fehlt (es gibt sicherlich Leute, die das mehr brauchen als ich) oder ob sie einfach unreflektiert den Glauben übernommen haben, dass sie das unbedingt brauchen. Gibt wahrscheinlich beide Varianten.

  3. 3 tschellufjek 26. August 2014 um 21:41 Uhr

    Ich kenne mehrere ältere Paare, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie „gemeinsam vereinsamen“. Es gibt so viele Beziehungen, bei denen keinerlei Kommunikation stattfindet, dass es eigentlich egal ist, ob die Person, mit der mensch da zusammenwohnt, der_die Partner_in oder ein_e x-beliebige_r Mitbewohner_in ist. Von daher teile ich diese Angst in keinster Weise.

    Was ist schon „romantisch“? Wer legt das fest? Es wird immer die Individualität und die Unterschiedlichkeit der Menschen betont, aber wenn es dann um solche Konzepte geht, wird stets verallgemeinert.

    Was die Torschlusspanik und die „Horrorvorstellung“ der Einsamkeit im Alter angeht, so würde ich sagen, dass dies stark vom Umfeld abhängt. Hat mensch überwiegend Single-Freunde_innen, ist es ihm_ihr egal, ob er_sie selbst in einer Beziehung steckt oder nicht. Warum machen wir uns Gedanken oder Sorgen um unser fehlendes Verlangen nach sexueller Interaktion? Weil die Mehrheit der Menschen ein solches „Fehlen“ nicht kennt. Kurz gesagt: Sind alle um einen herum in Beziehungen (und das glücklich und zufrieden), stellt mensch sich häufig die Frage, was mit ihm_ihr nicht stimmt bzw. fühlt sich minderwertig, weil er_sie ja anscheinend von niemandem begehrt wird. So läuft es ja auch mit allen anderen Dingen (der Besitz eines Smartphones, Reisen etc.).

    Den Begriff der „Amatonormativität“ kannte ich übrigens noch nicht. Vielen Dank also für die Vorstellung ;)

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 27. August 2014 um 9:14 Uhr

    Hm, die meisten meiner Freund_innen sind in festen Händen und ich empfinde trotzdem keinen Drang, es ihnen gleichtun zu müssen. Ich glaube, ich habe in dieser Hinsicht ein außergewöhnlich dickes Fell oder wie man es nennen möchte, habe mich nie großartig mit anderen verglichen oder an ihnen gemessen.
    Ich sehe hier übrigens nicht einmal einen wirklichen Zusammenhang mit der Asexualität, weswegen ich den Asexi-Tag für diesen Post nicht verwendet habe.
    Freut mich, dass ich dich ein neues Wort lehren konnte! :)

  5. 5 tschellufjek 27. August 2014 um 19:37 Uhr

    Irgendeine berühmte Persönlichkeit hat mal gesagt: „Wenn du die Meinung der Mehrheit teilst, fang an dich zu besinnen“ (oder so ähnlich). Der Vorteil am Außenseiterleben ist, dass mensch die Dinge um einen herum hervorragend beobachten kann und vor jeglichem Druck von Außen gewappnet ist. Ist mensch jedoch mittendrin, ist dies nicht so leicht. Ich muss immer lachen, wenn meine Oma hinter jedem männlichen Freund meinen künftigen Ehemann wittert. Eine Freundin von mir empfindet die ähnliche Haltung ihrer Großeltern jedoch als ungeheuren Druck.
    Stimmt, mit der Asexualität hat das keinen wirklichen Zusammenhang. Ich denke nur, dass durch die Thematisierung der Asexualität immer mehr Beziehungskonzepte- und strukturen hinterfragt und neu diskutiert werden (zwar in geringem Maßen, aber immerhin!).

    Welcher Asexi-Tag? Habe ich was verpasst?? :O

  6. 6 Fiammetta de Bornelh 27. August 2014 um 19:55 Uhr

    „Ich denke nur, dass durch die Thematisierung der Asexualität immer mehr Beziehungskonzepte- und strukturen hinterfragt und neu diskutiert werden“
    Da hast du sicherlich Recht. Wenn die asexuelle Community nicht wäre, wüsste ich heute wahrscheinlich nichts von aromantischen Menschen und nichts von Amatonormativität.
    Mit dem „Asexi-Tag“ meinte ich einfach den Tag „Asexualität“, den ich diesem Artikel nicht hinzugefügt habe. C‘est tout, rien de mystérieux. ;)

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