Dumme Huftiere und die Schrecken der Bürokratie

Vor etlichen Jahren habe ich Mein Amerika von Bill Bryson gelesen und erinnere mich, dass ich seine Beschreibung des Lebensgefühls von US-Bürgern sehr interessant und die Schilderungen der von ihm als Kind verübten Streiche sehr witzig fand. Nun habe ich vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt zufällig ein weiteres Buch von ihm gefunden, Streiflichter aus Amerika (Originalausgabe erschienen 1998, deutsche Fassung erschienen 2000, Übersetzung von Sigrid Ruschmeier). Es handelt sich um eine Sammlung von Kolumnentexten, die der Autor für eine britische Zeitung verfasste, nachdem er nach zwanzig Jahren im Vereinigten Königreich in sein Geburtsland zurückgekehrt war. Vieles sah er nach seiner langen Abwesenheit mit den Augen eines Ausländers, vieles war ihm fremd. Einiges von dem, was er damals schrieb, ist inzwischen sicherlich überholt (ganz deutlich merkt man das in seinem Text Ihr neuer Computer), seine Schilderungen gewähren europäischen Leser_innen aber auch heute noch unverhoffte Einblicke in das Leben in diesem fernen, großen Land (der Originaltitel des Buches lautet Notes from a Big Country) und bringen sien vor allem immer wieder zum Lachen – mich jedenfalls.
Irgendwie erinnert mich Bryson an den von mir sehr verehrten Max Goldt. Beide haben sie einen Blick für Details und kleine Kuriositäten. Einer von Brysons Texten trägt den Titel Herrliche Nebensächlichkeiten und diese Überschrift würde zu großen Teilen von Goldts Werk wunderbar passen. Der Herr aus Iowa liest sich gern Kataloge durch und blättert aus Spaß in Telefonbüchern fremder Städte; ich kann mich nicht erinnern, ob der Herr aus Göttingen einmal etwas ähnliches berichtet hat, aber zuzutrauen wäre es ihm.
Aber ich sollte wohl nicht so viel davon schreiben, wie ich mich amüsiert habe, sondern dieses Amüsement lieber teilen. Los geht’s also mit den Zitaten…
Unser Freund, der Elch
„Die Jägersleut erzählen Ihnen, dass der Elch ein hinterlistiges, grimmiges Waldwesen ist. In Wirklichkeit ist er ein von einem Dreijährigen gezeichneter Ochse. Mehr nicht. […] Er ist zwar riesig – so groß wie ein Pferd –, aber wahnsinnig ungelenk. Ein Elch läuft, als wisse das linke Bein nicht, was das rechte tue. Selbst sein Geweih macht nichts her. Andere Viecher lassen sich Geweihe mit spitzen Ecken wachsen, die im Profil prächtig aussehen und dem Feind Respekt abnötigen. Der Elch dagegen trabt mit einem Geweih durch die Gegend, das wie ein Handschuh-Topflappen aussieht.
Vor allem aber zeichnet das Tier ein beinahe grenzenloser Mangel an Intelligenz aus. Wenn Sie einen Highway entlangfahren und ein Elch aus dem Wald tritt, blinzelt er Sie eine ganze Minute lang an und rennt dann urplötzlich vor Ihnen weg, aber die Fahrbahn entlang. Die Beine fliegen gleichzeitig in acht verschiedene Richtungen.“
Und so weiter und so weiter.
Wunderschön ist auch der Text Ihre Steuererklärung erklärt
„Versehen Sie ein Kästchen mit der Angabe „Ankreuzen“ nicht mit einem Häkchen, oder kreuzen Sie ein Kästchen mit der Angabe „Häkchen“ nicht an, wenn Sie nicht wünschen, das Ganze noch einmal zu machen. Schreiben Sie in leere Spalten nicht „Leck mich“. Schwindeln Sie nicht.
[…]
Unter „Einkommen“ geben Sie an: alle Löhne, Gehälter, steuerpflichtige Nettoeinkommen aus ausländischen Quellen, Honorare, Trinkgelder, Sonderzuwendungen, steuerpflichtige Zinsen, Kapitalgewinne, Flugmeilen, spendierte halbe Biere sowie Geld, das Sie in den Sofapolstern gefunden haben.
[…]
Wenn Sie nach dem 1. Januar 1897 geboren und nicht verwitwet sind, fügen Sie außerdem Unfallverluste bei, und tragen Sie Rückstellungen für steuerliche Abschreibungen in Zeile 27iii ein. Es ist auch die Anzahl der für den Export geschlachteten Puter aufzulisten. Ziehen, jedoch setzen Sie nicht ab Nettobruttodividende von anteiligen Zinszahlungen, multiplizieren Sie diese mit der Gesamtzahl der Treppenstufen in Ihrem Haus, und tragen Sie das Ergebnis in Zeile 356d ein.“
Mir tun vom Abtippen langsam die Finger weh. Wenn euch mal ein Buch dieses Autors über den Weg läuft: Greift zu, es wird euch sicher schöne Stunden bereiten.


2 Antworten auf „Dumme Huftiere und die Schrecken der Bürokratie“


  1. 1 Tschellufjek 22. August 2014 um 13:40 Uhr

    Seine Ausführungen zum Thema „Steuererklärungen“ finde ich super!
    Habe vor langer Zeit mal „Neither here, nor there“ gelesen, in dem er seinen Trip durch Europa beschreibt. Als Fan des trockenen Humors, empfand ich die Lektüre dieses Buches auch als sehr spaßig :)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 22. August 2014 um 18:19 Uhr

    Als ich den Text über Steuererklärungen gelesen habe, war ich irgendwie froh, dass es in anderen Ländern offenbar noch komplizierter ist als in meinem (gut, der Mann hat Frau und Kinder, was es natürlich immer umständlicher macht).
    Ich werde sicherlich noch mehr von ihm lesen, aber wahrscheinlich weiterhin auf Deutsch. Was das Englische betrifft, fehlen mir sowohl profunde Kenntnisse als auch Ehrgeiz.

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