Magali, Cécile und die alltägliche Diskriminierung

Als Mademoiselle Fiammetta jünger war, wollte sie Literaturübersetzerin werden. Sie unternahm ein paar Versuche in diese Richtung, die aber nicht von Erfolg gekrönt waren, so dass sie heute viel von ihrer Motivation auf diesem Gebiet verloren hat und sich auf ihre Tätigkeit als Fachübersetzerin konzentriert.
In der virtuellen Schublade liegt aber ein bisschen was, u.a. die angefangene Übersetzung eines französischen Romans, Magali, Yourcenar et moi von Éliane Girard (Paris 2003). Ich hatte damals Pläne damit, habe ihn auch einem deutschen queeren Verlag angeboten, die wollten ihn aber nicht und auch ich verlor dann irgendwie das Interesse bzw. den Glauben an das Projekt. So großartig ist der Roman auch wieder nicht, ich war nicht mehr ausreichend von ihm überzeugt, um ihn anderweitig anpreisen zu können. Einige Passagen gefallen mir aber noch heute und im Grunde ist es schade, dass sie deutschsprachigen Leser_innen für immer unbekannt bleiben werden. Also dachte ich mir, dass ich ja mal ein Stückchen veröffentlichen kann und das tue ich heute.
Kurze Einführung, da wir uns mitten in der Geschichte befinden: Magali und die Ich-Erzählerin Cécile haben sich an der Arbeit kennen und lieben gelernt, halten ihre Beziehung jedoch aus Angst vor Diskriminierung gegenüber ihren Kolleg_inn_en geheim. Magali ist nicht einmal bei ihrer Familie geoutet und nun haben ihr Vater und ihr Bruder einen Besuch bei ihr angekündigt. Dies bedeutet, dass Cécile, die schon praktisch bei ihr eingezogen ist, verschwinden und vorher ihre Spuren verwischen muss. Wie man sich denken kann, findet sie das gar nicht toll.

Sonntag, 13. Februar

Wie lässt man fast vier Monate der Zweisamkeit an einem einzigen Tag verschwinden? Die Frage des Tages.
Jedes Zimmer mussten wir genau inspizieren und uns jede nur mögliche Situation vorstellen.
Zuerst das Schlafzimmer.
Zwei Nachttische: Das ist verdächtig. Zwei Kissen lassen sich rechtfertigen. Der Schrank? Er braucht ja nicht hineinzuschauen. Und wenn er eine Jacke herausnehmen möchte? Stimmt. Mit den Klamotten geht es ja noch, aber die Schuhe? Treter in Größe 38, wenn seine Tochter die 41 hat, das fällt auf. Die Schuhe in einen Koffer und schwupps! unters Bett damit. Und die Medikamente auf der Kommode? Seit wann hast du Allergien, Gali? Du hast keine Allergien. Wir verstecken die Medikamente. Wozu braucht man bei so kurzen Haaren ein Glätteisen? Wir räumen es weg. Und wer ist das da auf dem Foto? Eine Freundin… Ihr steht aber eng zusammen… Wir nehmen das Foto ab. Und das hier? Da sind wir zu dritt, das geht.
Im Badezimmer ist es einfacher: Der zweite Bademantel, das zweite Handtuch, die Zahnbürste, die Creme für fettige Haut, das Parfüm von Chanel – wir lassen einfach alles verschwinden.
Im Wohnzimmer musste ich all die Sächelchen wegräumen, die ich liebe und die ich hierher mitgebracht hatte: Den Glücksbringer aus Lava aus Lanzarote, die kleine Maya-Statue, die ich in Oaxaca gekauft habe, die Schneekugel aus meiner Kindheit, meine 30er-Jahre-Lampe in Elefantenform, die beiden Perserteppiche von meiner Großmutter – all das haben wir in einen Karton gepackt und ab in den Keller damit. Aber wir hätten ja fast den Kühlschrank vergessen! Der Kühlschrank ist sehr wichtig und kann vieles verraten. Wir lassen als erstes die Milch und den Joghurt verschwinden, weil Mademoiselle seit ihrer Geburt eine Laktoseintoleranz hat und das weiß ihr Vater schon viel länger als ich. Aber wir dürfen auch die Konfitüre nicht vergessen und den Rollmops und die Kakaobutter. Das alles hasst Gali und ich bin verrückt danach.

Am Abend haben wir das Terrain noch einmal inspiziert. Alles war in Ordnung. Papa wird sich freuen, denn außerdem ist – ein Wunder! – jetzt auch noch aufgeräumt.
Ich fühle mich komisch, wenn ich das alles so sehe. Ihre Wohnung sieht aus wie vor oder… nach meiner Zeit. Es erinnert mich auf seltsame Weise an meine früheren Trennungen.

Montag, 14. Februar

Ich hasse diesen Ort, ich mag meine Wohnung nicht mehr. Jedes Mal, wenn ich hier bin, ist der Grund dafür traurig.
Das ist das letzte Mal, dass ich dieses Versteckspiel mitmache. Wenn ich daran denke, wie Gali jetzt mit ihrem Papi und ihrem kleinen Bruder zu Abend isst, packt mich die Wut. Ganz das brave Töchterchen. Wenn der Herr Lehrer wüsste, was im Bett seiner Magali vor sich geht…
Mein lieber Jérôme, wie gerne würde ich es Ihnen ins Gesicht sagen. Ihre Tochter hat eine Geliebte? Ja, ganz richtig, eine Geliebte. Sie schläft mit einer Frau. Oh doch. Und es kommt noch besser: Sie ist in eine Frau verliebt. Und das bin ich. Das gefällt Ihnen nicht? Aber es ist ihr Leben, was geht Sie das an? Sie finden es abstoßend? Warum denn? Ist es schöner, wenn ein Mann und eine Frau miteinander ins Bett gehen? Da bin ich nicht so sicher. Es ist gegen die Natur? Wir haben kein Recht, darüber zu befinden. Mit seiner Karre die Luft zu verschmutzen ist auch gegen die Natur. Kommen Sie, mein lieber Jérôme; wirklich widernatürlich ist es, Ihre Tochter daran zu hindern, so zu leben, wie sie es möchte und glücklich zu sein. Und Sie werden sehen, ich bin ein nettes Mädchen, wir werden uns gut verstehen, da bin ich mir sicher.
Aber ich habe mich genug gequält, ich muss meine Eltern anrufen. Meine lieben, verständnisvollen Eltern. Obwohl… Hat meine Mutter nicht einmal zu meiner Cousine gesagt: „So ist Cécile nun einmal, wir können sie ja nicht gut umbringen“? Das ist schon ein starkes Stück. Aber ich kann ihr nicht wirklich böse sein, sie hat genug davon, sich Bemerkungen anzuhören und sich rechtfertigen zu müssen. Ihre lieben Freundinnen, brave Bürgerfrauen, deren Kinder normal sind, lassen keine Gelegenheit aus, sie in Verlegenheit zu bringen.
Diejenigen, die Bescheid wissen, tun so, als existierte ich nicht oder – schlimmer – sie streuen Salz in die Wunden, indem sie Verständnis heucheln: „Ach Claudine, du tust mir so leid, du wirst niemals Großmutter sein.“
Und diejenigen, die nichts wissen, aber Vermutungen haben, schießen vergiftete Pfeile ab, so in dem Stil: „Und, ist deine Tochter immer noch ledig?“ oder „Meine Tochter erwartet ihr zweites Kind, sie ist so glücklich. Man kann es nicht anders sagen, eine Frau ist dafür geschaffen, Mutter zu werden.“ Aber es geht noch schlimmer: „Wenn man nur eine Tochter hat, muss es schwierig sein…“ entweder „…sie noch ledig zu wissen“ oder „…keinen Schwiegersohn zu haben, der die neuen Küchenmöbel aufbauen kann“ oder aber „… sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen.“ Meine arme Mutter leidet meinetwegen. Mein Vater hält sich aus solchen Gesprächen heraus. Er hat nicht viele Freunde, das hält den Schaden in Grenzen. Aber ich habe ohnehin bemerkt, dass es immer die Mutter ist, die sich verantwortlich fühlt, wenn die Kinder „anormal“ sind. Da Frauen weniger feige sind als Männer, akzeptieren sie es leichter. Zumindest in der Generation meiner Eltern. Warten wir auf die nächste: unsere.


5 Antworten auf „Magali, Cécile und die alltägliche Diskriminierung“


  1. 1 tschellufjek 01. August 2014 um 12:52 Uhr

    Ich hatte vor ein paar Jahren auch den Traum, später einmal Literaturübersetzerin zu werden (Insbesondere nachdem ich „Böses Mädchen“ von Mario Vargas Llosa gelesen hatte, kennst du diesen Roman?), war aber schnell abgeschreckt von diesem „harten“ Literaturmarkt.

    Die beiden Textpassagen klingen echt gut. Generell finde ich die Thematik sehr interessant, stellt sie doch ein nach wie vor sehr aktuelles Thema bzw. Problem an den Pranger.

    Ist Yourcenar eigentlich der Name einer Person?

    Merci d‘avoir partagé ces extraits avec ton public germanophone ;)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 01. August 2014 um 13:04 Uhr

    Nee, das von dir erwähnte Buch sagt mir gar nix, aber „Böses Mädchen“ ist doch auch der deutsche Titel von A. Nothombs „Antéchrista“, oder?
    Yourcenar ist Magalis Katze, die auf Samptpfötchen durch den Roman schleicht. Ist natürlich nach der Autorin benannt.

  3. 3 tschellufjek 01. August 2014 um 18:32 Uhr

    Stimmt, du hast recht. Wikipedia bestätigt dies :)
    Ich muss mich auch ein wenig korrigieren: Der Roman von Vargas Llosa heißt „Das böse Mädchen“ (http://www.dieterwunderlich.de/Vargas_Llosa_maedchen.htm)

  4. 4 Carmilla DeWinter 03. August 2014 um 13:17 Uhr

    Aus eigener Erfahrung… Mütter machen sich da gern Vorwürfe. Meine genauso wie die eine aus ihrem Bekanntenkreis, deren Tochter sich vor einigen Jahren als lesbisch outete.
    Jene Dame machte sich, aus mir immer noch unerfindlichen Gründen, Sorgen, dass diese Zuneigung zu Frauen bei ihrer Tochter aus den eigenen (schlechten) Erfahrungen an einem englischen Mädcheninternat stammen könnte…
    Und „mein Kind ist normal, ich habe es richtig erzogen, ällabätsch“ aus dem Bekanntenkreis ist auch häufig, aber genauso unsinnig. Laienpsychologie, die aus einer niemals bewiesenen These von Freud herstammt.

  5. 5 Fiammetta de Bornelh 03. August 2014 um 15:51 Uhr

    Was es nicht alles gibt. Vorwürfe und haarsträubende Theorien sind meiner Mutter zum Glück fremd.
    Im Roman outet sich Magali übrigens gegen Ende und ihr Vater kann dann besser damit umgehen als ihre Mutter, was Céciles Annahme im zitierten Abschnitt widerlegt.

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