Ein Gleichnis

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit jemandem, wir kamen auf das Thema Asexualität zu sprechen und er sagte, meine Orientierung sei doch ein großer Nachteil für mich, da sie meine Chancen, eine Beziehung führen zu können, so stark mindere. Irgendwie schien es ihn zu wundern, dass ich nicht permanent mit verzagter Miene herumlaufe, sondern gelassen in die Zukunft sehe.
Warum bin ich nicht unglücklich, obwohl ich das der Meinung gewisser Leute nach offenbar sein sollte?
Nun, erst einmal bin ich nicht der Meinung, dass für das eigene Lebensglück eine romantische Beziehung unbedingt notwendig ist und daher nicht verbissen auf der Suche nach einer solchen. Wenn ich jemanden treffe, dier mir auf diese Weise gefällt, super – wenn nicht, auch nicht schlimm. Dann habe ich in der Schule das Jahr verpasst, in dem Wahrscheinlichkeitsrechnung unterrichtet wurde (war Austauschschülerin in einem anderen Land, wo das nicht auf dem Lehrplan stand) und vielleicht ist das ja der Grund, warum mir diese Herangehensweise an die Dinge fremd ist. Ich halte es für überflüssig, mir ausrechnen zu wollen, wie wahrscheinlich es ist, dass ich eine Person treffe, die ich mag und die mit meiner Asexualität umgehen kann – meiner Erfahrung nach kommt in Liebesdingen ohnehin alles immer vollkommen anders, als man vermutet hätte.
Und schlussendlich fiel mir, als ich im Nachhinein noch über das Gespräch nachdachte, ein Gleichnis ein, das ich euch jetzt erzählen möchte, auch wenn das hier nicht das Neue Testament ist. :)
Ich habe eine einseitige, starke Begabung und zwar für Sprachen (das hättet ihr jetzt nicht gedacht, was? ;) ) Vor ein paar Jahren hörte ich erstmals das Wort „teilhochbegabt“, habe mich jedoch nicht weiter damit beschäftigt und weiß daher nicht, ob ich die Kriterien dafür erfülle, ist für mich persönlich auch nicht wichtig, aber in die Richtung geht es. Mein Interesse gilt vor allem den alten Sprachen, ich liebe sie und sie erwidern meine Liebe. Für den heutigen Arbeitsmarkt sind das nicht die besten Voraussetzungen; so wie meine Neigungen liegen, war der Beruf, den ich heute ausübe – Übersetzerin –, im Grunde die einzige Möglichkeit (Unterrichten liegt mir absolut nicht, daher hätte ich nicht Lehrerin werden können, weder an einer allgemeinbildenden Schule noch an einer VHS oder sonst wo). Ich kann nichts anderes und will auch nichts anderes. Hätte mir ein MINT-Studium mehr Chancen eröffnet, würde ich heute mehr Geld verdienen? Gut möglich, aber ich betrachte es als überflüssig, darüber nachzugrübeln, da meine Begabung eine deutliche Sprache sprach und mir gar keine Wahl ließ.
Die Asexualität betrachte ich als ebenso stark zu mir gehörig und ebenso unveränderlich (gut, es gibt Fälle, in denen sich die sexuelle Orientierung ändert, aber so etwas ist superselten und passiert, wenn überhaupt, ganz von allein und lässt sich nicht willentlich beeinflussen) wie meine Begabung. So bin ich, anders kenne ich mich nicht und damit muss ich leben. Was würde es ändern, wenn ich mir ständig ein Leben als *sexuelle Person ausmalte und mir das lockende Bild von einem weniger steinigen Lebensweg vor Augen riefe, der sich mir in diesem Falle dargeboten hätte (und wer sagt, dass das so gewesen wäre)? A quoi bon ?
Meine Ansicht lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Werde dir darüber bewusst, was du möchtest, was du kannst und mach das Beste daraus. Mehr kannst du nicht tun. Und ach ja – respektiere dich selbst. Das allein ist noch keine Garantie dafür, dass auch andere dich respektieren werden, aber wenn du es selbst nicht tust, werden die anderen es erst recht nicht tun. Und wirf deine Samen stets nur auf guten Boden. :)


2 Antworten auf „Ein Gleichnis“


  1. 1 Carmilla DeWinter 29. Juli 2014 um 21:14 Uhr

    Mit einiger Verspätung: Jupp. Trotz des vernunfthalber beendeten MINT-Studiums.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 30. Juli 2014 um 8:15 Uhr

    Ich habe ja gar nichts gegen Minze, nur mag ich sie am liebsten im Mojito. :)

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