Lästern auf Französisch

Bei meinem letzten Besuch der Bibliothek fiel mein Blick auf einen Band mit Erzählungen (Contes) von Alfred de Musset. Den Autor kannte ich bis dahin so gut wie gar nicht – die berühmte Histoire d‘un merle blanc hatte ich irgendwann gelesen, ebenso ein paar Gedichte (ich erinnere mich dunkel an einen Mond, der über einem Kirchturm steht, so dass er wie ein Punkt auf einem i wirkt).
Nun habe ich das Buch durch, die Geschichten waren nicht schlecht und aus einer möchte ich ein wenig zitieren, einige Stellen waren wirklich lustig.
Die Geschichte selbst, Le Secret de Javotte, ist eher tragisch – am Ende verliert ein junger Mann im Duell sein Leben; wäre er weniger auf seine Ehre bedacht gewesen, hätte er sich (und vor allem seinem Bruder und seiner Mutter, die ihn sehr lieben) das Ganze ersparen können. Einige Passagen sind jedoch reizend.
Reizend fand ich zunächst das Verb voisiner, abgeleitet von voisin, „Nachbar“. „Voisiner est son lot ; c‘est même presque sa science, car il voisine comme personne ne le fait.“ (Nachbarn ist seine Sache; man könnte beinahe sagen, seine Wissenschaft, denn er nachbart wie kein Zweiter). Ich hätte geglaubt, Musset habe dieses niedliche Verb erfunden, aber der Petit Robert belehrt mich, dass es schon seit 1180 belegt ist und u.a. von Balzac verwendet wurde. Die Rede ist hier von einem gewissen Monsieur de la Bretonnière, der den beiden Brüdern auf die Nerven fällt (und den älteren am Ende tödlich verwunden wird). Armand, der jüngere, lästert viele Zeilen lang auf sehr amüsante Weise über ihn; ich möchte von seiner Charakterisierung nur ein kleines Stück zitieren:
„Il n‘est certes pas beau, il n‘a pas d‘esprit ; les trois quarts du temps il ne dit mot, et, par une faveur spéciale de la Providence, il trouve moyen, en se taisant, d‘être plus ennuyeux qu‘un bavard, rien que par la façon dont il regarde parler les autres.“ (Er ist gewiss nicht schön oder geistreich; drei Viertel der Zeit über sagt er überhaupt nichts und schafft es durch eine besondere Gunst der Vorhersehung, schweigend lästiger zu sein als ein Schwätzer, allein durch seine Art, den anderen beim Sprechen zuzuschauen.)
Eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt auch eine junge Dame, die ihren Namen jedes Mal ändert, wenn sie Wohnsitz und Beruf wechselt (so etwas kommt in einer anderen Erzählung auch noch einmal vor, offenbar war das damals üblich. Fällt jemandem, der viel Aufwand treiben musste, um den eigenen Namen amtlich zu ändern, natürlich auf). Momentan nennt sie sich Madame Rosenval und lebt recht gehoben, hat aber härtere Zeiten hinter sich, in denen es in ihrem Zimmer stets nach Kohl roch. Nachdem sie ausgerufen hat: „Le diable m‘emporte, je vous crois“ (Der Teufel soll mich holen, ich glaube Ihnen“), heißt es: „Mme Rosenval, dans ses nouvelles grandeurs, avait conservé quelques expressions qui sentaient encore un peu les choux.“ (Madame Rosenval hatte in ihre neue Vornehmheit einige Ausdrücke mitgenommen, die noch ein wenig nach Kohl rochen).
Gegen Ende der Geschichte durfte ich auch noch lernen, wie man auf Französisch zu jemandem sagt, sier komme genau im richtigen Moment: „Vous arrivez comme mars en carême“ (wie März in der Fastenzeit). Wobei der junge Tristan das sicherlich ironisch meint, denn wer da hereinkommt, ist niemand anders als eben sein Feind la Bretonnière.


3 Antworten auf „Lästern auf Französisch“


  1. 1 tschellufjek 22. Juli 2014 um 13:51 Uhr

    Alfred de Musset war mir bisher nur vom Namen her bekannt. Schöne Textpassagen! Ich lese momentan „Le rouge et le noir“ von Stendhal und stoße dort auch immer mal auf kleine sprachliche Leckerbissen :) Die blumige und schnörkelige Sprache, die damals verwendet wurde, kann manchmal zwar lästig sein, aber im Großem und Ganzen macht dies sprachlich gesehen den Charme der alten Romane/Novellen etc. aus.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 22. Juli 2014 um 18:39 Uhr

    „Le rouge et le noir“ habe ich vor 7 Jahren oder so gelesen, den ersten Teil auf Französisch und den zweiten auf Deutsch, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. An die Sprache kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass ich die ganze Story bzw. das Verhalten der Personen ein bisschen merkwürdig fand.

  3. 3 tschellufjek 22. Juli 2014 um 23:48 Uhr

    Ja, ich verstehe, was du meinst. Der Protagonist Julien Sorel nervte mich von Beginn an. So viel Stolz und Naivität auf einen Schlag, das bringt Leser_innen wie mich zur Weißglut. Ich denke, dass es auch allgemein der Geist dieser Zeit ist, der dem_der Leser_in von heutzutage Schwierigkeiten beim Nachempfinden gewisser Verhaltensweisen der Charaktere bereitet. Vielleicht schreibe ich hierzu mal einen Blogartikel… A voir!

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